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Marburg Corona-Welle trifft Firma Seidel
Marburg Corona-Welle trifft Firma Seidel
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19:56 05.10.2020
Die Firma Seidel hat Standorte in Marburg und Fronhausen (im Bild). Beide sind wegen Corona geschlossen. Quelle: Thorsten Richter
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Fronhausen

Ein Corona-Ausbruch in Gießen hat unmittelbare Auswirkungen auf den Landkreis Marburg-Biedenkopf, die Fallzahl-Entwicklung vor Ort. Mehr als 20 Personen haben sich am Samstag vor einer Woche bei einer privaten Geburtstagsfeier in einem Gießener Restaurant infiziert.

Am Freitag vergangener Woche sprach der Landkreis Gießen von elf infizierten Gästen, neun aus Marburg-Biedenkopf. Seit diesen Positivtests hat sich – ausgehend von diesem Ereignis – die Zahl aber auf 22 erhöht, wie das Marburger Gesundheitsamt am Montag (5. Oktober) mitteilte. Bisher seien nur zwei Personen aus dem Kreis der wohl 27 Feier-Anwesenden negativ getestet worden.

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Offenbar handelt es sich bei der Veranstaltung um ein Ehrungstreffen anlässlich eines runden Geburtstags. Neben Familienmitgliedern und Freunden sollen Arbeitskollegen des Geburtstagskinds anwesend gewesen sein. Nach OP-Informationen waren es elf Mitarbeiter der Firma Seidel mit Standorten in Fronhausen und Marburg. Die Firma ist nun geschlossen – was Geschäftsführer Dr. Andreas Ritzenhoff auf OP-Anfrage am Montag bestätigt. Die bis Donnerstag angelegte Standortschließung sei aber ein freiwilliger, kein behördlich angeordneter Schritt.

Wortlaut der Landkreis-Mitteilung: „Nach bisherigem Stand der Ermittlungen hat eine infizierte Person – die zuvor noch in einem größeren Betrieb tätig war – während der ansteckungsfähigen Phase an der Feier teilgenommen.“ Als Folge der Feier seien dem Gesundheitsamt dann zwei weitere Fälle mit Verbindungen zum Unternehmen gemeldet worden.

Seidel-Geschäftsführung: „Risiko zu groß, dass sich die ganze Firma ansteckt“

„Das Risiko ist zu groß, dass sich die ganze Firma ansteckt. Wir haben noch keinen Überblick über die Streuung“, sagt Ritzenhoff. Nachdem die ersten Fälle am Freitagmorgen bekannt wurden, habe man die Entscheidung zu Werksschließungen getroffen. Zumal einzelne positiv getestete Mitarbeiter auch noch zwischen beiden Standorten pendeln. Mittlerweile sei die Zahl der Positivfälle unter Seidel-Mitarbeitern gar auf 15 gestiegen – allerdings sei der Ursprung eben nicht einzig auf die Gießener Feier zurückzuführen. „Es ist noch unklar, wie die Ballung zustande kommt. Denn was klar ist: Nicht jeder hat sich das Virus bei der einen Veranstaltung eingefangen.“

Da aber etwa die Feier mittlerweile schon einige Zeit zurückliege und die Tests für bis zu 700 Mitarbeiter laufen, viele Ergebnisse bereits vorliegen, gehen Ritzenhoff und sein interner Pandemie-Stab – die täglich mehrfach mit Mitarbeitern telefonieren und Teststatus, Resultate und Symptome abfragen – von einer „präzisen Übersicht über das Infektionsgeschehen“ bis Mitte der Woche aus. Die Hoffnung: am Donnerstag wieder öffnen, den Produktionsbetrieb wieder aufnehmen zu können. Denn aktuell gibt es neben einigen Bürojobs im Homeoffice nur einen Notbetrieb derer, die definitiv gesund sind und etwa Lieferungen am Werk abfertigen können.

Ritzenhoff übt rückblickend Kritik an der landes- und bundesweiten Pandemie-Politik: „Locker lassen, wenn die Zahlen niedrig sind, hart reingehen, wenn sie steigen – das ist kein klarer und vor allem kein durchzuhaltender Kurs. Es ist nicht leicht, im Unternehmen unter Mitarbeitern eine Disziplin ewig aufrechtzuerhalten, wenn draußen im Alltag alles gelockert wird“, sagt er. Besser wäre es gewesen, das Land, ganz Europa „einmal richtig in den Koma-Zustand zu versetzen, dem Virus keinen Wirt zu bieten und dann nach zwei, drei Wochen wieder normal weiterzumachen“.

Am Freitag, nach dem internen Bekanntwerden der ersten Covid-19-Fälle, habe es „starke Verunsicherung“ gegeben. Auch weil es eben mehrere Ursprünge für die Ausbreitung gebe. Aber: „Klare Kommunikation ist das Entscheidende. Jetzt ist das Virus für uns zwar nicht mehr weit weg, aber es ist Beruhigung eingekehrt.“

Fallzahl-Anstieg in und um Marburgwohl vor allem nach Privatfeiern

Das Gießener Gesundheitsamt betont indes, dass es noch keine Anhaltspunkte gibt, dass in dem Lokal gegen Hygienevorschriften verstoßen wurde. „Ein Hygienekonzept lag vor. Die Gesellschaft befand sich in einem separaten Bereich und hatte keinen Kontakt zu anderen Gästen des Restaurants“, so ein Behördensprecher.

Nach Angaben von Gästen und Restaurantbetreiber habe man auf die Corona-Regeln geachtet. So sollen die jeweiligen Gästegruppen an unterschiedlichen Tischen gesessen haben, man habe zudem zur Begrüßung auf Umarmungen und Händeschütteln verzichtet und regelmäßig gelüftet.Im Rahmen des Abends seien ein Alleinunterhalter und ein Sänger aufgetreten, die aber auch auf Abstand zu den Gästen geblieben wären, hieß es von Beteiligten. Beide sind positiv getestet. Um Mitternacht hätten die Gäste dann allerdings leidenschaftlich „Happy Birthday“ gesungen und den Jubilar umarmt, erklärten Beteiligte, die anonym bleiben wollen.

Die Gießen-Feier zieht weite Kreise: In der Folge sind auch Schüler an mindestens zwei Schulen im Landkreis positiv getestet worden. „Das Beispiel macht auf eindrucksvolle Weise deutlich, dass Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen derzeit sehr kritisch zu bewerten sind“, sagt Marian Zachow (CDU), Erster Kreisbeigeordneter.

Die Gießener Privatparty ist nach OP-Informationen nicht der erste Fallzahl-Treiber für die jüngste Entwicklung in Marburg-Biedenkopf. Zuletzt soll vor allem eine Hochzeitsfeier in Kirchhain Auslöser eines sprunghaften Anstiegs gewesen sein.

von Björn Wisker und Marc Schäfer