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Marburg Psychologe erklärt das Verhalten der Menschen
Marburg Psychologe erklärt das Verhalten der Menschen
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17:00 10.03.2020
Professor Christopher Cohrs. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Die OP sprach mit dem Sozialpsychologen Professor Christopher Cohrs über das Verhalten der Menschen während des aktuellen Corona-Ausbruchs.

OP: ITB, Buchmessen Leipzig, große Rock-Konzerte, aber auch die Oberhessenschau und Marburger Frühling werden wegen dem Coronavirus abgesagt . Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel sind ausverkauft.Es wird teilweise von Hamsterkäufen berichtet. Geraten wir in Deutschland in eine virale Pandemie.Hysterie und steuern auf eine Massenpanik zu?

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Cohrs: Man muss unterscheiden zwischen dem Verhalten der einzelnen Menschen und der Entscheidungsträger. Der Kauf von Atemschutzmaken oder Desinfektionsmittel ist aus meiner Sicht keine Panik-Reaktion, sondern dabei handelt es sich um individuell getroffene Vorsichtsmaßnahmen. Das ist noch keine hysterische Reaktion. Auch wenn jetzt vermehrt Großveranstaltungen abgesagt werden, sind die Entscheidungen sicherlich gut durchdacht. Massenpanik würde aber bedeuten, dass die Menschen aufgewühlt und in großer Angst sind. Das erkenne ich derzeit nicht. Allerdings tendieren viele Menschen schon in der aktuellen Lage dazu, vorsichtig zu sein und Gefahren zu vermeiden, weil sie mögliche dramatische Konsequenzen einer Pandemie fürchten.  Woher kommt aus psychologischer Sicht der aktuelle Zustand der Aufregung vieler Menschen, der vielleicht auch in Angst umschlägt?

OP: Das hat auch evolutionäre Gründe. Menschen sind und waren schon immer generell vorsichtig gegenüber Risiken. Das gilt besonders dann, wenn es sich um Sachen handelt, die neu sind, die quasi von außen kommen, bei denen es viele Ungewissheiten gibt und die man nicht versteht. Eine spannende Frage ist in diesem Zusammenhang, ob wir genauso reagieren würden, wenn das Virus zuerst nicht in China, sondern viel näher wie beispielsweise in Frankreich oder Holland aufgetaucht wäre.   Beim Thema Coronavirus geht es auch um die Angst vor dem Unbekannten, Nicht Beherrschbaren und ein damit einhergehendes wachsendes Unsicherheitsgefühl. Was spielt sich dabei im Kopf der Menschen ab?

Cohrs: Normalerweise sind wir gewohnt, uns frei bewegen zu können und machen zu können, was wir wollen. Dann kommt jetzt das Virus, dass dies in Frage stellt und unsere Freiheit einschränkt.. Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Lage unklar ist und sie sie nicht kontrollieren können. Sie versuchen dann, Kontrolle wiederherzustellen, indem sie irgendetwas tun, auch wenn das, was sie tun, nicht unbedingt sinnvoll ist. Immerhin erlernen die Leute ein adäquates Verhalten in der Öffentlichkeit aber relativ schnell. Ich habe zum Beispiel schon lange keine Person mehr im Zug oder in der U-Bahn gesehen, die nicht zum Schutz ihrer Umgebung in die Armbeuge hustet, wenn sie husten muss. 

OP: Coronavirus, Klimawandel. Flüchtlingsfrage: Immer scchneller wird ein Thema zum globalen öffentlichen Notfall, und es gibt auch vermehrt Verschwörungstheorien und eine neue Unübersichtlichkeit. Was kann die rationale Wissenschaft dem entgegensteuern?

Cohrs: Wichtig ist vor allem eine transparente umfassende und sachliche Informationsvermittlung. Dabei geht es um Informationen darüber, wie das Virus funktioniert welches Verhalten jetzt angemessen ist. Das funktioniert aber nur dann,, wenn auch alle Wissenschaftler und Experten ähnliche Dinge sagen und es nicht ein Wirrwarr an Stimmen gibt. Man muss wissen, welchen Informationen man trauen kann und welchen nicht. Das ist aber nicht ganz einfach angesichts der immer wieder neuen und komplexen Situationen. Außerdem reagieren die Menschen auch unterschiedlich auf Ratschläge: Manche sind eher risikofreudig und andere sind übervorsichtig. Aber gesamtgesellschaftlich gesehen ist es wiederum gut, dass es diese verschiedenen Reaktionsmuster gibt.

von Manfred Hitzeroth

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