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Marburg Schulflur wird zur Einbahnstraße
Marburg Schulflur wird zur Einbahnstraße
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08:58 03.05.2020
Schüler der Klasse 10R3 der Gesamtschule Ebsdorfergrund mit Lehrer Thorben Schrey haben die erste Woche Unterricht auf Abstand und unter Corona-Auflagen gut überstanden. Quelle: Ina Tannert
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Während der Gruppenarbeit die Köpfe zusammenstecken, in der Pause tuschelnd über dem Handy hängen, auf dem Flur die Wahl zwischen dem linken oder dem rechten Weg haben – all das wäre eigentlich Normalität im Schulalltag. Nicht so in Pandemiezeiten. Zumindest die Abschlussklassen haben die erste Woche Unterricht in der Schule hinter sich und bei einem Besuch wird klar, die Umstellung war und bleibt riesig. Etwa für die 10R3 der Gesamtschule Ebsdorfergrund: In weitem Abstand verteilt sitzen am Donnerstag nur 11 Schüler im Klassenzimmer, vorne vor der Tafel Lehrer Thorben Schrey. Er unterrichtet aber eigentlich 13 Fast-Absolventen, denn zwei weitere sind per Video-Livestream zugeschaltet, das Laptop steht auf dem Lehrerpult.

So können auch diese beiden ihre Klassenkameraden sehen, so mancher vermisst den normalen Schulalltag. „Ich finde es toll wieder zur Schule gehen zu können, es ist einfach etwas anderes hier, man ist wieder motivierter, das habe ich vermisst“, erzählt etwa Kimberly. „Sechs Wochen Daheim waren sehr gechillt, aber es ist schon gut, dass wir die Chance haben, uns jetzt hier auf die Prüfung vorzubereiten“, ergänzt Niklas.

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Hauptfächer haben Vorrang

Fünf Stunden am Tag wird an der Schulbank gebüffelt, es herrscht aber wieder starrer Präsenzunterricht. Wie früher, dabei sei man davon eigentlich längst abgerückt, „das ist pädagogisch sehr arm, aber es geht leider nicht anders“, berichtet Schulleiter Mirko Meyerding. Flexible, individuelle Gruppenarbeit ist im Moment aber undenkbar. Ebenso wie volle Klassen. Maximal 15 Schüler dürfen sich im Raum aufhalten und halten stets Abstand. Das klappt auch meist, „manchmal müssen wir ermahnen, aber die Schüler machen toll mit“, lobt der Schulchef. Mathe, Deutsch und Englisch haben gerade Vorrang, werden pro Woche an 15 Stunden durch genommen, schließlich sind in drei Wochen Prüfungen. Aber auch Nebenfächer erhalten mit fünf Stunden ihren Platz. „Das ist gut, so kann man sich auch in den anderen Fächern verbessern“, findet Anna.

Genauso läuft es auch an den städtischen Schulen in Marburg ab. Am Philippinum sind seit Montag wieder 120 Schüler auf acht Räume aufgeteilt, ein Lehrer unterrichtet also eine Klasse in zwei Räumen. Dabei stehen im gesamten Gebäude die Türen offen. „Auch auf den Toiletten bei den Waschbecken“, berichtet Schulleiter Michael Breining. An der Elisabethschule und auch an der Martin-Luther-Schule sind alle Klassenräume noch leer. „Wir wechseln gerade zu G9 und haben dieses Jahr den Nulljahrgang“, erklärt Gunnar Merle, Schulleiter der E-Schule. „Meine Kollegen und ich schauen jetzt auf die anderen Schulen und profitieren von deren Erfahrungen“, sagt er am OP-Telefon und sieht aber schon jetzt Probleme bei den Räumen. „Wir müssten die Klassen dritteln, damit sowohl die Schüler, als auch die Lehrer geschützt sind. Das ist bei unserer Raumkapazität gar nicht möglich. Wir haben ja nicht mal im Normalbetrieb genügend Räume.“ Er könnte sich ein Parallel-System aus Präsenz-Unterricht und Homeschooling vorstellen.

In der Emil-von-Behring-Schule bereiten sich nun vier Klassen á 130 Haupt- und Realschüler auf ihre Abschlussprüfungen vor. „Wir haben zum Glück ein sehr verzweigtes Haus mit unterschiedlichen Gebäuden und Eingängen, so dass wir die Schüler gut aufteilen können“, berichtet Michael Brauer, stellvertretender Schulleiter. Pro Klasse gibt es jeweils eine Doppelstunde mit zwei Lehrern, aufgeteilt in zwei Räumen. In der vergangenen Woche wurde nur Mathe, Deutsch und Englisch unterrichtet. Und auch an der Sophie-von-Brabant-Schule ist wieder Leben eingezogen: „Damit können wir den Schülern auch ein bisschen die Sorge auf die Abschlussprüfungen nehmen“, sagt die stellvertretende Schulleiterin der Sophie-von-Brabant-Schule, Bettina Hühn-Lemmrich, auf OP-Nachfrage. Mit einem Notfallplan wurden sowohl Lehrer als auch Schüler im Vorfeld informiert und über die neuen Abläufe vorbereitet. „Die Schule funktioniert jetzt ganz anders. Es gibt flexible Pausen, damit nicht alle Schüler gleichzeitig auf dem Pausenhof sind und wir haben eine Einbahnstraße eingerichtet, damit es keinen Begegnungsverkehr gibt. Toiletten und Räume dürfen nur noch einzeln betreten werden und die Schüler tragen auch die Masken während es Unterrichts. Das haben wir ihnen allerdings freigestellt“, so Hühn-Lemmrich.

Die Steinmühle wollte die 100 Schüler der Jahrgangsstufe 12 in allen Fächern, außer Sport, unterrichten. Das hat das Kultusministerium abgelehnt. Nun werden, genau wie am Philippinum neben den Leistungskursen nur noch Mathe und Deutsch unterrichtet. „Bei uns wird dennoch mehr Unterricht erteilt, da wir durch die Profiloberstufe noch so etwas wie einen Klassenverband in der Qualifikationsphase haben und daher die Durchmischung der Lerngruppen geringer ist“, erklärt Schulleiter Björn Gemmer, der noch ergänzt: „Ausnahmslos alle ihre Lehrer sind im Dienst. Die wenigen, die einer so genannten Risiko-Gruppe angehören, kommen auf eigenen Wunsch zum Unterricht. Es ist toll, sich auf ein so engagiertes Kollegium verlassen zu können.“ Neben den Abiturienten sind täglich vier Notbetreuungsgruppen –etwa 20 Schüler der Klassen 1, 2, 5 und 6 – und fast alle Internatsschüler auf dem Gelände im Marburger Süden. Letztere werden vom Internats-Team im separaten Gebäude betreut. Er hat nur einen Wunsch: „Seitens des Kultusministeriums früher informiert zu werden. Wichtige Informationen gelangen erst Stunden, manchmal Tage nach den Pressekonferenzen an die Schulen. In der Zwischenzeit werden wir mit Fragen überhäuft, auf die wir keine Antworten wissen.“

Schrillt die Pausenglocke in Heskem greifen alle ihre Gesichtsmasken und begeben sich nach dem Händewaschen in ihre eigenen Aufenthaltsbereiche: Aula und Pausenhof wurden in verschiedene Zonen unterteilt, jede Schülergruppe hat eine eigene, regelmäßig wird gewechselt. Die Wege dahin sind ebenfalls reglementiert, kreuz und quer durch die Gänge weisen Schilder auf die neue Einbahnstraßen-Regelung hin. Auch Treppen geht man entweder nur nach oben oder eben nach unten, es gibt keinen Begegnungsverkehr, alles wird verteilt. Auch die Schüler, die im Wechsel an vier Tagen in der Woche kommen. Solange es bei dem einen Jahrgang mit rund 100 Haupt- und Realschülern der Abschlussklassen bleibt, ist das auch kein Problem – momentan dürfen nur Absolventen in die Schule, für die schriftliche Prüfungen anstehen. Sollten irgendwann wieder hunderte mehr kommen, wird das schwieriger, „maximal zwei Jahrgänge gehen, mehr aber nicht im Moment“, sagt Meyerding.

Das wäre platztechnisch wie auch personell gerade kaum zu stemmen, mehrere ältere Lehrkräfte oder mit Vorerkrankungen bleiben Zuhause. Auch Schüler der Abschlussklassen, die mit Angehörigen aus der Risikogruppe zusammenleben. Die nehmen dann digital am Unterricht teil. „Ich finde das sogar besser und man muss sich keinem Risiko aussetzen“, berichtet Enya von Zuhause aus durch das Laptop. Für manchen hat die jetzige Lage nicht nur Nach-, sondern auch Vorteile, vom digitalen Push bis zu kleineren Klassen. Doch alle Schüler bedauern, dass sie auf große Abschiedsfeiern, Zeugnisübergaben und Gruppenfotos mit den Klassenkameraden, die man verlässt, verzichten müssen. Und eines hoffen die Abschluss-Schüler der „Corona-Generation“ ganz besonders: Dass ihnen durch wochenlangen Schulausfall und Pandemie-Einschränkungen auf Dauer kein Nachteil für ihren Notenschnitt und den späteren Beruf entstehen wird.

Lehrkräfte loben Schüler-Disziplin

Auf OP-Nachfrage berichten auch andere Schulen im Landkreis vom Schulalltag zu Coronazeiten, viele loben dabei das Verhalten der Schüler: „Bei uns läuft es sehr ruhig und diszipliniert, ich kann überhaupt nicht klagen“, sagt Raya Schmidt, kommissarische Schulleiterin der Wollenbergschule Wetter. Auf die neuen Abstands- und Hygiene-Regeln weist die Schule mit Markierungen und Schildern hin, alle paar Stunden werden Tische und Türgriffe geputzt. Es stehe auch genügend Seife und Desinfektionsmittel bereit, für Notfälle sogar Schutzmasken, die das Land verteilt. Auch die Ankunft der Schüler ist durchstrukturiert, der Gang in das Gebäude und auch die Pausenzeiten erfolgen zeitversetzt. Auf dem großen Schulgelände lassen sich zudem die Abstandsregeln von eineinhalb Meter gut einhalten. Das ist auch ein Vorteil der Gesamtschule Niederwalgern, „wir haben jede Menge Platz, da fällt das leicht und die Schüler machen sehr gut mit“, sagt Schulleiter Uwe Schulz. Rund 25 Absolventen kommen täglich für etwa drei Stunden zum Unterricht. Sollte die Zahl aber wieder steigen, sieht der Schulchef Probleme beim Transport: Im Moment seien die Busse leer genug, so dass die Schüler auf Abstand gehen können, wenn es wieder mehr werden, ließe sich das kaum beibehalten, „das wird schwer werden, aber wir arbeiten schon daran“.

Von Ina Tannert und Katja Peters

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