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Marburg Nur noch schnell den Test machen
Marburg Nur noch schnell den Test machen
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19:58 23.12.2020
Torben Heide (14) steht am Empfangsschalter im Corona-Testcenter am Aquamar und wird registriert. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Weiße Pfeile auf dem Boden weisen den Weg zu den Menschen in ebenso weißen Overalls: Im Falle eines Andrangs, wie es ihn in den vergangenen Tagen am Corona-Schnelltestzentrum am Aquamar zeitweise gab, sollen die Markierungen für Ordnung, für Abstand sorgen. Mittwoch, am letzten Tag vor Heiligabend, hätte es die Pfeile wohl nicht gebraucht – der Run auf die Test-Container blieb aus.

Dennoch: Jene, die Weihnachten zu ihrer Familie oder zu Freunden fahren und dabei auf Nummer sicher gehen, gesundheitsgewiss sein wollten, haben sich am Mittwoch abstreichen lassen. So wie Constanze Plathe. „Ich fühle mich gut, mache den Test eigentlich nur für den Kopf“, sagt die 23-Jährige. Wenn sie über die Feiertage unter anderem ihren 80-jährigen Opa treffe, wolle sie das „ohne Hemmungen“ tun können.

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Esther Meierhofer ist aus einem anderen Grund vor das Container-Paar geradelt: „Ich hatte über das Wochenende ein bisschen Schnupfen, ich möchte jetzt einfach sichergehen“, sagt die Studentin. Das gemeinsame Weihnachtsfest mit den Eltern habe sie – wie alle Treffen seit dem Frühjahr – am Sonntag bereits abgesagt. Je nach Testergebnis will sie den Besuch zu Silvester nachholen.

Ob Plathe, Meierhofer oder die anderen, am letzten Vor-Weihnachtstag, meist jungen Marburger: Sie wollen keine böse Bescherung, aber nach Monaten des Verzichts ihre Familien nun wenigstens zum Jahresende sehen.

So auch Familie Heide, die den Opa in Süddeutschland besuchen möchte. „Wir haben in den letzten Tagen unsere Kontakte bereits deutlich eingeschränkt, aber jetzt machen wir lieber noch einen Test vorher“, erklärt Torben Heide (14), der mit seinen Geschwistern und Eltern ans Aquamar gekommen ist. Schwester Laura ist aus Bremen angereist, nachdem sie vorher schon – auch aufgrund von ausgesetzter Präsenzlehre – möglichst wenig Kontakte hatte. „Wir wissen, dass auch der Test nur eine Momentaufnahme ist und nicht die absolute Sicherheit darstellt, trotzdem hat man ein besseres Gefühl“, sagt Mutter Karin und spricht damit ein kontroverses Thema an: die Verlässlichkeit der Schnelltests.

UKGM warnt: Nicht auf Schnelltest verlassen

Können die Schnelltests also Weihnachten retten? „Nein“, sagt Professor Harald Renz, ärztlicher Direktor des UKGM. Denn: Damit die Antigen-Schnelltests überhaupt anschlagen, „muss im Körper bereits eine gewisse Viruslast vorhanden sein“. Heißt: Wer sich gerade erst infiziert hat, bei dem schlage der Schnelltest nicht an. Und: „Auch der Schnelltest ist nur eine Momentaufnahme. Wenn ich ihn also zwei Tage vor Weihnachten absolviere, dann bin ich nicht freigetestet, um an Heiligabend die Großmutter im Pflegeheim zu besuchen.“

Auch, wer etwa heute noch einen Schnelltest mit negativem Ergebnis bekomme, dürfe sich nicht in absoluter Sicherheit wiegen. „Das Ergebnis erhöht natürlich das Maß an Sicherheit.“ Dennoch müsse man vier wichtige Fragen mit „Nein“ beantworten: Habe ich Symptome? Habe ich Fieber? War ich in den letzten 14 Tagen in einem Risikogebiet? Und: Hatte ich in den vergangenen zehn Tagen Kontakt zu einem mit Corona infizierten Menschen?

„Wenn ich diese Fragen mit Nein beantworte, erst dann mache ich den Schnelltest. Und wenn der negativ ausfällt – dann habe ich ein relativ hohes Maß an Sicherheit“, sagt Renz. Der Antigen-Schnelltest „ergänzt unser ganzes Arsenal an Waffen gegen das Virus. Aber er ersetzt nicht die weiteren Sicherheitsmaßnahmen: Maske tragen, Hände desinfizieren und Abstand halten – das ist immens wichtig.“ Und: „Gerade, wenn man mit älteren Menschen in Kontakt kommt, die zur Hochrisikogruppe gehören, dann sollte man die Kontaktzeit auf ein Minimum reduzieren – nicht länger als eine halbe Stunde.“ Und auf keinen Fall sollte man Angehörige aus dem Pflegeheim abholen. Schlimmstenfalls könnten Schnelltests dafür sorgen, dass man sich zu sicher fühle.

Hausarzt: „Schnelltests nicht schlechter reden als sie sind“

Hausärzte sind viel optimistischer. „Als Sicherungssystem eben für Familientreffen, für Besuch von älteren Menschen, sind sie sehr gut geeignet, sie sind verlässlich genug“, sagt Dr. Hartmut Hesse, Vorsitzender des Marburg-Biedenkopfer Ärztenetzwerks Prima. Das Ergebnis sei eine Momentaufnahme – das vom PCR-Test, der eine noch höhere Trefferquote hat und schon bei geringerer Viruslast anschlägt, aber eben auch. Unsicherheit gebe es letztlich nur, wenn man sich gar nicht testen ließe. Die Praxis sehe vielmehr so aus: Alleine seine Gemeinschaftspraxis teste seit dem Spätsommer jede Woche die immer gleichen 200 Lehrer in Marburg. Ergebnis: „In der Gruppe gab es nach den Schnelltests keine Ausfälle“, sagt Hesse und verweist darauf, dass man diese Personen alle zwei Wochen – also der Corona-Ansteckungszeit – sehe, Isolationen oder falsch negative Ergebnisse aufgefallen wären. „Man darf die Schnelltests also nicht schlechter reden, als sie sind.“

Laut einer aktuellen OP-Umfrage wollten sich 25 Prozent der Teilnehmer vor dem am Freitag beginnenden Weihnachtsfest noch auf das Coronavirus testen lassen. Zwei Drittel hatten das nicht vor, acht Prozent der rund 500 Teilnehmer waren unschlüssig.

Von Björn Wisker, Andreas Schmidt und Nadine Weigel

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