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Marburg Problem zu akzeptieren hilft in der Krise
Marburg Problem zu akzeptieren hilft in der Krise
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07:58 30.04.2020
Dr. Johannes Krautheim arbeitet an der Vitos-Klinik im Bereich affektive Störungen. Quelle: Privatfoto
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Marburg

„Das Stressniveau in der Bevölkerung ist erhöht“, sagt Dr. Johannes Krautheim. Der Oberarzt an der Vitos-Klinik ist Spezialist für affektive Störungen, also für bedeutsame Veränderungen der Stimmungslagen. Und genau das passiert gerade jetzt während der Corona-Pandemie, sowohl bei Menschen ohne als auch vor allem bei Menschen mit psychischen Vorerkrankungen. „Angst vor der Gefahr einer Ansteckung zu haben, das ist normale psychologische Angst, die jeder verspüren kann“, erklärt Johannes Krautheim. Gegen das oft damit einhergehende Gefühl der Hilflosigkeit kann man schon etwas tun, bevor es zu stark wird: Sozialkontakte aufrechterhalten, per Videotelefonie oder mit einem Gespräch auf der Straße, sich einen Tagesrhythmus schaffen mit viel Bewegung, vor allem an der frischen Luft. „Sonnenlicht tanken ist sehr wichtig bei Gemütsschwankungen“, weiß Johannes Krautheim, der noch empfiehlt, wenig oder besser gar keinen Alkohol zu trinken.

Zu dem Gefühl der Hilflosigkeit kommt oft auch das Gefühl der Hoffnungslosigkeit hinzu. Das macht sich breit, wenn die Probleme – finanziell, gesundheitlich, aber auch emotional – immer größer werden. „Menschen, die sich etwas aufgebaut haben und jetzt zusehen müssen, wie das kaputtgeht, haben Probleme, die man nicht wegdiskutieren kann“, sagt Johannes Krautheim. „Das ist eine ganz diffizile Angelegenheit, die man nicht kleinreden kann.“ Dieses Zusammenspiel ist oft Auslöser einer Depression.

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Gibt es bereits psychische Vorerkrankungen, kann sich der Krankheitsverlauf in diesen Zeiten verschlechtern. Denn das Versorgungsangebot hat sich aufgrund der Corona-Pandemie verändert. Die Hürden zum Versorgungssystem haben sich erhöht, zum Schutz der Mitarbeiter, aber auch zum Schutz der Erkrankten. Auf den Stationen der Vitos-Klinik gibt es weniger Kontakte unter den Patienten und auch keine stationsübergreifenden Angebote mehr. Ebenfalls wurden Ausgangsbeschränkungen eingeführt, sodass nur noch stationsweise rausgegangen werden darf. Für Neuaufnahmen wurde eine Schleusenstation eingerichtet. „Normalerweise wird die Schwelle für die Erkrankten sehr niedrig gehalten, damit sie unser Angebot auch annehmen. Das musste aufgrund des Pandemieschutzes geändert werden und beide Seiten mussten Kompromisse eingehen“, erklärt der Oberarzt.

Die Kontaktsperre, sehr hoher Fernsehkonsum, das tägliche Bier am Abend, die fehlende Kontrolle durch Freunde oder Familie – bei vielen Menschen hat sich die Alltagssituation krisenhaft zugespitzt. Johannes Krautheim spricht auch von rückfälligen Alkoholikern oder Drogenabhängigen und Spielsüchtigen. Doch wie können sich Betroffene selbst helfen, die Hoffnungslosigkeit zu überwinden? „Sie müssen ihre Probleme radikal akzeptieren. Eine radikale Akzeptanz von Problemen, die man alleine nicht lösen kann, setzt Energien frei. Wenn man nur über Dinge grübelt, die man alleine nicht ändern kann, dann gibt es keine Ressourcen mehr für die Selbstwirksamkeit. Die wird nur aktiv, wenn ich über Lösungen nachdenke“, erklärt Krautheim, der an jeden Einzelnen appelliert: „Wenn Sie jemanden kennen, der einsam ist, rufen Sie ihn an, gehen Sie proaktiv auf ihn zu – egal ob Freund, Nachbar oder Kollege. Selten war Solidarität so wichtig.“ Und auch für die, die einsam sind, hat er noch einen Tipp: „Suchen Sie sich neue Formen der Kontaktaufnahme. Kommunizieren sie über Balkone, von einer Straßenseite zur nächsten und schauen Sie nicht den ganzen Tag Nachrichten. Wir brauchen auch Urlaub von der Krise. Hinterfragen Sie sich immer wieder, ob Sie die Situation noch aushalten können oder die Grenze der Belastung erreicht ist. Wenn Letzteres eingetroffen ist, greifen Sie zum Hörer und holen sich Hilfe beim Haus- oder Facharzt. Die eigenen Grenzen zu akzeptieren ist hilfreich und kann lebensrettend sein.“

Von Katja Peters

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