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Marburg Corona erschwert den Abschied von Café und Kunden
Marburg Corona erschwert den Abschied von Café und Kunden
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17:58 12.05.2021
Axel Vetter hat seine Mutter Martina nun in den Ruhestand verabschiedet – nach 43 Berufsjahren.
Axel Vetter hat seine Mutter Martina nun in den Ruhestand verabschiedet – nach 43 Berufsjahren. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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„Jetzt ist der Generationswechsel endgültig vollzogen“, sagt Axel Vetter und schaut dabei ein wenig wehmütig. Denn nachdem er zwar bereits in 2005 das traditionsreiche Café Vetter in vierter Generation übernommen hat, geht nun seine Mutter Martina in den Ruhestand – nach 43 Berufsjahren.

„Für mich ist es ein Lebensabschnitt, der zu Ende geht“, sagt Martina Vetter. Und dieses Ende, das hätte sie sich durchaus anders gewünscht. „Ich habe mir meinen Übergang ins Rentenalter durchaus anders vorgestellt“, sagt sie im Gespräch mit der OP. Als Ersatz für sie, so war es mit Sohn Axel besprochen, wurde eine Kraft eingearbeitet – „und kaum war sie einige Wochen hier, kamen Corona und Kurzarbeit“. Mit der Folge, dass man im Laden nicht mehr so viele Verkäuferinnen benötige und der Service ohnehin nicht benötigt werde, weil der Café-Bereich geschlossen ist. „Eine neue Kraft kann den Laden noch nicht alleine bewältigen – und fällt dann gleich hinten runter, das ist so bedauerlich“, sagt sie.

Und noch etwas findet Martina Vetter sehr schade: „Durch Corona ist mir auch die Gelegenheit genommen worden, mich richtig zu verabschieden.“ In den gut vier Jahrzehnten habe sie so viele Kunden kennen und schätzen gelernt, „viele Stammkunden sind mir auch richtig ans Herz gewachsen“. Auch habe sie zahlreiche Kinder von Kunden kennengelernt, „damals waren sie so alt wie meine Enkelkinder jetzt“. Vor allem ihre „Samstagskinder“ sind ihr noch in Erinnerung. Also die Kinder der Eltern, die samstags zum Frühstücken kamen. „Die sind jetzt auch erwachsen, stehen mit beiden Beinen im Leben – und haben selbst eigene Kinder“, sagt Martina Vetter lachend. Vor diesem Hintergrund sei es nun das berühmte lachende und das ebenso berühmte weinende Auge, „ich hätte mir einfach ein bisschen mehr Zeit gewünscht, in der ich hätte Abschied nehmen können“.

Das habe Corona verhindert. Insgesamt sei die Pandemie extrem für die Gastronomie. „Eine Situation wie jetzt, das haben wir noch nie erlebt“, sagt die 65-Jährige. Ja, es habe auch vorher immer mal schwierige Zeiten gegeben. Etwa damals, als die Reitgasse gepflastert wurde und das Café Vetter quasi unerreichbar war, „da mussten wir uns auch durchbeißen und versuchen, alle Mitarbeiter zu halten – was uns auch gelungen ist“. Auch die heißen Sommer seien eine Herausforderung gewesen, „auch das haben wir immer gemeistert“. Aber dass das Café seit Monaten geschlossen ist – „undenkbar“, sagt Martina Vetter. Doch für sie steht fest: „Wir sind ein Familienbetrieb und Familie hält zusammen. Dann klappt das auch – es wird weitergehen.“

Doch wie begann die Geschichte, die nun ein zumindest vorläufiges Ende findet, überhaupt? „Ich komme ja gar nicht aus der Branche, sondern war damals Studentin“, sagt sie lachend. Mit Freunden hatte sie damals einen Stammtisch, „und es war klar: Immer, wenn ich ins Café Vetter kam, triffst du auch Bekannte, es war eine Anlaufstelle für unseren Freundeskreis.“ Und irgendwann habe es dann eben auch eine Verbindung zu ihrem zukünftigen Mann gegeben. Und so stieg Martina Vetter auch in die Arbeit im Café ein, brach das Studium ab. „Da ich schon als Schülerin sonntags im Café Wolf in Kirchhain im Verkauf gearbeitet habe, war ich mit Cafés schon immer verbunden“, sagt sie. Und schwärmt: „Ich habe es nie bereut, denn der Beruf ist sehr schön und vielseitig.“

Den Verkäuferinnen-Beruf habe sie zwar nicht erlernt, „aber entscheidend ist, was man daraus macht. Die Arbeit in der Konditorei bietet so viele Möglichkeiten – es geht nicht nur darum, dass man Ware einpackt und verkauft.“ Auch, wenn Martina Vetter „fachfremd“ war, so hat sie doch zahlreiche Möglichkeiten der Weiterbildung und Lehrgänge genutzt, „um so in den Beruf reinzuwachsen“. Kreativität gehöre dazu, die Freude am Dekorieren und Gestalten, die Beratung der Kunden „und natürlich der Umgang mit den Menschen – das ist eine immense Vielseitigkeit. Und wenn man den Beruf hat, dann bieten sich weltweit Möglichkeiten, das habe ich auch immer unseren Auszubildenden geraten.“ Das sei ihr auch immer wichtig gewesen: die Jugend zu motivieren. Und letztlich „hat es mich immer mit Freude erfüllt, meinem Mann immer ein wenig den Rücken freihalten zu können, ohne den Beruf wirklich gelernt zu haben“.

Damit hat sie übrigens mit der Tradition der eigenen Familie gebrochen: Sowohl die Eltern waren Beamte, als auch beide Geschwister. „Da war es anfangs nicht so ganz leicht, sie davon zu überzeugen, dass ich sonntags, wenn bei uns Hochbetrieb im Café herrschte, nicht vorbeikommen konnte. Dieser scharfe Kontrast zwischen einem selbstständigen Familienbetrieb und einem Beamtenhaushalt, der war anfangs schon hart.“ Doch das Verständnis für die Situation wuchs, „und als ich selbst Kinder hatte, haben mich meine Eltern immer unterstützt – das werde ich ihnen auch nie vergessen.“

Meilensteine im Café gab es viele. Etwa der Bau des Verkaufsraums vor mehr als 35 Jahren, „das war ein ganz großes Projekt“. Oder die Veranstaltungsreihe „Literatur um 11“, die im Café Vetter ihren Anfang nahm „und durch die ganz viele menschliche Verknüpfungen entstanden sind“. Klavierspiel, Jazz-Abende – es war immer was los. Und auch Promis kamen ins Café Vetter: Udo Jürgens kam zum Frühstück ebenso vorbei wie Mario Barth.

Doch jetzt ist Ruhestand angesagt. Und zwar aktiver Ruhestand. Denn gemeinsam mit ihrem Mann will Martina Vetter gerne einige Reiseziele ansteuern. „Deutschland hat so viele schöne Ecken“, sagt sie. Rügen sei etwa eines der Ziele. Und: Schweden hat es den Vetters angetan, „das ist meine zweite Heimat. Dort mal den gesamten Sommer zu verbringen, wäre schön.“ Martina Vetter sagt lachend: „Es ist nicht so, dass ich mich zu Hause aufs Sofa setze und nicht mehr weiß, was ich machen soll.“ Und eine Rückkehr ins Café ist nicht ausgeschlossen. „Wenn Axel und seine Frau Susanne mal Urlaub machen wollen – dann bin ich da“, verspricht sie.

Von Andreas Schmidt

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