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Marburg Das Problem mit den Corona-Tests
Marburg Das Problem mit den Corona-Tests
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14:00 15.06.2020
Eine Virologie-Mitarbeiterin bereitet Proben von Menschen mit Covid-19-Verdacht vor. Quelle: Sven Hoppe/dpa
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Marburg

Sie haben Fragen rund um das Coronavirus? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an beratung@op-marburg.de. Wir sortieren die Fragen vor und legen sie danach einem Experten vor. Diesmal beantwortet Professor Harald Renz, ärztlicher Geschäftsführer am Uni-Klinikum Marburg, Fragen zu Coronatests.

Wie gut sind die Antikörpertests?

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Wir alle wollen natürlich gerne wissen, ob wir in der Vergangenheit mit dem Virus Kontakt hatten und ob sich eine entsprechende Immunität ausgebildet hat. Hierfür braucht es entsprechend zuverlässige Tests. Ein Weg dahin sind die sogenannten Antikörpertests, bei denen man spezifische Antikörper nachweist, die nach Virusinfektion gebildet worden sind. Das hört sich theoretisch alles ganz prima an, stellt sich aber in der Praxis deutlich schwieriger dar. Zum einen wissen wir, dass nicht jeder Antikörper bildet nach Virusinfektionen. Zum anderen bedeuten die nachgewiesenen Antikörper auch nicht notwendigerweise Schutz vor einer weiteren Infektion (Zweitinfektion).

Dazukommen auch noch gewisse Unsicherheiten mit den Antikörpertests selber. Diese Tests sollen ja eine hohe Sensitivität (die Kranke auch als krank erkennen) und Spezifität (die Gesunden als gesund erkennen) aufweisen, was auf den ersten Blick betrachtet die gängigen Antikörpertests auch leisten. Sie zeigen Sensitivitäten und Spezifitäten um und größer 99 Prozent.

Das hört sich zwar ganz gut an, es muss aber bei der Interpretation der Testergebnisse jetzt noch eine weitere Variable mit hinzu gerechnet werden, nämlich wie hoch denn der Anteil an wirklich Erkrankten in dem jeweiligen Kollektiv zu erwarten ist. Das heißt, bei einer hohen Prävalenz (Häufigkeit) an Virusinfizierten, also zum Beispiel bei einem Anteil von 10 oder 20 oder gar mehr Prozent, in der entsprechenden Stichprobe, sind diese Tests zuverlässig genug. Wenn aber die Prävalenz, wie zum Beispiel bei uns im Landkreis Marburg-Biedenkopf, mit nur so wenig aktiv-infizierten Patienten ausgesprochen niedrig ist, dann nimmt die Aussagekraft der Antikörpertests entsprechend ab. Und bei einer Prävalenz von unter 0,2 Prozent (also 2 Infizierte auf 1 000 Menschen), werden zwar bei einer entsprechenden Sensitivität und Spezifität diese zwei Erkrankten mit entsprechenden positiven Testergebnissen nachgewiesen. Aber es gibt eben noch weitere positive Testergebnisse (falsch-positive Testergebnisse), so dass der einzelne sich möglicherweise in einer trügerischen Sicherheit fühlt und die Ungenauigkeit dieser Tests dann hier zu Buche schlägt.

Aber genau diese Situation haben wir in unserer Region mit einer sehr niedrigen Prävalenz, was die Aussagekraft der (positiven) Testergebnisse entsprechend einschränkt.

Wie sieht es genau in unserem Umfeld aus?

Aus den oben genannten Gründen brauchen wir dringend verlässliche Zahlen, und hierzu wollen wir am Uniklinikum Marburg jetzt einen Beitrag leisten. Unserem Aufruf zur Teilnahme an der freiwilligen Mitarbeiter-Reihenuntersuchung sind sehr, sehr viele Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen des Klinikums bisher gefolgt. Noch in dieser Woche läuft diese Reihenuntersuchung, und wir rechnen mit mehreren Tausend Teilnehmern. Dies ist ein hervorragendes Ergebnis. Und wir sind jetzt alle sehr gespannt, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Antikörpernachweis wir entdecken werden.

Unsere Virologie führt bei den positiv Getesteten dann weitere Kontrolluntersuchungen aus den Blutproben durch, um die Sicherheit für diese Testergebnisse zu erhöhen. Gleichzeitig haben wir auch die Möglichkeit, verschiedene Tests verschiedener Hersteller miteinander zu vergleichen, so dass wir auch zur Zuverlässigkeit der Tests zukünftig eine bessere Aussage treffen können. Und dann planen wir die Wiederholung der Untersuchung in regelmäßigen Abständen, um hier regional etwas zum Verlauf der Infektionsausbreitung dann faktenbasiert beisteuern zu können. Wir werden Sie in den kommenden Wochen über die Auswertung der Studie detailliert auf dem Laufenden halten und bitten für heute hier zunächst einmal noch um etwas Geduld.

Wie zuverlässig sind die PCR-Messungen zum Nachweis des Virus selbst?

Auch hierzu gibt es neuere Daten, die zeigen, dass zwar die PCR nach wie vor als der Goldstandard zum Nachweis der akuten Virusinfektion angesehen werden kann, dass es aber eine bisher unterschätzte Anzahl von falsch-negativen Testergebnissen gibt. Dies hat eine detaillierte Auswertung von bisher publizierten Studien zu dieser Thematik jüngst ergeben. Zwischen dem Tag 0 (dem Tag an dem man sich mit dem Virus infiziert) und dem Tag bis die ersten Symptome ausbrechen (in der Regel Tag 4 bis 5 nach Infektion), nimmt die Rate falsch-negativer Testergebnisse deutlich ab, und zwar von 100 Prozent falsch-negativen Testergebnissen am Tag 0 bis hin zu immer noch zwei Drittel falsch-negativer Testergebnisse am Tag 4, und dann mit dem Einsetzen der Symptome zwischen Tag 5 und 8, sinkt die Rate an falsch-negativen Testergebnissen ab auf minimal 20 Prozent. Was aber immer noch bedeutet, dass im besten Falle, einer von fünf Virusinfizierten mit akuten Symptomen, ein negatives PCR Testergebnis aufweist.

Dies ist ein sehr, sehr hoher Anteil an falsch-negativen Tests mit dieser Goldstandard-Methode. Die Gründe für diese hohe Rate an verpassten PCR-Ergebnissen sind vielfältig. Sie reichen von einer nicht optimalen Abnahme des Nasen-Rachen-Abstrichs über die Frage, wie viele Viruspartikel abgesondert werden vom Patienten bis hin zu Fragen der Testzuverlässigkeit selbst.

Also: Ein negatives PCR-Ergebnis schließt eine akute Infektion leider nicht aus. Deswegen braucht es eine Kombination von Tests.

Von Professor Harald Renz

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