Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Wie das „Unwort“ nach Marburg kommt
Marburg Wie das „Unwort“ nach Marburg kommt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 05.01.2022
Die Unwörter des Jahres von 1991 bis 2020.
Die Unwörter des Jahres von 1991 bis 2020. Quelle: www.unwortdesjahres.net; Grafik: mr//media, Yannik Weiershäuser
Anzeige
Marburg

Die Pandemie hat im vergangenen Jahr unseren Alltag dominiert und für heftige Auseinandersetzungen gesorgt. Im aufgeheizten politischen Klima haben sich einige Menschen im Ton vergriffen, radikale Gegner der Corona-Politik wurden sogar gewalttätig. Kein Wunder also, dass Ausdrücke mit Corona-Bezug auch bei den Vorschlägen zum „Unwort des Jahres“ ganz vorn dabei sind. „Wir haben weit über 1 000 Einsendungen“, sagt die Sprecherin der Jury, die Marburger Professorin Dr. Constanze Spieß. „Dabei dominiert der Corona-Diskurs. Eingereicht wurden dazu unter anderem ‚systemrelevant‘ und ‚Impfmassaker‘.“ Auch „Querdenker“ wurde vorgeschlagen. Die Diskurse über Missbrauchsfälle und Migration spielten ebenfalls eine Rolle, etwa mit dem Ausdruck „Pushback“, der im Zusammenhang mit Zurückweisungen von Geflüchteten an den EU-Außengrenzen verwendet wurde.

Die Marburger Professorin Dr. Constanze Spieß ist Sprecherin der Jury zum "Unwort des Jahres". Quelle: Privatfoto

Bis zum Jahresende konnten Bürgerinnen und Bürger Vorschläge für das „Unwort des Jahres 2021“ einreichen. Welcher Ausdruck den (Negativ-)Titel schließlich bekommt, wird die Jury am Mittwoch nächster Woche, dem 12. Januar, bekanntgeben. Und zwar erstmals in Marburg, an der Philipps-Universität. Denn: Die neue Sprecherin der Jury der sprachkritischen Aktion, Professorin Spieß, lehrt an der Marburger Universität. Ihre Vorgängerin als Jury-Sprecherin, Professorin Dr. Nina Janich, ist zwar ehemalige Marburgerin – sie hat das Gymnasium Philippinum besucht. Aber weil Janich Professorin an der TU Darmstadt ist, wurde dort auch bis Anfang 2021 das Unwort bekanntgegeben.

Jury-Mitglieder sind Fachleute für Sprache

Seit Januar 2021 ist Spieß nun Jury-Sprecherin. Zuvor gehörte sie dem Gremium nicht an – wie alle jetzigen Jury-Mitglieder. „Es gab einen Generationenwechsel“, erklärt Spieß, „die alte Jury hatte das schon über zehn Jahre gemacht.“ An der Struktur der Jury habe sich aber nicht viel geändert: zwei Wissenschaftlerinnen, zwei Wissenschaftler, eine Journalistin plus jedes Jahr ein Gastmitglied.

Wie wird man Mitglied der sprachkritischen Jury? „Wir wurden von der alten Jury gefragt, ob wir das übernehmen wollen“, berichtet Spieß. Gesucht wurden Jury-Mitglieder, die sich fachlich mit dem Sprachgebrauch auseinandersetzen. Genau das macht die Universitätsprofessorin Spieß im Institut für Germanistische Sprachwissenschaft als Leiterin der Arbeitsgruppe Pragmalinguistik. Ihre Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind unter anderem der Sprachgebrauch in Politik und öffentlichen Diskursen, Wahlkampfkommunikation, die Theorie des sprachlichen Handelns, Bioethik-Diskurse, Genderlinguistik sowie Sprache und Gewalt. Es sind Themen, die viel mit der Arbeit der „Unwort“-Jury zu tun haben, bei der es auch um Sprache in Politik und öffentlichen Debatten geht.

„Schlafstörung“ ist kein Unwort

Die Aktion „Unwort des Jahres“ soll auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen. Dabei geht es nicht um reine Schimpfwörter. Auch eine sachgerechte Bezeichnung für etwas Unerwünschtes ist kein Unwort, wie der Initiator der Unwort-Suche, der Frankfurter Professor Horst Dieter Schlosser, gerne am Beispiel des Wortes „Schlafstörung“ erklärte. Ihn hatte einmal eine Frau angerufen, die unter Schlafstörungen litt und dies deshalb als Unwort vorschlug. Doch eine Schlafstörung sei ein „Unding“, kein „Unwort“, so Schlossers Erläuterung. Auch „Corona-Pandemie“ ist dementsprechend kein Unwort – sondern ein Unding.

Was macht also ein Unwort aus? „Es gibt vier zentrale Kriterien“, sagt die Jury-Sprecherin Spieß. „Ein Sprachgebrauch, der gegen das Prinzip der Menschenwürde verstößt oder gegen die Prinzipien der Demokratie, außerdem die Diskriminierung einer gesellschaftlichen Gruppe und ein Sprachgebrauch, der verschleiernd ist.“

Letzteres ist zum Beispiel beim Wort „Rückführungspatenschaften“ der Fall, das vor einem Jahr als eines von erstmals zwei Unwörtern des Jahres gekürt wurde. Die damalige Jury nannte es beschönigend und zynisch, mit dem christlich geprägten Begriff Patenschaft zu umschreiben, dass sich EU-Staaten um die Abschiebung abgelehnter Asylsuchender kümmern. Das andere Unwort des Jahres 2020 war „Corona-Diktatur“, eine Verharmlosung wirklicher Diktaturen. Ein Beispiel für die Diskriminierung einer gesellschaftlichen Gruppe mit einem Unwort ist „Wohlstandsmüll“ (1997) als Bezeichnung für Menschen, die nicht arbeiten können oder wollen. Gegen demokratische Prinzipien gerichtet ist „alternativlos“, das Unwort des Jahres 2010. Auch Ausdrücke, die Menschen zu bloßen wirtschaftlichen Größen degradieren, hat die sprachkritische Aktion zu Unwörtern gekürt, etwa „Ich-AG“ (2002) und „Humankapital“ (2004).

Es kommt auch auf den Zusammenhang an

„Nicht alle Einsendungen sind auch Unwörter“, sagt Spieß. Deshalb richtet sich die Jury nicht danach, wie oft ein Ausdruck vorgeschlagen wurde, sondern nach qualitativen Kriterien. Und dabei kommt es oft darauf an, in welchem Zusammenhang ein Wort verwendet wird, erklärt die Jury-Sprecherin. „Deshalb brauchen wir bei den Einsendungen eine Begründung, warum es als Unwort wahrgenommen wurde, und eine Quelle.“

„Peanuts“ zum Beispiel wurde durch den Kontext zum Unwort des Jahres 1994: Mit dem scheinbar harmlosen Wort „Erdnüsse“ bezeichnete ein Bankmanager Außenstände von 50 Millionen Mark. Für Banken waren sie eine Kleinigkeit, doch kleine Firmen brachten sie an den Rand des Ruins.

Die Jury-Mitglieder recherchieren nach, in welchem Kontext ein Wort verwendet wurde und aus welcher Quelle es stammt, erklärt Spieß. So entstehe eine Liste besonders geeigneter Unwort-Kandidaten. Auf dieser Basis muss die Jury schließlich ihre Entscheidung fällen. Am kommenden Wochenende ist Jury-Sitzung – mit offenem Ende. „Wir diskutieren so lange, bis wir ein Unwort haben“, sagt Spieß. Das Ergebnis erfährt die Öffentlichkeit am 12. Januar.

Unwort des Jahres

Das „Unwort des Jahres“ wird seit 1991 gekürt. Initiator war der Frankfurter Linguistik-Professor Horst Dieter Schlosser. Bis 1994 wurde das „Unwort des Jahres“ im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gewählt. Nach Konflikt mit dem Vorstand der GfdS machte sich die Jury als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ selbstständig. Die sprachkritische Aktion ist an keine Institution gebunden, und die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich.

Jury-Mitglieder sind derzeit Prof. Dr. Constanze Spieß (Sprecherin), die Germanistin Dr. Kristin Kuck, die Journalistin Alexandra-Katharina Kütemeyer sowie die Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Martin Reisigl und Dr. David Römer. Ergänzt wird die Jury in jedem Jahr durch eine Gästin oder einen Gast – in diesem Jahr ist der Investigativ-Journalist Harald Schumann dabei.

Dagegen wird das „Wort des Jahres“seit 1971 von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden gewählt. Es ist der Begriff, der nach Ansicht der Experten die öffentliche Diskussion in den vergangenen zwölf Monaten am meisten geprägt hat.

Von Stefan Dietrich

05.01.2022
04.01.2022