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Marburg Was ist mit den Nicht-Corona-Patienten?
Marburg Was ist mit den Nicht-Corona-Patienten?
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08:30 01.05.2020
Professor Harald Renz. Quelle: Thorsten Richter
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Sind in Marburg Patienten am Coronavirus verstorben?

Professor Harald Renz, ärztlicher Geschäftsführer am UKGM: Nein, bisher ist kein Patient aus unserem Versorgungsgebiet am Coronavirus hier im Universitätsklinikum verstorben – bei mehr als 20 stationär behandelten Patienten. Nun sind im Vergleich, zumindest zu anderen “hot spots” in Deutschland, im Landkreis Marburg-Biedenkopf, auch nicht allzu viele Patienten mit Coronavirus-Erkrankung behandelt worden, zum Glück. Aber wir überblicken doch eine stattliche Zahl an Intensivpatienten, viele davon auch beatmet, einer davon auch an der künstlichen Lunge angeschlossen. Vielen Patienten geht es zunehmend besser, manche Patienten sind auch schon von der Beatmung wieder abgekoppelt worden oder haben sogar die Intensivstation verlassen.

Dieses ist ein außerordentlich erfolgreiches Ergebnis, das im Wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass die medizinische Versorgung fächerübergreifend in Marburg ganz ausgezeichnet klappt. Ohne dieses Zusammenspiel vieler Rädchen, die perfekt in Marburg ineinandergreifen, wäre der Ausgang bis zum heutigen Tage sicherlich nicht so wie er sich jetzt darstellt.

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Ganz besonderer Dank gilt den Ärzte- und Pflegeteams und vor allen Dingen auch der Krankenhaushygiene. Sie ist ganz besonders gefordert, weil sie ja nicht nur die Patienten schützt, sondern auch die Mitarbeiter des Klinikums, und dies in einer Situation, wo die Versorgung mit Schutzausrüstung nicht einfach ist. Dieses alles zu koordinieren und für Nachschub zu sorgen, ist die Aufgabe unserer Materialwirtschaft, auch hier gebührt hohe Anerkennung für das jetzt Geleistete.

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Dann schreibt uns eine E-Mail an beratung@op-marburg.de mit Euren Fragen. Ganz egal, ob es medizinische Fragen sind, Fragen des Arbeitsrechts oder anderes. Die OP wird die Fragen vorsortieren und legt sie einem Experten vor. Die Antworten lest Ihr in der Oberhessischen Presse oder hier auf op-marburg.de. Wenn Ihr nicht wünscht, dass Euer Name erwähnt wird, vermerkt das bitte ausdrücklich. 

Sind bei Covid-19-Patienten auch andere Organe als die Atemwege und die Lunge betroffen?

Renz: Auch hier mehren sich die Erkenntnisse. Die klinischen Beobachtungen legen nahe, dass neben den Atmungsorganen auch Herz und Blutgefäße sowie das Nervensystem betroffen sein können. Zum Herz-Kreislauf-System: Es ist auffällig, dass ein gehöriger Teil der verstorbenen Covid-19-Patienten nicht unbedingt aufgrund von Beatmungsproblemen verstirbt, sondern aufgrund von Komplikationen des Herz-Kreislaufsystems. Der Herzmuskel scheint bei diesen Patienten mitbetroffen zu sein. So ist bei diesen Patienten ein wichtiger Blutmarker erhöht, der normalerweise dazu herangezogen wird, um einen Herzinfarkt zu diagnostizieren (das sogenannte Troponin). Offen ist nach wie vor der Grund dieser Herzmuskelbeteiligung. Handelt es sich dabei um eine direkte Attacke des Virus auf den Herzmuskel, in deren Folge es im Herzmuskel zu einer Entzündung als Abwehrreaktion kommt, oder ist dies eine indirekte Folge der Virusinfektion, weil bestimmte Komponenten der Herz-Kreislauf-Regulation gestört sind?

Ferner ist auffällig, dass viele Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen schon einen bestehenden Herzschaden aufweisen oder andere Herz-Kreislauf-Probleme mitbringen. Umgekehrt heißt dies aber auch, ein gesundes Herz-Kreislaufsystem kann mit einer Sars-CoV-2-Infektion besser umgehen, als der – oft auch ältere – vorgeschädigte Patient.

Dann spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle im weiteren Verlauf. Viele der schwererkrankten Patienten entwickeln einen sogenannten „Zytokinsturm“. Das wird als ehestes interpretiert als eine Hyper-Inflammation, also eine Überreaktion des Abwehrsystems, das hier völlig aus dem Lot gerät. Eine solche massive Überaktivierung kennt man auch in ähnlicher Form bei bestimmten Formen der Blutvergiftung (Sepsis). Ein solcher Zytokinsturm stellt die Kliniker vor große Herausforderungen, denn er lässt sich therapeutisch nur sehr schwer beherrschen. Dies ist auch einer der Ansätze der Kollegen hier im Universitätsklinikum um Studienleiter Professor Andreas Neubauer, der versucht, über einen neuen innovativen Ansatz diesen Zytokinsturm schon im Ansatz zu beherrschen und zu unterdrücken. Erste, hier in Marburg behandelte Patienten zeigen ein überraschend gutes Ansprechen auf diesen neuen Therapieansatz. Allerdings sind noch weitergehende Studien erforderlich, um eine vorläufige Beurteilung zu gestatten.

Eine weitere Auffälligkeit ist die Beteiligung des Gerinnungssystems. Auch hier kommt es zu einer Überaktivierung, deren Grund und Ursache auch noch nicht hinreichend verstanden wird.

Und schließlich das Nervensystem: Schon aus früheren Berichten über Patienten in China ist bekannt, dass Covid-19-Patienten über eine ganz charakteristische Störung des Geruchs- und Geschmackssinns berichten. Das wird so interpretiert, dass das Virus über Nervenenden in der Nase direkt Nervenzellen befallen kann. Auch wurde das Virus bei den zurückliegenden Sars- und Mers-Coronavirus-Epidemien in der Rückenmarksflüssigkeit nachgewiesen. Und viele Patienten klagen über Kopfschmerzen, Schwindel und teilweise sogar über Bewusstseinsstörungen und Krämpfe.

Was wird aus Covid-19- Patienten im weiteren Verlauf? Bleiben Restschäden?

Renz: Umso mehr Covid-19-Patienten jetzt keine künstliche Beatmung mehr benötigen, von der Intensivstation und aus dem Krankenhaus entlassen werden, umso mehr stellt sich die Frage, bleiben Restschäden? Die Rehabilitation dieser Patienten wird in den nächsten Monaten mehr und mehr in den Mittelpunkt treten. Aber schon jetzt deutet sich an, dass bei vielen dieser ehemals beatmeten Patienten doch auch Spätfolgen auftreten können, denn die Ergebnisse von Lungenfunktionsuntersuchungen und Röntgenuntersuchungen legen nahe, dass eine komplette Ausheilung der Lunge nicht immer gelingt und es zu „Vernarbungen“ kommen kann bis hin zu einer Lungenfibrose. Ob dies alle beatmeten Patienten betrifft oder nur eine Untergruppe, wird noch im weiteren Verlauf zu klären sein.

Wie steht es mit der Behandlung anderer Patienten im Universitätsklinikum?

Renz: Das Marburger Universitätsklinikum ist ein breit aufgestelltes Spitzenkrankenhaus. Obwohl in den vergangenen Wochen und Monaten der Fokus auf Coronavirus-Patienten gelegt wurde, muss doch festgehalten werden: Alle Patienten, mit allen Erkrankungen, sind im Universitätsklinikum exzellent aufgehoben und werden dort behandelt.

Es mehren sich Hinweise von verschiedensten Expertengruppen, dass sich bedingt durch die vielfältigen direkten und indirekten Maßnahmen rund um Covid-19 die Versorgungslage in anderen Bereichen der Medizin möglicherweise verschlechtert hat. Jüngstes Beispiel sind die Onkologen, die befürchten, dass ausbleibende Diagnosen und Behandlungen bei Krebspatienten zu einer nicht zumutbaren Verzögerung wichtiger Therapien führen kann. Auch aus der Herzmedizin mehren sich die Stimmen, die davor warnen, dass Patienten mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen – zum Beispiel mit Herzinfarkten – nicht rechtzeitig den Arzt aufsuchen, und auch in anderen Fachdisziplinen gibt es ähnliche Hinweise.
Dies hat auch viel damit zu tun, dass Patienten, die eigentlich dringend eine ärztliche Behandlung brauchen, vor lauter Angst sich eine Sars-CoV-2-Infektion in der Praxis oder im Krankenhaus einzufangen, lieber zu Hause bleiben. Dabei ist zu berücksichtigen: Der Patienten- und Mitarbeiterschutz wird gleichermaßen nach ganz strengen Vorgaben der Bundes- und Landesregierung und der Behörden in allen Bereichen des Gesundheitswesens, ganz praktisch täglich, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr gelebt und eingehalten.

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Ein hervorragendes Beispiel ist die Disziplin in Pflege- und Altenheimen, aber eben auch am Universitätsklinikum. Alle Besucher werden an den Eingängen mit einem Mundschutz ausgestattet und erhalten eine Händedesinfektion. Die Besuchsmöglichkeiten sind begrenzt worden, um Patienten und Mitarbeiter zu schützen. Das Personal untersucht Patienten und Angehörige auf Hinweise nach Symptomen und Risikokonstellationen. Wir tun alles, um einen Eintrag des Coronavirus in das Universitätsklinikum zu verhindern. Trotzdem bleibt natürlich noch ein Restrisiko, das sich einfach nicht verhindern lässt. Dieses Restrisiko ist aber sicherlich kleiner als beim Besuch des Supermarkts oder beim Busfahren.

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