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Marburg Eltern fordern Plan B
Marburg Eltern fordern Plan B
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09:04 01.09.2020
Quelle: Symbolfoto: Antti Aimo-Koivisto/Lehtikuva/dpa
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Die Volkshochschule hatte zu der Online-Elternakademie eingeladen. Gleich zu Beginn stellte Elternbeirätin Monika Kruse die Frage, auf die auch andere Eltern während der eineinhalbstündigen Online-Diskussion immer wieder zurückkamen: „Eltern interessiert, wie weit die Schulen mit der Organisation eines Plan B sind, wenn Präsenzunterricht eingeschränkt werden muss oder nicht mehr stattfinden kann.“

Verschiedene andere Eltern erzählten, welche Probleme es im Lockdown mit dem Homeschooling gab – verbunden mit der eindringlichen Bitte, dass es beim möglichen nächsten Mal besser laufen müsse. „Wenn eine Klasse in Quarantäne geschickt wird, wie gestaltet sich dann der Unterricht?“, fragte ein Teilnehmer. Eine andere Frau fragte: „Welche Defizite wurden erkannt und wie wurden diese behoben? Wie ist der Plan B? Was ist mit den Schulen, an denen es nicht gut geklappt hat?“

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Die Corona-Pandemie stellt Eltern, Lehrer und Schüler vor große Herausforderungen. Im nächsten OP-Talk am Donnerstag, 3. September geht es um das Thema: „Schule und Corona: Die große Herausforderung“. Der Livestream ist auf unserem Facebook-Kanal und unserer Webseite zu sehen.

Ab 19.30 Uhr berichten die vier Teilnehmer über ihre Erfahrungen in den heimischen Schulen in den ersten drei Wochen nach den Sommerferien, beantworten Fragen von Lesern und Nutzern der Social-Media-Kanäle der OP und schildern, wie sie die Situation für die Zukunft – auch vor dem Hintergrund der anstehenden Erkältungszeit – einschätzen.

Im OP-Talk dabei sind Burkhard Schuldt, der Leiter des Schulamts Marburg-Biedenkopf, Hille Kopp-Ruthner vom Leitungsteam des Kreisverbands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und außerdem Personalratsvorsitzende des Gesamtpersonalrats der Lehrerinnen und Lehrer Marburg-Biedenkopf, Monika Kruse, Vorsitzende des Kreiselternbeirats Marburg-Biedenkopf und Kreisschulsprecher Karl-Tizian Rückert.

Vom Lockdown berichtete ein Elternteil: „Kein sinnvolles Material von März bis Juli in einem Hauptfach“. Ein Vater merkte an: „Digitales Verteilen von analogen Arbeitsblättern ist kein Fernunterricht.“ Und eine Mutter fragte: „Gibt es irgendeine Anleitung oder Regel, wie Lehrer sich während des Homeschoolings verhalten müssen? Also, was das Minimum an Versorgung darstellt?“ Die Frau wünschte sich „bestimmte Standards, wie mindestens eine Videokonferenz pro Woche oder kurze Videoeinheiten zu Beginn des Tages“. Andere Eltern sahen das ähnlich.

„Man ist Elternteil, kein Profi im Unterrichten“

Eine Mutter regte darüber hinaus an: „Hilfreiche Dinge wären im Bereich Homeschooling: Wie gestalte ich den Tag?“ Manchen Schülern falle es schwer, ihren Tag zu strukturieren. „Jeder Lehrer schickt seine Unterlagen und man muss dann selbst organisieren, wie es abgearbeitet wird. Nicht jeder Schüler, nicht jede Schülerin kann das allein“, so die Mutter. Und: „Insbesondere für die Grundschule wäre auch ein begleitendes Arbeitsblatt für die Eltern hilfreich.“ Denn: „Man ist Elternteil und kein Profi im Unterrichten.“

Auch die Doppelbelastung von Eltern im Lockdown war Thema: „Im Homeschooling ist insbesondere in der Grundschule immer Betreuung durch die Eltern erforderlich. Wenn Eltern nebenbei auch noch einen Job haben, ist diese Betreuungsleistung ein massives Zeitproblem. Das sollte dringend beachtet werden, wenn Präsenzunterricht wieder eingeschränkt werden soll“, erklärte ein Vater. Und ein Elternteil berichtete: „Die Gestaltung des Tages war bei uns das größte Problem. Alleinerziehend mit acht Arbeitsstunden im Homeoffice kann man weder dem Arbeitgeber noch dem Kind gerecht werden.“

Digitale Ausstattung braucht deutliche Verbesserungen

Die Eltern forderten auch deutliche Verbesserungen der digitalen Ausstattung von Schulen und Fortbildungen für Lehrer. „Es wurden schon iPads angeschafft und verteilt, welches Ziel wird damit verfolgt? Gibt es Ansätze für ein einheitliches Konzept für digitalen/virtuellen Unterricht außerhalb des Präsenzunterrichts (Plan B)?“, fragte ein Teilnehmer. Eine Frau ergänzte: „Nur Endgeräte sind aber auch nicht die Lösung, wenn zu Hause kein Internet vorhanden ist.“ Eine andere fügte hinzu: „Oder in der Schule kein WLAN.“

Auch bei der Kommunikation zwischen Schulen und Familien und zwischen Schulamt beziehungsweise Schulträger und Familien ist den Eltern zufolge Luft nach oben. Dazu gab es Lob, aber auch Kritik. „Wir sind in der Lockdown-Zeit von den Lehrern überwiegend gut betreut worden, die Kommunikation war gut (E-Mails)“, berichtete ein Elternteil.

Ein anderer wünschte sich hingegen „spezielle Schulung für Lehrkräfte und Schulleitungen, wie man Kommunikation mit Eltern, Schülern und Schülerinnen anbietet.“ Elternbeirätin Kruse erklärte: „Ich habe den Eindruck, dass man die Kommunikation zu den Elternhäusern und die Transparenz nicht im Blick hat.“ Eine weitere Mutter erklärte, Eltern und Schülern sei daran gelegen, mit Kreis und Schulamt gemeinsam Lösungen zu finden. „Aber wir hatten in den vergangenen Monaten nicht das Gefühl, dass unsere Meinung im Rahmen eines vernünftigen Austauschs gefragt ist.“

Schulamtsleiter Burkhardt Schuldt und Kreisschuldezernent Marian Zachow nahmen Lob, Kritik und Anregungen aufmerksam auf und versuchten, direkt zu antworten. Ihre Aussagen waren indes nicht immer so konkret, wie sich das die teilnehmenden Eltern wünschten. Die Bedingungen an den einzelnen Schulen seien unterschiedlich, erklärte Schulamtsleiter Schuldt dazu. Deshalb gebe es nicht „den einen Plan B“, der für alle Schulen gleichermaßen passe.

Eine gute Nachricht sei, dass es genügend Lehrer an den Schulen gebe. Schuldt: „Die Grund-Unterrichtsversorgung ist personalmäßig abgedeckt.“ Und er betonte: Sollten erneut Einschränkungen des Präsenzunterrichts nötig werden, wäre die Situation eine andere als im März. „Wir sind auf jeden Fall besser vorbereitet.“

Es könne passieren, dass kurzfristig regional für einzelne Lerngruppen, Schulen oder Teile des Kreises der Schulbetrieb wieder eingeschränkt werden muss. Denkbar sei etwa der Wechsel zwischen Präsenztagen und Homeschooling. Laut Schuldt gibt es dafür einen Stufenplan. Die vollständige Schulschließung stehe dabei ganz am Ende.

Homeschooling soll jetzt auch benotet werden

Wie das Homeschooling aussehen muss, dafür gebe es inzwischen einen festgelegten Rahmen. „Das Material wird koordiniert zusammengestellt, und es gibt klare Regeln für den Rücklauf“, so der Schulamtsleiter.

Im vergangenen Schuljahr war das Homeschooling nicht benotet worden. Für das neue Schuljahr gelte das nicht mehr, stellt Schuldt klar. In Hessen gebe es inzwischen einen festgelegten Rahmen für das Distanzlernen. Und der sehe vor, dass die im häuslichen Lernen erbrachten Leistungen von Schülern bewertet werden. Das betrifft laut Schulamtsleiter Schuldt die Schüler, die aufgrund von Attesten aktuell ihre Schule nicht besuchen können und deshalb auf Distanz beschult werden. Es gilt aber auch, wenn es in den kommenden Monaten nötig werden sollte, den Präsenzbetrieb in den Schulen einzuschränken und wieder stärker – beispielsweise tageweise – auf häusliches Lernen auszuweichen.

Die Kommunikation zwischen Schule und Familien werde in Zukunft besser laufen, zeigte sich Schuldt überzeugt. Das Schulamt biete auch Beratung an, wenn Schulen dabei Probleme haben.

Lehrerfortbildungen stehen ganz weit oben

Das hessenweit angekündigte Schulportal, das die Kommunikation erleichtern soll, werde allerdings erst im Laufe des Schuljahres zur Verfügung stehen. „Das ist ein Problembereich, den wir haben“, gab Schuldt zu. Vorläufig bleibe es deshalb bei den schuleigenen Lösungen. Das gelte auch für Video-Konferenz-Systeme. Das Thema Lehrerfortbildung steht dem Schulamtsleiter zufolge weit oben. „Digitale Lehrerfortbildung hat Priorität; das geht aber nicht in wenigen Wochen.“ Lehrer hätten eine Fortbildungspflicht – auch in der unterrichtsfreien Zeit. Schuldt betonte dabei aber auch, dass die Bereitschaft zur Fortbildung bei den Lehrern sehr hoch sei.

Zugleich arbeitet der Kreis laut Schuldezernent Marian Zachow an der technischen Ausstattung von Schulen und Schülern. 400 Geräte seien bereits kreisweit verteilt worden. „Ziel ist, dass jeder Schüler, der das nicht selbst schultern kann, mit einem Gerät ausgestattet wird.“ Der Kreis suche auch mit Familien nach Lösungen, wenn zu Hause das Internet fehlt.

Sorgenkind sei die WLAN-Ausstattung der Schulen, räumte Zachow ein. Die Bandbreite reiche oft nur für drei bis sechs Leute gleichzeitig. Dass mehrere Klassen gleichzeitig Lernprogramme nutzen, sei dann nicht möglich. Der Kreis arbeite daran, Glasfaser in alle Schulen zu bringen; und in den nächsten zwei Jahren solle WLAN in jedes Klassenzimmer kommen.

Wichtig sei, dass Schulträger, Schulamt, Schulen und Familien im Dialog bleiben – darin waren sich die Teilnehmer der Online-Elternakademie nach eineinhalb Stunden einig. Eltern, die Sorgen haben, sollten zuerst das Gespräch mit der Schule suchen. Wenn sich dort keine Lösung findet, können sich Eltern aber auch an das Schulamt als Ansprechpartner (Infos auf www.schulamt-marburg.hessen.de) oder den Kreiselternbeirat (www.keb-marburg-biedenkopf.de) wenden.

von Susan Abbe

01.09.2020
31.08.2020