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Marburg Kinder unter zehn Jahren sind weniger betroffen
Marburg Kinder unter zehn Jahren sind weniger betroffen
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16:42 19.04.2020
Professor Harald Renz. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Professor Harald Renz, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Gießen und Marburg, beantwortet an dieser Stelle wieder Fragen unserer Leserinnen und Leser rund um das Thema Coronavirus.

Warum sind nicht alle Altersgruppen gleichermaßen von Covid-19 betroffen?

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Ja, so scheint es zu sein – nicht alle Altersgruppen sind gleichermaßen und gleich schwer von der Covid-19-Erkrankung betroffen. Auffällig ist, dass insbesondere Kinder (Altersgruppe bis 10 Jahre) besonders verschont sind. Dies ist übrigens ein Phänomen, welches weltweit beobachtet wird. Kinder in dieser Altersgruppe haben häufig milde Infektionsverläufe, Todesfälle sind hier noch gar nicht beschrieben worden. Die Gründe dafür sind unklar; es werden allerdings bei den Ärzten und Wissenschaftlern verschiedene Hypothesen diskutiert:

Zum einen könnte es sein, dass die rigorosen Impfprogramme bei (Klein-)Kindern zu einer sehr guten Immunitätslage führen, auch mit Antikörpern, die „nebenbei“ Sars-CoV-2 neutralisieren könnten. So etwas ist bereits vor einigen Jahren beschrieben worden für die Masern-Impfung.

Eine weitere Hypothese ist eine mögliche Co-Infektion mit dem Keuchhustenerreger. Könnte sich hier eine Co-Infektion ereignet haben, die Kindern mit hohen Antikörpertitern gegen Keuchhusten nichts anhaben, sich aber fatal bei Covid-19-Patienten in höherem Lebensalter auswirkt? Die ältere Bevölkerungsgruppe hat nämlich dann häufig nur noch schlechte Antikörpertiter gegen den Keuchhustenerreger. Es bestehen Ähnlichkeiten zwischen Sars-CoV-2 und dem Keuchhustenerreger. Beide werden per Tröpfcheninfektion übertragen, die Inkubationszeiten sind ähnlich, bei beiden gibt es asymptomatische Träger, der Husten ist dominant, insbesondere der trockene Husten.Diese sind interessante Hypothesen und Konzepte, allerdings fehlen noch viele weitere Untersuchungen, um Zusammenhänge zu substantiieren.

Am anderen Ende der Skala steht die ältere Bevölkerung. Hier ist auffällig, dass das mittlere Alter der Covid-Erkrankten bei 50 Jahren liegt. Bei den an Covid-19 Verstorbenen liegt der Mittelwert sogar noch höher, er liegt bei 82 Jahren (Datenbasis vom 10.04.2020, RKI).

Daher ist es so wichtig, gerade die ältere Bevölkerung zu schützen. Die Maßnahmen in den Pflege- und Altenheimen sind von essentieller Bedeutung, um Mitbewohner und Personal entsprechend vor einer Sars-CoV-2-Infektion zu schützen.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Alle Wissenschaftler sind sich darin einig, dass es eine relativ hohe Dunkelziffer bei der Sars-CoV-2-Infektion gibt. Allerdings ist die Höhe dieser Dunkelziffer unklar. Eine in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlichte Untersuchung der Columbia-Universität in New York hat die Dunkelziffer mit einem Simulationsprogramm anhand der chinesischen Daten durchgespielt, und zwar zu einem Zeitpunkt, als es noch keine Kontaktbeschränkungen dort gab, und kommt auf etwa 7 unentdeckte Fälle pro nachgewiesenem infiziertem Patienten. Andere Untersuchungen kommen sogar auf noch höhere Werte für die Dunkelziffer.

Ob die Dunkelziffer in Deutschland wirklich niedriger ist, wissen wir nicht. Dies hängt ganz wesentlich davon ab, wie viele Menschen getestet werden. Und zwar nicht nur bei den symptomatisch Erkrankten, sondern auch bei leichten Symptomen und auch bei Angehörigen und Kontaktpersonen. In jedem Falle ist die Testrate in Deutschland zu niedrig, um sichere Aussagen in Bezug auf die wahre Verbreitung des Sars-CoV-2-Virus in der Bevölkerung zu erfassen. Insbesondere müssen diese Testungen regionalisiert werden, denn die Rate an Covid-19-Patienten ist unterschiedlich hoch von Region zu Region, von Landkreis zu Landkreis, ja sogar innerhalb von Landkreisen massiv, wenn wir einen Blick auf die deutsche Karte werfen.

Flacht sich die Kurve ab?

Hinter den massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens mit Schul- und Universitätsschließungen, der sozialen Distanzierung, Homeoffice, Schließung von Geschäften usw. steht das unbedingte Bemühen, die Massivität und Heftigkeit des Ausbruches an Covid-19-Patienten drastisch zu reduzieren und die Patienten über einen langen Zeitraum zu strecken und zu ziehen, also die Verbreitung des Virus deutlich zu verlangsamen. Jetzt, nach einigen Wochen dieser Maßnahmen, stellt sich die Frage, ob sich der Einsatz gelohnt hat und ein Abflachen der Kurve erreicht wurde.

In der früheren Phase der Erkrankung war die Verdoppelungszeit ein wichtiger Indikator. Also die Zeit, in der sich die Krankheitsfälle jeweils verdoppelt haben, also wir noch in der Phase eines sogenannten exponentiellen Anwachsens an Patientenfällen gewesen sind. Am Anfang war die Verdoppelungszeit in Deutschland bei zwei bis drei Tagen, mittlerweile ist sie weit über zehn Tage. Projiziert man die Verdoppelungszeiten in Europa für Italien, Deutschland und Spanien übereinander, so sehen die Verläufe sehr ähnlich aus. Allerdings verläuft die Covid-19-Welle in den einzelnen Ländern zeitlich versetzt. Italien und Spanien sind uns um einige Wochen voraus. (Noch) etwas anders verläuft die Entwicklung der Verdoppelungszeit in England. Dort sind sie, jeweils bezogen auf dieselbe Dynamik der Krankheitsausbreitung, immer noch höher als zum selben Zeitpunkt in Spanien, Italien oder bei uns.

Wird das exponentielle Wachstum des Virus gestoppt, gewinnt ein anderes Maß an Bedeutung, nämlich die prozentuale Zu- oder Abnahme an Erkrankungsfällen jeweils bezogen auf die Vortage. Ist die Zunahme über null Prozent, so nimmt die Anzahl der Infizierten weiter zu, sobald die Nullprozentlinie gekreuzt wird, wird das Wachstum negativ, also die Anzahl der aktuell Infizierten schrumpft. Dies liegt dann überwiegend daran, weil mehr Menschen genesen als sich neu infizieren. Aber es muss natürlich auch berücksichtigt werden, dass Infizierte verstorben sein können.

Haben wir also den Höhepunkt der Epidemie erreicht oder ihn sogar schon überschritten?

Die nächsten Tage werden es zeigen.

Warum haben wir in unserer Region vergleichsweise weniger Fälle als in den Clustern in Süddeutschland und andernorts?

Hierfür können wir mehrere Erklärungen heranziehen. Zum einen hatten wir in Hessen vergleichsweise frühe Winterferien. Wir erinnern uns, die Schulferien über Weihnachten zogen sich bis Mitte Januar. Zu diesem frühen Zeitpunkt war das Virus in den Skigebieten in den Alpen noch nicht so weit verbreitet. Diejenigen, die einige Wochen später dort Ferien gemacht haben, sind deutlich mehr betroffen gewesen. Des Weiteren spielte die Eintracht nicht in der Champions League, das war nämlich ein Hotspot in Italien und andernorts.

Und direkt hier bei uns im Landkreis hatten wir, in der heißen Phase der Virusverbreitung andernorts, auch keine richtigen Großveranstaltungen mit Tausenden von Menschen. Insofern hatten wir hier in unserer direkten Region vielleicht doch etwas Glück im Vergleich zu anderen Gegenden, aber das kann sich schnell (wieder) ändern.

Was bedeutet das nun für eine mögliche Exit-Strategie bei uns?

Betrachtet man sich also unter den oben dargestellten Gesichtspunkten nun die Kurvenverläufe, so muss man nüchtern festhalten, dass nach wie vor eine Zunahme an Infizierten bundesweit zu verzeichnen ist. Auch wenn die Kurve sich abflacht und der Zuwachs sich verringert - und das ist sicherlich schon mal ein Erfolg der bis jetzt geltenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens - wenn dieser Trend sich fortsetzt, dann kann man allenfalls von einem „Plateau“ sprechen, aber noch nicht von einem Rückgang.

Erst wenn der tägliche Zuwachs unter null Prozent fällt, also wir eine Abnahme an Infizierten beobachten können, ist das eigentliche große Ziel der „Streckung der Kurve erreicht. Das hätte zur Konsequenz, die Einschränkung in ihrer großen Gesamtheit doch noch über mehrere Wochen weiter aufrechtzuerhalten, zumindest, was die wesentlichen Elemente der Maßnahmen anbelangt. Das gilt es aber politisch zu entscheiden und abzuwägen, hier können Wissenschaftler nur Datengrundlagen liefern und Vergleiche anstellen.

Wie geht es nach der Öffnung weiter?

Hier haben wir es mit sehr vielen Unsicherheiten zu tun. Eine große Frage ist, wie die Immunitätslage der Bevölkerung aussieht. Hier gibt es regionale Unterschiede, die noch gar nicht richtig verstanden sind. Wenn dann regionale Studien durchgeführt werden, müssen die Ergebnisse sehr genau analysiert werden. Man sieht es ja dann an dem „Wissenschaftler-Streit“ der Virologen untereinander, wie die vorläufigen Ergebnisse aus Heinsberg interpretiert werden.

Eine solche Diskussion ist keineswegs überraschend, sondern eigentlich im wissenschaftlichen Umfeld auch gewünscht. Sie zeigt allerdings auch, mit welchen Unsicherheiten wir es noch zu tun haben.

Eine weitere wichtige Frage ist, ob die jüngere Generation (insbesondere die bis 10-Jährigen), ein Reservoir des Virus darstellt und dieses dann weiterverbreiten kann. Dies herauszubekommen wird extrem wichtig sein, gerade auch in Bezug auf Maßnahmen um KiTa, Grundschule usw. herum.

Die nächste Unsicherheit ist: Kommt es zum Wiederaufflammen von Infektionsherden? Umso weniger die Bevölkerung regional grundimmunisiert ist, umso eher besteht dafür eine Gefahr. Umso höher die Grundimmunisierung der Bevölkerung, umso besser der Schutz.

Wie lange hält der Antikörper-Schutz an?

Auch das wissen wir nicht. Es gibt jetzt schon in Süd-Korea und China erste Berichte von Zweitinfektionen bei ehemaligen Covid-19-Patienten. Ob dies Ausnahmen sind oder doch durchaus häufiger auftreten kann, ob dies verursacht wird durch eine Mutation des Virus oder ob es hierfür andere (vielleicht auch immunologische) Gründe gibt, ist ungewiss.

Aus wissenschaftlicher Sicht würde man aus diesen offenen Fragen heraus folgern: Wenn eine Öffnung und Lockerung der Restriktionen geplant ist, sollte dies behutsam und langsam erfolgen, um immer wieder schnell reagieren zu können auf neue Herausforderungen, die sich auch plötzlich und dramatisch entwickeln können.

Sind wir in den Krankenhäusern gut gewappnet?

Die letzten Wochen haben ganz eindeutig gezeigt: Unser Krankenhaus-System, unsere Intensiv-Mediziner und Pflegekräfte, die Anzahl der Intensiv-Betten, die zur Verfügung stehenden Beatmungsplätze sind einer solchen Herausforderung derzeit gewachsen.

Hier haben wir aber sicherlich – mit regionalen Unterschieden – auch Glück gehabt. Die Covid-19-Welle hat uns bisher in Deutschland nicht so stark getroffen wie in unseren Nachbarländern, aber das heißt nicht, dass wir es jetzt schon geschafft haben.

Auch dies wird eine zukünftige Herausforderung in den nächsten Jahren sein, sich auf solche Krisensituationen viel besser vorzubereiten. Die Politik muss entscheiden, wie sie uns gesellschaftlich, aber auch medizinisch, auf eine solche potenziell ja immer wieder auftretende Seuchengefahr vorbereitet und aufstellt.

Prävention wird da sicher das nächste große Thema werden, wenn es gelungen ist, Sars-CoV-2 einzudämmen, nicht nur mit neuen Medikamenten, sondern auch mit Impfungen. Also, auch dieses Thema wird uns noch lange beschäftigen.

Was kann jetzt jeder Einzelne tun?

Es bleibt bei den drei einfachen aber nichts destotrotz effektiven und zentralen Maßnahmen: Masken tragen, Regelmäßiges Händewaschen und desinfizieren, Abstand halten. Und dann natürlich frühzeitig Symptome und Beschwerden registrieren. Die Covid-19-App benutzen, um festzustellen, wie hoch das Risiko für eine Erkrankung ist und dann dementsprechend sofort Maßnahmen ergreifen und reagieren.

So können auch Sie mitmachen

Haben Sie auch Fragen zu Corona? Schreiben Sie uns, wir leiten sie an die Experten weiter: beratung@op-marburg.de

Von Professor Harald Renz

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