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Marburg Renz will „Impfungen zügig ausrollen“
Marburg Renz will „Impfungen zügig ausrollen“
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08:00 19.04.2021
Manfred Dörr ist gegen Corona geimpft – doch nicht nur in Marburg wird das Festhalten an den anhaltenden Priorisierungen zunehmend kritisiert.
Manfred Dörr ist gegen Corona geimpft – doch nicht nur in Marburg wird das Festhalten an den anhaltenden Priorisierungen zunehmend kritisiert. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Von Inzidenzwert-Tauglichkeit bis zur Impfgruppen-Priorisierung: Professor Harald Renz, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin, spricht im OP-Interview über aktuelle Corona-Entwicklungen.

Der Inzidenzwert, also die Zahl der von den Gesundheitsämtern gemeldeten Positiv-Fälle, ist für die Bundesregierung weiter die zentrale Größe für Anti-Corona-Maßnahmen. Was halten Sie vom vorgelegten Infektionsschutzgesetz?

Professor Harald Renz. Quelle: Foto: Thorsten Richter

Professor Harald Renz: Inzidenz, R-Wert, die im Krankenhaus aufgenommenen Corona-, speziell die Intensivpatienten: Es ist die Gesamtschau der Werte, die uns erlaubt, ein gutes Abbild der Pandemielage zu zeichnen. Was es letztlich braucht, ist eine verständliche, transparente und klare Reaktionsweise auf das jeweils regionale Geschehen. Und hier hat sich nun leider in den letzten Monaten ein „föderaler Flickenteppich“ entwickelt, der in weiten Kreisen der Bevölkerung genau das Gegenteil bewirkt, nämlich Verunsicherung, bedingt durch regional unterschiedliche Maßnahmen bei gleicher Inzidenzlage. Hier zu einer für alle verbindlichen und klaren Ansage zu kommen, ist sicher ein guter Weg. Über die entsprechenden Grenzwerte, bei denen bestimmte Maßnahmen greifen sollen, lässt sich allerdings wissenschaftlich trefflich streiten.

Ab Inzidenz-Wert 100 einiges, ab Wert 200 praktisch alles dicht: Was halten Sie – auch mit Blick auf die seit Langem doch recht konstante Fallverteilung in den heimischen Gemeinden – von einheitlichen Regeln landauf, landab?

Genau, eine regionale Betrachtungsweise ist wichtig. Die Entwicklungen in Marburg-Biedenkopf zeigen aber leider keine konstante heimische Infektionslage. Wir sehen seit mehr als einer Woche einen deutlichen Anstieg der 7-Tage-Inzidenz, das ist insgesamt zurückzuführen auf Infektionen um die Osterfeiertage herum. Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass die häufigste Quelle für bekannte Neuinfektionen das heimische Umfeld ist. Gefolgt vom Arbeitsplatz und anderen Örtlichkeiten. Der Fokus sollte also vielmehr auf die Ursachen für den Anstieg der Infektionszahlen gelegt werden. Dazu kommt die Mutante B.1.1.7, bei der man deutlich weniger Viren braucht, um sich zu infizieren – das Ergebnis sehen wir jetzt in steigenden Inzidenzzahlen.

Wie schätzen Sie die Wirkung von Ausgangssperren, Maskenpflicht im Freien, Schul- und Kita-Schließungen und Testpflicht in Unternehmen auf das Infektionsgeschehen ein?

Neben dem Impfen ist es von äußerster Bedeutung, all die Menschen zu identifizieren, die sich infiziert haben, ob symptomatisch oder auch asymptomatisch. Insbesondere in der jüngeren Bevölkerung; Schulkinder und junge Erwachsene bewegen sich im sozialen Umfeld in dem Glauben, sie hätten kein Coronavirus. Hier hilft nur das Testen. In manchen Gegenden im deutschsprachigen Ausland wird etwa auf regionaler Ebene systematisch per PCR getestet, dem Goldstandard, der aber teuer ist. Ergebnisse in Graubünden haben gezeigt, dass bei konsequentem Testen großer Teile der Bevölkerung viele Infizierte erkannt werden, die sonst durchs Raster gefallen wären. Durch konsequente Isolation der Betroffenen ist es aber dann doch möglich, auf gesellschaftlicher Ebene ein normales Leben führen zu können – bis hin zum Offenhalten von Skigebieten, Hotels und deren Gastronomie. Die zweitbeste Möglichkeit sind die sogenannten Antigen-Schnelltests mit Nasen-Rachen-Abstrich – von professionellem Personal in der Breite der Gesellschaft und drei Mal pro Woche durchgeführt.

„Lockdown ist kein Dauerinstrument“

Stichwort Kinder und Jugendliche: Wie sehen Sie aus medizinischer beziehungsweise psychosozialer Sicht deren Entwicklung?

Die Effekte in der jüngeren Bevölkerung sind besonders dramatisch, beginnend mit Kleinkindern bis hin zu Studenten. Es ist ein Drama, dass wir an der Philipps-Universität jetzt bereits im 3. Semester des Online-Unterrichts sind. Die Pandemie gibt uns hier im Moment keine andere Wahl. Eine ganze Generation an Kleinkindern, Schülern und Studenten ist mit einer veränderten Lebenssituation konfrontiert. Junge Leute wollen in die Kneipen gehen, ins Kino und in die Disco, wollen Musikveranstaltungen besuchen und sich untereinander treffen. Die psychosozialen Folgen sehen wir schon heute: Die einen ziehen sich immer mehr zurück in die Selbstisolation, die anderen gehen gewaltsam auf die Straße. All das ruft nach neuen Lösungen, um aus der Pandemiefalle herauszukommen.

Vom Erst- über den Wellenbrecher-, den jüngst diskutierten Brückenlockdown oder gar einem – wie der Kanzleramtsminister sagt – Shutdown bis Mitte Juni: Was halten Sie grundsätzlich von dem seit Monaten angewendeten Instrument Lockdown?

Lockdown kann man mal machen, um durch harte, aber zeitlich deutlich begrenzte Maßnahmen die Ausbreitung der Infektion einmal wieder deutlich und gezielt zu senken. Lockdown ist aber kein Dauerinstrument in einer offenen Gesellschaft. Um aber aus diesen Pandemiefallen herauszukommen, bedarf es dann statt des Lockdowns eines Alternativkonzepts.

Wie sieht das aus?

Das kann so aussehen, dass wir eine Impfakzeptanz in der Bevölkerung erzielen, die Impfungen von mindestens 60, besser 80 oder 90 Prozent der Bevölkerung möglichst schnell realisiert, und in die Impfungen auch die junge Bevölkerung mittelfristig einbeziehen, sobald Impfstudien durchgeführt worden sind. Dann ist, neben der langen Beibehaltung der AHA-Regeln, der zweite Schritt das Testen. Wir müssen uns daran gewöhnen, die Tests regelmäßig durchzuführen und zu einem ständigen Begleiter des alltäglichen Tuns werden zu lassen. Drittens muss alles durch intelligente IT-Lösungen begleitet werden. Testergebnisse registrieren, das Pandemiegeschehen monitoren und auch Zugangsmöglichkeiten zum Einkaufen, Freizeit- und Kulturveranstaltungen, Restaurantbesuche steuern: Solche Apps sind bereits entwickelt worden oder werden entwickelt.

Jahresimpfung als Normalität

Wie bewerten Sie – gerade wegen der Wirren um Astrazeneca und Millionen unverimpfter Vakzin-Dosen in Deutschland – das Festhalten an Priorisierungsgruppen?

Zunächst sind wir mit den Priorisierungen gar nicht schlecht gefahren. Es war eine gute Entscheidung, in der ersten Priorität die über 80-Jährigen und in den Alten- und Pflegeheimen zu impfen. Die Effekte haben sich schnell eingestellt, wir sehen heute kaum mehr so alte schwerkranke Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Jetzt heißt es aber, die Impfungen zügig auszurollen und schon an die nächste Stufe zu denken: Wann können wir die Unter-18-Jährigen impfen? Natürlich sehen wir bei allen möglichen Impfungen Nebenwirkungen. Die allerneuesten Daten zu Astrazeneca und Johnson & Johnson legen die Vermutung nahe, dass diese gar nicht unbedingt auf den Coronavirus-Anteil des Impfstoffes zurückzuführen sind, sondern etwas zu tun haben können mit den Hüllen um den eigentlichen Corona-Impfstoff drumherum. Diese Hüllen sind ebenfalls Viren, die allerdings „leer“ sind, sich also nicht vermehren können. Und dann ist es interessant, dass Thrombosen insbesondere bei Frauen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren auftreten, und zwar gehäuft dann, wenn sie gleichzeitig niedrige Blutplättchen aufweisen. Diese Zusammenhänge gilt es näher zu untersuchen und aufzuarbeiten, um eventuell bessere Impfstoffe zu entwickeln.

Wie stellt sich die aktuelle Behandlungssituation und Lage im Uni-Klinikum etwa bezogen auf den Altersdurchschnitt, gegebenenfalls soziale Faktoren der Betroffenen dar?

Wir sehen jetzt – und nicht nur in Marburg – eine Verschiebung der Altersklassen bei den intensiv behandelnden Patienten hin zu den jüngeren. Dies hat mehrere Gründe. Zum Ersten sind die ganz alten Mitbürger jetzt durch die Impfung geschützt, zum Zweiten verbreitet sich die Mutante B.1.1.7 in der jüngeren Altersgruppe – die Unter-60-Jährigen – jetzt besonders schnell, drittens braucht es weniger Viren, um dann auch in einem gemeinsamen Prozentsatz zu schweren Verläufen führen zu können.

Als eine „neue Pandemie“ wird die Lage wegen der Corona-Mutation B.1.1.7 – die ansteckender, aber laut Oxford-Studie nicht tödlicher sein soll – von einigen beschrieben. Teilen Sie diese Auffassung, und wenn ja, wieso ist das so?

Renz: Eine Infektion mit dieser Mutante hat mehrere Effekte. Zum einen braucht es weniger Viren, um sich mit dem Coronavirus anzustecken, B.1.1.7 ist also infektiöser. Zum anderen neigt eine Infektion damit zu schwereren Verläufen, ob B.1.1.7-Infizierte eine höhere Mortalität zeigen als die Infektionen mit dem Wildtypvirus, ist noch nicht hinreichend geklärt. In jedem Fall müssen wir uns darauf vorbereiten, dass zukünftig immer wieder neue Mutanten auftreten. Es kommt darauf an zu lernen und zu trainieren, mit dem Virus gesamtgesellschaftlich so umzugehen, damit wir wieder ein einigermaßen normales Leben führen können – und zwar in allen Altersgruppen und mit allen Facetten, beruflich wie privat. Wir kennen das Vorgehen ja von der Grippeschutzimpfung, da ist es schon Normalität geworden, sich jedes Jahr impfen zu lassen. Und so könnte es mit Corona wohl auch werden.

Von Björn Wisker

18.04.2021
18.04.2021