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Marburg Zu wenige Menschen nutzen Warn-App
Marburg Zu wenige Menschen nutzen Warn-App
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08:00 26.10.2020
Professor Harald Renz. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Zahlen der Corona-Infektionen steigen kontinuierlich an, der Landkreis befindet sich in der fünften von fünf Warnstufen. Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer am UKGM Marburg, beantwortet für die OP wichtige Fragen rund um den Themenkomplex.

Was gibt es Neues zur Corona-Warn-App der Bundesregierung?

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Immer noch hat nur ein kleinerer Teil der Bevölkerung sich die Warn-App der Bundesregierung heruntergeladen. Gegenwärtig gibt es zirka 16 Millionen Nutzer. Gleichzeitig besteht immer noch das Problem, dass nicht alle Testlabore und damit auch nicht alle Testergebnisse (positive und negative) an den zentralen Server der Bundesregierung weitergeleitet werden. Die aktuellen Zahlen sind nur zirka 10.000 positive Testergebnisse seit Beginn der Übertragung. In der letzten Zeit werden nur weniger als zehn Prozent aller positiven Testresultate in die Corona-Warn-App eingespeist.

Ein weiteres Problem ist die Anbindung der Testlabore an den zentralen Server. Diese Anbindung ist sehr teuer, für einzelne Labore liegt der Betrag bei um die 20 000 Euro. Darüber hinaus sind nicht alle Handys immer eingeschaltet, welche die Warn-App heraufgeladen haben. Dies alles schränkt den Nutzen der gut gemeinten Warn-App stark ein und wiegt diejenigen in vermeintlich falscher Sicherheit, die keine Hinweise auf potenzielle mit dem Coronavirus infizierte Personen aus ihrem Umkreis erhalten.

Damit ist unter den gegebenen Nutzungs- und Anwendungsbedingungen die Corona-Warn-App leider nicht in der Lage, als schlagkräftiges Instrumentarium zu dienen. Zu wenige Menschen nutzen sie, zu wenige Testergebnisse sind eingespeist und damit wiegen sich viele Anwender dann in trügerischer Sicherheit, wenn die Warn-App „grün“ zeigt.

Wie steht es um den Corona-Impfstoff?

Von dem Corona-Impfstoff kann gar keine Rede sein. Wenn, dann wird es am Ende des Tages eine ganze Reihe von verschiedenen Impfstoffen geben, die auch auf unterschiedlichen Konzepten beruhen. Eines dieser Konzepte wird von der Firma BioNTec in Mainz verfolgt, die gerade in der letzten Zeit hier in Marburg Furore machte, weil sie eine Zusammenarbeit mit Novartis eingegangen ist und ihren potenziellen neuen RNA-basierten Impfstoff hier in Marburg produzieren möchte. Denn hier haben wir Herstellungsmöglichkeiten, wie sie sonst kaum auf der Welt vorhanden sind. Die hier vorhandenen Herstellungslabore gestatten die Herstellung dieses besonderen Impfstoffes in großen Mengen hier vor Ort.

Damit würde Marburg, zumindest was diese Impfstoffstrategie anbelangt, in den Mittelpunkt gerückt werden. Aber noch ist es nicht so weit, denn auch bei den Impfstoffen gilt es, verschiedene Phasen der vorklinischen und klinischen Prüfung zu durchlaufen, bevor dann letztlich die Zulassungsbehörden den Einsatz eines solchen neuen Impfstoffes freigeben.

Die Behörden in Deutschland gehen heute davon aus, dass zirka Mitte 2021 mit der Zulassung von Impfstoffen zu rechnen sei. Und selbst wenn es dann einen oder mehrere zugelassene Impfstoffe gibt, stellen sich schon heute eine Vielzahl von Fragen.

Wie häufig muss man geimpft werden, um einen Schutz auszubilden?

Reicht eine einmalige Impfung oder muss, wie bei vielen anderen Impfstoffen auch, wiederholt geimpft werden? Wie hoch ist die optimale Impfdosis, die verabreicht werden muss?

Welche Nebenwirkungen treten auf und womit ist zu rechnen? Wie lange wird der Impfschutz anhalten?

Gerade diese letzte Frage ist von besonderer Bedeutung, weil davon auszugehen ist, dass sich das Coronavirus über die Zeit hinweg genetisch verändert und es bleibt dann nur zu hoffen, dass auch die veränderten Viren dann von der Immunantwort erkannt werden, die mit dem Impfstoff erzielt worden ist. Bei der Grippeimpfung wissen wir ja, dass wir jedes Jahr mit einem neuen Impfstoff antreten müssen, eben genau weil das Virus sich so rasch ändert in seiner Struktur.

All dies ist noch völlig unklar und offen, auch die Frage, ob alle gleichermaßen von einer Impfung profitieren. Insbesondere natürlich die Frage, ob die Risiko-Population vom Impfstoff profitieren wird, die ja häufig direkt oder indirekt von Grunderkrankungen immungeschwächt ist. Dazu zählt auch die ältere Bevölkerung, die besonders gefährdet ist, an schweren Corona-Verläufen zu erkranken. Hier gibt es noch mehr Fragen als Antworten.

Selbst wenn es gelingen würde, 100.000 Menschen jeden Tag zu impfen (was eine enorm hohe Zahl wäre für Deutschland), würden wir am Ende des Jahres immer noch nur 36 Millionen Menschen geimpft haben. Wir bräuchten also weit mehr als zwei Jahre, um die gesamte Bevölkerung zu impfen.

Und dann ist die Frage, ob der Impfstoff, den man vor zwei Jahren angewandt hat, danach immer noch seine Wirkung entfaltet in Bezug auf einen immunologischen Schutz gegen Coronavirus-Infektion oder ob man dann nicht gerade wieder von vorne mit Nach- und Neuimpfungen durchstarten müsste.

Also auch schon von der Seite der Logistik her eine enorme Herausforderung. Hier müssen also Logistik, Wissenschaft, Medizin und Ökonomie ganz eng miteinander verzahnt werden, um über die Impfung eine Ausrottung des Coronavirus zu erlangen.

Immer noch mehr Fragen als Antworten. Wir müssen einfach abwarten, wie die wissenschaftliche Entwicklung weitergeht und was die Daten zeigen werden.

von unseren Redakteuren