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Marburg Impfen, boostern, impfen
Marburg Impfen, boostern, impfen
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08:00 03.12.2021
Professor Harald Renz beantwortet OP-Leserinnen und OP-Lesern Fragen zur Corona-Pandemie.
Professor Harald Renz beantwortet OP-Leserinnen und OP-Lesern Fragen zur Corona-Pandemie. Quelle: Thorsten Richter
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Professor Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Universitätsklinikum, beantwortet für OP-Leserinnen und OP-Leser Fragen zur aktuellen Corona-Situation und erklärt, für wen es warum sinnvoll ist, sich auf seine Antikörper zu testen.

Ist die Antikörpertestung sinnvoll?

Nach beidem, Impfung und Infektion, entwickelt sich eine Immunantwort bei den allermeisten Menschen. Diese führt unter anderem zur Bildung von Antikörpern, die im Blut gemessen werden können.

Dabei ist allerdings einiges zu beachten, denn die Dinge sind auch hier an dieser Stelle komplizierter als vielleicht erwartet: Die zurzeit zugelassenen Impfstoffe führen zur Bildung von Antikörpern gegen das sogenannte Spike(S)-Protein. Das ist die „Andockstelle“ des Virus an den Zellen, denn die Impfstoffe enthalten dieses S-Protein beziehungsweise den Bauplan dafür. Bei einer natürlichen Infektion werden gegen alle möglichen Proteine Antikörper gebildet, nicht nur gegen das S-Protein, sondern auch gegen zum Beispiel das N-Protein. Nun muss man eben genau wissen, welche Antikörper gemessen wurden. N-Antikörper finden sich also nur bei Infizierten, nicht bei Geimpften, und S-Antikörper bei beiden, bei Geimpften und Infizierten.

Eine weitere Angelegenheit kompliziert die Interpretation der Ergebnisse, da es bis heute keine internationale Standardisierung für die Antikörpermessung gibt, also jeder Hersteller und jeder Test eine andere „Kalibration“ vornimmt. Deswegen sind die Ergebnisse immer nur testspezifisch zu vergleichen und wenn man mehrere Antikörpermessungen über einen längeren Zeitraum durchführt, um zum Beispiel den Effekt der Booster-Impfung zu messen, dann ist es wichtig, den gleichen Test immer anzuwenden, um die Ergebnisse nebeneinanderlegen zu können.

Wer sollte nun auf Antikörper getestet werden?

Zumindest diejenigen, die eine besondere Risikokonstellation zeigen für eine vielleicht nicht ganz so gute Impfantwort. Dazu zählen beispielsweise Ältere – ältere Menschen haben ein sowieso schon schwächeres Immunsystem als die Jüngeren –, diejenigen, die dann auch noch zusätzlich weitere Grunderkrankungen haben wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Bluthochdruck, Diabetes, Autoimmunerkrankungen und andere. Und dann natürlich diejenigen, die mit Medikamenten behandelt werden, die das Immunsystem schwächen, also auch die Ausbildung einer Impfantwort unterdrücken. Zum Beispiel Krebspatienten.

Ist die Antikörperproduktion bei allen Impfstoffen gleich?

Den richtig guten Schutz hat man leider erst nach vollständiger Impfung. Deswegen sollten die Erst-Geimpften so rasch wie möglich dann auch ihre Zweitimpfung bekommen. Häufig ist die Immunantwort nach der ersten Impfung so schwach, dass sie mehr oder weniger noch als ungeschützt gelten können. Dann fällt der Antikörperschutz bei den verschiedenen Impfstoffen auch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit ab.

Bei AstraZeneca und Johnson & Johnson verliert sich der Antikörperschutz am schnellsten (schon nach wenigen Monaten). Bei Moderna scheint er etwas länger anzuhalten als bei Biontech. Bei beiden mRNA-Impfstoffen bleibt er allerdings in der Regel circa sechs Monate noch deutlich hoch. Die Dynamik ist also unterschiedlich und hinzu kommt eben auch die Grundkonstellation beim jeweiligen Menschen, die berücksichtigt werden muss.

Welche Bedeutungen haben die Schnelltests?

Testen, testen, testen – wichtiger denn je in dieser Pandemie! Denn auch Geimpfte können sich infizieren, merken es dabei häufig gar nicht, geben aber das Virus weiter. Leider haben wir in Deutschland ein Wirrwarr bei den Antigen-Schnelltests. Das liegt daran, weil es ausreicht, ein sogenanntes „CE-Zertifikat“ zu erlangen für einen Testhersteller, um seinen Test in den Verkauf zu bringen. Um dieses CE-Zertifikat zu erhalten, ist es lediglich notwendig, dass der Hersteller selbst Angaben zur Qualität vorlegt. Diese Angaben werden in der Regel nicht überprüft, sie errechnen sich aus in den meisten Fällen sehr kleinen Stichproben mit sehr ausgewählten Probanden, natürlich auch, damit die Ergebnisse hinterher gut aussehen.

Dies hat nun dazu geführt, dass das Paul-Ehrlich-Institut eine Liste an solchen Antigen-Schnelltests führt, auf der weit über 120 Tests gegenwärtig gelistet sind. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte führt ebenfalls eine Liste im Internet mit über 500 Tests. Alle in Deutschland verfügbar, alle haben unterschiedliche Qualitätskriterien. Nun wurden bei einigen dieser Tests vom Paul-Ehrlich-Institut die angegebenen Qualitätskriterien überprüft und über ein Fünftel der CE-zertifizierten Tests hat die Prüfung gar nicht bestanden. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die Qualitätskriterien des Paul-Ehrlich-Instituts auch noch eine gewisse Bandbreite zugelassen haben.

Wie soll sich da der Verbraucher schützen? Wie soll der Normalbürger mit diesem Wirrwarr zurechtkommen und wissen, ob der Test, den er nun gerade gekauft hat für sich und seine Familie, ein guter oder ein weniger guter Test ist? Hier hätte man von Anfang an im Rahmen der Zulassungsverfahren und Bestimmungen deutlich schärfere Grenzen verpflichtend festlegen müssen.

„Bärendienst“ wegen Schnelltest-Wirrwarr

Hinzu kommt auch jetzt noch, dass es Knappheit auf dem Markt gibt, also die wirklich sehr guten Tests rar werden, häufig auch teurer sind als die weniger guten. Insofern leisten wir uns hier einen Bärendienst, denn dieser Wirrwarr führt zu einer erheblichen Verunsicherung. Ich weiß ja gar nicht, ob das negative Testergebnis wirklich negativ ist oder ob man nicht doch Virus ausscheidet. Da prinzipiell die Antigen-Schnelltests sowieso schon eine geringere Sensitivität haben als der „Goldstandard“, die PCR, kommt ein weiterer Unsicherheitsfaktor hier mit ins Spiel. Unterm Strich: Die PCR-Testung ist deutlich besser als die Antigen-Schnelltests und lieber alle drei Tage einen PCR-Test machen als jeden Tag einen Antigen-Schnelltest.

Was bedeutet dies alles nun unterm Strich für die kommenden Wochen?

Das lässt sich wirklich kurz zusammenfassen: impfen, boostern, impfen. Im Zweifelsfall vorher die Antikörper messen, damit man den notwendigen Zeitpunkt für die Booster-Impfung nicht verpasst. Masken tragen, Hände desinfizieren, um die Ausbreitung des Virus auch bei Asymptomatischen zu vermeiden. Testen, testen, testen, und zwar alle und am besten mit PCR- oder häufigem Antigentest.

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