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Marburg Schnelltest: „Schlüssel zum Leben mit der Pandemie“
Marburg Schnelltest: „Schlüssel zum Leben mit der Pandemie“
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09:58 15.11.2020
Dr. Martin Heinzl, Hausarzt in Stadtallendorf, macht täglich dutzende Corona-Schnelltests. Er sagt: Diese Test-Variante ist der „Schlüssel zum Leben mit der Pandemie“. Quelle: Björn Wisker
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Stadtallendorf

Zehn Tropfen einer Flüssigkeit füllt der Arzt in ein Röhrchen. Den Teststab, der aussieht wie ein langes Q-Tip und der zuvor in einem Rachen steckte, tunkt er hinein, verschließt das Röhrchen und reißt eine andere Verpackung auf.

Auf den Tisch plumpst dann ein graues Plastikteil, kleiner als eine Scheckkarte. Es ist ein Mini-Labor, das, sobald fünf Tropfen der gemischten Flüssigkeit auf ihm gelandet sind, ein Ergebnis anzeigt: Corona-positiv oder Corona-negativ.

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Es ist an diesem Tag nur einer von vielen Schnelltests in der Praxis von Dr. Martin Heinzl, Hausarzt in Stadtallendorf. Also in der Gemeinde, die im Landkreis Marburg-Biedenkopf noch am ehesten als Hotspot zu bezeichnen wäre.

Im OP-Interview spricht der Arzt, der auch jahrelang als Intensivmediziner tätig war, über die Covid-19-Pandemie, wie sie im Praxisalltag durchschlägt und wie ein cleverer Umgang mit dem Virus gelingen kann.

„Corona sollte nicht unterschätzt werden“

Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Virus und dem Umgang damit?

Dr. Martin Heinzl: Corona ist sehr schnell, sehr ansteckend und sollte nicht unterschätzt werden. Es ist vor allem ein wählerisches Virus: Die Alten packt es mitunter hart an und kann sie töten, die Jungen spüren hingegen kaum etwas. Trotzdem ist es übertrieben, deswegen alle einzusperren oder ganzen Berufszweigen die Lebensgrundlage, Kindern die Entwicklungsmöglichkeiten zu entziehen.

Aber solange wir nicht alle achtsamer sind, bei Krankheiten – nicht nur bei Corona – zuhause bleiben und uns auskurieren, kann der Staat kaum anders handeln, als er das nun tut. Zur Freiheit gehört eben auch Eigenverantwortung, aber das Wort besteht nun mal aus zwei Silben: Eigen und Verantwortung. In der Praxis können wir die staatliche Strenge durchaus nachvollziehen. Denn wir erleben bei einzelnen Patienten selber die Unvernunft, den leichtfertigen Umgang mit der Ansteckungsgefahr.

Real passiert: Ein Treffen unter Freundinnen, viele der Teilnehmerinnen fühlen sich danach nicht so gut, die meisten werden Corona-positiv getestet. Eine der Frauen mit Symptomen lässt sich aber nicht testen, steckt ein vorbelastetes Familienmitglied an, was ebenfalls krank wird. Die Person trägt das Virus dann in eine Einrichtung, wo es sich weiterzuverbreiten droht. Diese Kette zeigt: Wer so handelt, der hat Eigenverantwortung nicht erlernt, der ist unachtsam und schadet vielen.

Kaum falsch negative Tests

Ein positiver Schnelltest zieht zur Bestätigung oder Falsifizierung einen PCR-Test nach sich, ein negativer Schnelltest bringt einem bisher nicht viel. Denn er hat keine Verbindlichkeit, um die Quarantänezeit zu verkürzen.

Heinzl: Das ist ein großes Defizit, hier muss ein politisches Umdenken stattfinden, denn der Schnelltest ist ein Schlüssel zum Leben mit der Pandemie. Man muss seitens der Behörden dieser Test-Variante vertrauen, statt ihn nur zweite Wahl sein zu lassen. Er ist verlässlich, erkennt Gesunde als gesund.

Wer also negativ getestet ist, ist das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch. Die Trefferquote ist hoch, nicht wesentlich geringer als beim PCR-Test. Weil das so ist, könnte einer ganz großen Menge an Menschen geholfen werden, sie könnten sich dann wieder schneller frei bewegen. Wenn der Schnelltest mit seiner hohen Trefferquote nach sieben Tagen dafür sorgen würde, dass nur noch nachweislich Infizierte in Quarantäne verbleiben müssen, wäre dies gesellschaftlich und psychologisch ein großer Gewinn.

Dr. Martin Heinzl, Hausarzt in Stadtallendorf, macht täglich Dutzende Corona-Schnelltests. Quelle: Björn Wisker

Viele werden das anders sehen und sagen: Wenn ein Einzelner aber doch so viele andere anstecken könnte, sollte man auf Nummer sicher gehen.

Heinzl: Ein Restrisiko lässt sich nie ausschalten, nicht mal nach einer Impfung. Wenn man asymptomatische Kontaktpersonen 1. Grades nach etwa sieben Tagen testet und die negativ sind, kann man diese Leute wieder aus der Quarantäne nehmen, sie können arbeiten, in Schule oder Kindergarten gehen. Und das bei einer dann 99-prozentigen Ausschlusswahrscheinlichkeit für eine Infektion.

Ernst zu nehmende Virologen wie Professor Drosten sehen das ja auch ohne Test als Möglichkeit an, aber der Test würde die psychologische Sicherheit deutlich steigern. Der volkswirtschaftliche und der psychologische Gewinn – den man in der Pandemie bloß nicht unterschätzen sollte – wäre immens. Mehr als 3.000 Menschen sind ja alleine im Landkreis in Quarantäne. Die meisten sind sicher weder krank noch infektiös. Mehr noch: Für die Freizeit, die Veranstaltungsbranche ist das eine große Chance.

Wer etwa eine Hochzeit für viele tausend Euro ausrichtet, wird auch Geld, 30 Euro, für einen Schnelltest aufbringen, um unbeschwert feiern zu können. Besonders hilfreich sind Schnelltestungen vor dem Betreten von Altenzentren, um ein mit einer hohen Letalität verbundenes Ausbruchsgeschehen zu verhindern, mit allem menschlichen Leid in dem Zusammenhang. Was sich ja nicht unterscheidet: Sowohl Schnell- als auch PCR-Tests sind nur Momentaufnahmen.

Hausärzte in Marburg-Biedenkopf arbeiten bei Schnelltests bereits am Limit. Wie also sollen Massenschnelltests zu schaffen sein?

Heinzl: Die Logistik muss angepasst werden. Es muss zum einen ausreichend Schnelltests und genug Personal geben, das Abstriche vornehmen kann. Etwa Medizinstudenten und Ärzte im Ruhestand. Denkbar sind Testcenter, wie wir sie auch in Marburg am Messeplatz kennen: nur eben im XXL-Format.

Von Björn Wisker

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