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Marburg Corona droht das „Bermuda“ zu versenken
Marburg Corona droht das „Bermuda“ zu versenken
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17:00 05.07.2020
Stefanie Mertens von der Bar „Bermuda“ in Marburg bangt wegen Corona um den Fortbestand ihres Ladens – und somit auch ihrer wirtschaftlichen Existenz. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Durch die Bäume im Biergarten brechen einige Sonnenstrahlen hindurch, auf dem Erdboden sorgt das für ein wirres Licht- und Schattenspiel. Die Momentaufnahme an diesem Juni-Mittag in der Darts- und Billard-Bar „Bermuda“ könnte sinnbildlich für die Stimmung stehen, die in vielen Restaurants, Kneipen, der Marburger Freizeit-Branche insgesamt in der Corona-Pandemie, während dem Lockdown und dessen Lockerungen herrscht: Erst die komplette Düsternis durch die faktischen Zwangsschließungen, dann die zwar von vielen Hygiene-Vorschriften begleitete Wiedereröffnungserlaubnis, samt etwas Hoffnung und nun das Verharren in dem, was viele Gastronomen und Einzelhändler als „Schein-Normalität“ bezeichnen: Öffnen dürfen, aber auch nach Wochen kaum genug Kunden für die Kostendeckung haben.

„Das schlimmste ist die Hilflosigkeit, die Ohnmacht aushalten zu müssen“, sagt Bermuda-Inhaberin Stefanie Mertens, als sie unter den Bäumen im Biergarten sitzt. Unverschuldet in eine Situation gekommen zu sein, in der die eigene Firma, deren Mitarbeiter, die ganze Selbstständigkeit und somit die private Existenz vor dem Aus stehen, sei „kaum zu verarbeiten, es ist zum verzweifeln“. Die Emotionen sitzen tief in Mertens, denn sie betreibt in Marburg ein Billard- und Dartlokal mit einer wohl deutschlandweit einmaligen Geschichte: Im Jahr 2008 zog der damals arbeitslose Dirk Ballerstädt mit ihr und Freunden den Laden hinter dem Burgerladen „Chevy“ hoch; nicht zuletzt, weil sie Ex-Oberbürgermeister Egon Vaupel ein selbst gedrehtes Video zum Billard-Tisch-und-Dartscheiben-Mangel in Marburg zeigten. Aus einer alten Werkstatthalle auf einer Brachfläche machten sie so im Laufe der Jahre einen angesagten Treffpunkt, in dem vom Akademiker bis zum Autoschrauber breite Gesellschaftsschichten zusammenkommen, um Pfeile zu werfen, Kugeln in Löchern zu versenken oder an der Theke zu schwätzen. „Das hier“, sagt Mertens und deutet auf die innen mit Gemälden und Fotos verzierten Halle, „ist mit Hingabe aufgebaut und geführt worden.“

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„Ich weiß nicht, wie oder ob es überhaupt weitergeht“

Als Ballerstädt, der später auch mit einem Hessischen Gründerpreis ausgezeichnet wurde, dann vor einigen Jahren starb, gab Mertens ihm ein Versprechen: Sie führt seinen Betrieb weiter, hält das Andenken an ihn und seinen Traum, seine Leistung hoch. „Das ist ein Vermächtnis. Ich mache hier genau mein Ding, hier steckt viel Liebe drin“, sagt die gelernte Klavier- und Cellobauerin. Aber das „Bermuda“ sei nun so bedroht, wie es das nur in den Anfangsjahren, als sie sich erst noch einen Namen machen mussten, war. Schon immer habe man zwischen Herbst und Frühjahr das Geld verdienen müssen, um über den einnahmetechnisch mauen Sommer zu kommen. Das Bermuda, vor allem Billard und Darts, sei ein Saisongeschäft. „Wir sind von dem Corona-Lockdown und den Folgen sehr hart getroffen. Ich weiß nicht, wie oder ob es überhaupt weitergeht.“

Und weil das so ist, hat Mertens in den vergangenen Wochen das gemacht, was Ballerstädt einst überhaupt erst zur Gründung verhalf: Videos gedreht. Sie erzählt bei den ins Internet geladenen Videos von ihren Ängsten, den Sorgen und die problematische Perspektive für die ganze Branche. Sie fleht die Marburger, die Landkreis-Bewohner regelrecht an, wieder ins „Bermuda“ zu kommen. „Ich kann mich verrenken wie ich will: Ohne die Kunden geht es hier nicht weiter“, sagt sie. An den ersten Abenden nach der Wiedereröffnung seien zwar noch durchaus viele Gäste gekommen, zumindest so viele wie überhaupt noch zugelassen sind. Aber gerechnet habe sich das nicht. „Wenn dann 100 Euro in der Kasse sind, bringt es nichts.“ Nach der ersten Neugier-Welle habe die Gästezahl wieder abgenommen. Die einen litten weiterhin unter Ansteckungsangst, die anderen fühlen sich von der Datenangabe oder der gänzlich anderen Atmosphäre abgeschreckt. „Dagegen bin ich machtlos.“

Die Verantwortung, ein Vermächtnis zu schützen

Für sie ist diese Macht- und Perspektivlosigkeit allen Soforthilfen zum Trotz existenzbedrohend. Vor Wochen füllte sie bereits einen Hartz-IV-Antrag aus, kam auf dem Weg zum Kreisjobcenter am Ausgabe-Zelt der Marburger Tafel vorbeikam. „Lange Schlangen von Menschen, die Lebensmittelspenden brauchen. Ich scheue mich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber ich wollte mich nicht in dieser Lage sehen und musste anfangen zu weinen“, sagt die alleinerziehende Mutter. Sie sei mittlerweile „über den Punkt der Existenzangst für mich selbst hinaus, ich werde mich irgendwie neu erfinden können. Aber ich habe Verantwortung für meine Mitarbeiter und das Vermächtnis von Dirk.“ Für den Moment versucht sie den eher unbekannten Biergarten zu bewerben, aber eigentlich richtet sich der Blick – sofern sich das „Bermuda“ überhaupt bis dahin schleppen kann – auf September, den fast natürlichen Beginn des Innenraum-Lebens. „Das jetzt nicht verdiente Geld, verdient man auch dann nicht mehr. Aber wenn der Laden wieder voll werden darf und sich Gäste wohlfühlen können, wird er auch wieder voll werden. Dafür kämpfe ich.“

von Björn Wisker