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Marburg Neue Impfwelle mit neuen Impfstoffen starten
Marburg Neue Impfwelle mit neuen Impfstoffen starten
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20:26 03.01.2022
Professor Dr. Harald Renz.
Professor Dr. Harald Renz. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Für das gerade begonnene Jahr 2022 lassen sich drei Corona-Phasen zeichnen. Wie wir durch die drei Phasen hindurch kommen werden, hängt im Wesentlichen davon ab, wie sich die Infektionszahlen entwickeln werden, wie hoch der relative und absolute Anteil an Corona-Infizierten sein wird, die eine Krankenhaus- oder gar intensivmedizinische Behandlung brauchen, und wie es uns gelingt, das Alltagsleben mit allen Facetten von beruflich über schulisch, kulturell, privat usw. wieder zu (er)leben.

Die gute Nachricht ist, dass uns ein immer feingliedrigerer Instrumentenkasten zur Verfügung steht, mit dem wir auf die jeweiligen Situationen eigentlich passgenau reagieren könnten, wenn wir diesen Instrumentenkasten denn auch konsequent, rasch und nachhaltig einsetzen würden.

Das hat leider in der Vergangenheit (die vergangenen zwei Jahre) nur bedingt geklappt, daraus heißt es jetzt zu lernen, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen und sich 2022 besser aufzustellen. Dann haben wir eine Perspektive, mit dem Corona-Virus – egal welche Variante – gut durch das Jahr zu kommen.

Zu diesem Instrumentenkasten zählen natürlich die Impfungen, aber auch zunehmend die Medikamente, und ein Ausbau und intelligenterer Einsatz der Test-Strategien. Dies alles selbstverständlich neben den uns schon so bekannten Abstands-, Masken- und Lüftungsregeln und –maßnahmen.

Phase 1: Die Omikron-Welle

Die Omikron-Welle wird die nächsten Monate dominieren. Wenn sich Omikron so ausbreitet wie in Südafrika, England, den Balearen und etlichen anderen mitteleuropäischen Ländern sowie in den USA, dann rollt eine Welle sehr, sehr hoher Infektionszahlen auf uns zu. Omikron scheint aber – dies zeigen zumindest die ersten Untersuchungen aus England und anderen Staaten – mit milderen Verläufen einherzugehen, als wir das bei Delta gesehen haben. Ein Beispiel: Bei Delta gehen wir davon aus, dass knapp 1 % der nachgewiesenen Infizierten eine Krankenhausbehandlung brauchen. Bei Omikron scheint dies deutlich niedriger zu sein (vielleicht 0,5 %). Aber selbst diese 0,5 % könnten absolut sehr viele Patienten in den Krankenhäusern bedeuten, wenn die Infektionszahlen drastisch nach oben schnellen. Omikron verbreitet sich aber auch vor allem in der jungen Bevölkerung, die wiederum ein niedrigeres Risiko für schwere Verläufe hat.

Bis Omikron richtig zuschlägt, gilt es, die Zeit zu nutzen, um noch zu impfen und zu boostern, was das Zeug hält! Jede Impfspritze zählt! Immer noch sind ca. 20 Millionen Menschen in Deutschland ungeimpft!! Und wir müssen uns jetzt wappnen, da die Testlabore erheblich in Anspruch genommen werden. Es gilt nämlich selbst bei milderen Verläufen zu bestätigen, dass es sich um eine Omikron-Infektion handelt. Deswegen müssen die Antigen-Testungen und die PCR-Testungen weiter ausgerollt werden, verbunden mit einem zeitnahen Meldesystem.

Wenn es allerdings wirklich so viele Infizierte gibt, dann werden darunter auch viele infizierte Berufstätige sein und das wiederum hat unter Umständen dramatische Auswirkungen auf alle Arbeits- und Versorgungsbereiche der Gesellschaft. Deswegen wird in einigen Ländern bereits die Quarantänezeit der Omikron-Infizierten deutlich reduziert (teilweise auf 5 bis 7 Tage statt 10 bis 14 Tage). Ähnliches wird sicherlich dann auch bei uns in Deutschland angepasst. Alleine schon, um das organisierte Leben aufrecht zu erhalten.

Ein weiterer wichtiger Grund für das Testen und den Nachweis der Omikron-Infektion ist der Einsatz der Corona-Pillen. Mit diesen neuen Medikamenten stehen uns erstmals Werkzeuge zur Verfügung, die einfach als Tabletten eingenommen werden können, und zwar insbesondere und ausschließlich ganz früh unmittelbar nach Nachweis der Infektion (einschließlich einer Post-Infektionsprophylaxe). Eines dieser Medikamente ist Paxlovid. Ein Inhibitor eines wichtigen Virus/Enzyms, welches zur Virusvermehrung benötigt wird. Dieser Inhibitor wird kombiniert mit einem zweiten Wirkstoff, der den Abbau des ersten Wirkstoffs verzögert. Damit wird nach den Zulassungsstudien eine etwa 70 %ige Reduktion von Hospitalisierungen bei Erwachsenen und in der Gruppe der über 65-Jährigen sogar von 94 % erreicht.

Allerdings hat Paxlovid erhebliche Nebenwirkungen, das muss man wissen, und das Medikament muss auch für den kompletten Kurs eingenommen werden, da sonst die Gefahr besteht, dass sich virale Resistenzen entwickeln.

Das zweite Tabletten-Medikament – Molnupiravir – ist ein veränderter RNA-Baustein, der, wenn eingebaut in die Virus-RNA, zu Mutationen in der Virus-RNA führt. Der ursprüngliche Enthusiasmus für dieses Medikament ist etwas gedämpft, denn nach neueren Daten gehen die Krankenhauseinweisungen nur um ca. 30 % zurück. Allerdings gibt es hier noch einige kritische Argumente, die weiter untersucht werden müssen, wie zum Beispiel die Frage, ob durch die Einführung von Mutationen in die virale RNA gegebenenfalls auch gefährliche Versionen von SARS-CoV-2 entstehen könnten, und ob auch Mutationen in menschlicher DNA auftreten könnten (hier gibt es einige Zellkultur-Resultate, die kritisch beleuchtet werden, insbesondere von der FDA in den USA).

Gleich für den Anfang einer (milden) Infektion stehen nach wie vor die monoklonalen Antikörper zur Verfügung, die insgesamt ebenfalls zu einer 85 %igen Reduktion an Krankenhauseinweisungen und damit schweren Verläufen führen.

Jetzt gilt es: dieses Arsenal rasch zur Verfügung zu stellen, einzusetzen und damit schwere Verläufe, Krankenhauseinweisungen und Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden.

Phase 2: Die Frühjahrs- und Sommerzeit

Wenn wir Omikron überwunden haben, könnte uns eigentlich ein relativ entspannter Sommer bevorstehen. Omikron ist durch, und möglicherweise erreicht uns zumindest hier in Zentral-Europa so schnell keine neue Variante und die Infektionszahlen (mit vielleicht einigen wenigen regionalen eng umgrenzten Ausnahmen) halten sich auf niedrigem Niveau.

Allerdings könnte dies auch eine trügerische Ruhe sein. Denn wir wissen mittlerweile, der Impfschutz lässt schneller nach als gedacht. Wir wissen nicht, inwieweit eine Immunisierung mit der (milderen) Omikron-Variante lange anhält oder auch stark genug wäre, um noch bis zum Winter zu reichen.

Gleichzeitig werden aber gegen Mitte des Jahres dann auch die zweiten Generationen an Impfstoffen zur Verfügung stehen, die erste Generation wurde ja entwickelt auf der Basis des Ursprungsvirus oder der Alpha-Variante. Und wir wissen, dass diese Impfstoffe der ersten Generation nicht gar so gut wirken gegen die aktuellen Varianten. Gleichzeitig werden wir Mitte des Jahres auch nach wie vor Impflücken in der Gesellschaft haben. Dies sind nicht nur die älteren Menschen, sondern auch all diejenigen, die bisher nicht durch die Impfung erreicht werden konnten (soziale Randgruppen, Migranten und andere).

Deswegen gilt es: Die Jahresmitte zu nutzen, um eine neue Impfwelle mit den upgedateten Impfstoffen konsequent und flächendeckend zu starten, die Impflücken zu schließen und unser Immunsystem fit zu machen für den Winter.

Gleichzeitig müssen die Test-Strategien so vorbereitet werden, dass es flächendeckend in Deutschland möglich ist, rasch und zielgerichtet Infektionsquellen auszumachen, und zwar mit hoher Sensitivität und Geschwindigkeit. Hier müssen wir uns auch auf eine gewisse „Routine“ einstellen und die Test-Arsenale optimieren, gerade auch was Sensitivität (und positiver und negativer Vorhersagewert der Testergebnisse) anbelangt. Hier ist noch viel zu tun, um für die Herbst-/Wintersaison und dann für 2023 gut gerüstet zu sein.

Phase 3: Die Herbst-/Wintersaison

Wie wir durch den nächsten Winter kommen werden, hängt ganz wesentlich von zwei Faktoren ab: Zum einen, wie weit es uns gelingt, uns hier entsprechend im Sommer fit zu machen, nachzurüsten und aufzurüsten und zum anderen, was für ein Virustyp/Variante dann das Geschehen beherrschen wird.

Möglich ist, dass wir von der Pandemie zur Endemie kommen, also das Infektionsgeschehen sich mehr regional und örtlich abspielen wird und möglich ist auch, dass das Virus sich in Bezug auf schwerste Infektionsverläufe „beruhigt“ hat, weil natürlich auch die Möglichkeit der Mutantenbildung biostatistisch begrenzt ist.

Aber sicher ist das alles nicht, wie wir ja bei Delta und Omikron gesehen haben. Insofern gilt es: Nur wenn es uns gelingt, den Instrumenten- und Werkzeugkasten entsprechend einzusetzen und zu nutzen, haben wir eine Chance, mit dem Virus wieder ein Alltagsleben auf Dauer zu führen, sodass wir mit möglichst wenig Einschränkungen, großer gesellschaftlicher Akzeptanz in Bezug auf die Maßnahmen und mit Zuversicht über das Jahr 2022 hinausblicken können.

Professor Harald Renz ist Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin in Marburg und Gießen.

Von Harald Renz