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Marburg Mehr Schutz für die Helfer
Marburg Mehr Schutz für die Helfer
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13:23 16.03.2020
Dr. Ulrike Kretschmann hat für ihre Medizinische Fachangestellte Bärbel Kniese-Krah von Patrick Leven einen Plexiglas-Schutz anbringen lassen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Das Telefon klingelt im Minutentakt. Freitagabend kurz vor 18 Uhr. Noch immer herrscht Hochbetrieb in der Praxis von Dr. Ulrike Kretschmann in der Bahnhofstraße. „Hatten Sie direkten Kontakt zu einem Infizierten?“, fragt Kretschmann eine Frau, die sich mit Symptomen telefonisch in der Praxis gemeldet hat.

Die Sorge vor einer Corona-Infektion treibt die Menschen um. Seitdem die Marburgerin bundesweit mit ihrem „Corona-Drive-In“ für Schlagzeilen sorgte, melden sich noch mehr Patienten als ohnehin schon. 40 bis 50 Anrufe nehmen die Medizinischen Fachangestellten der Gemeinschaftspraxis zum Thema Corona täglich entgegen. Die Menschen rufen nicht nur aus dem Landkreis an. Auch aus Göttingen und Frankfurt kommen Anrufe. „Viele schildern ihre Symptome, haben Angst sich eventuell infiziert zu haben und andere anzustecken“, erklärt die Fachärztin für Allgemeinmedizin. Drei bis vier Patienten täglich testet sie mit einem Abstrich auf Corona.

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Spezialkleidung schützt bei Abstrichen

Dafür zieht Kretschmann spezielle Schutzkleidung an - einen Einwegoverall, Mundschutzmaske, Handschuhe, Schutzbrille und seit Neuestem auch noch eine Art Schweißerbrille, bei der man das Glasvisier vor dem Gesicht herunterklappen kann. In diesem Outfit läuft Kretschmann hinunter in den Hof. Der Verdachtsfall braucht dann sein Auto nicht verlassen. Es reicht, wenn er das Fenster herunterkurbelt, damit die Ärztin bei ihm einen Abstrich im Mund nehmen kann. „Das ist einfach immer noch der sicherste Weg“, betont Kretschmann und zeigt am Handy ein Bild von einer professionalisierten Version des „Corona-Drive-Ins“ in Südkorea. Dort können sich Autofahrer im Schnellverfahren kurz durchchecken lassen ohne aussteigen zu müssen „So etwas sollte es auch in Deutschland geben“, findet Kretschmann.

Um ihre Mitarbeiter zu schützen, rüstet sie ihre Praxis weiter auf. Patrick Leven, der sich auf USM-Möbelbausysteme spezialisiert hat, ist gerade damit beschäftigt, eine Plexiglasscheibe vor dem Tresen am Empfang anzubringen. „Sinn und Zweck ist, dass unsere Mitarbeiterinnen an der Anmeldung besser geschützt werden, falls Patienten plötzlich Niesen oder Husten müssen“, erklärt die Ärztin und zeigt, dass durch eine kleine Durchreiche in dem Möbelsystem das Krankenkärtchen hindurchgegeben werden kann. Bärbel Kniese-Krah, Medizinische Fachangestellte, findet die Idee ihrer Chefin gut. „Ich fühle mich durch die Scheibe jetzt schon besser geschützt“, sagt sie.

Ärztinnen wie Dr. Ulrike Kretschmann und medizinisches Personal im Allgemeinen arbeiten derzeit über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Als am Freitagabend nun auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf Schul- und Kita-Schließungen verkündete, traf das die Ärztin unvermittelt: „Da haben wir hier echt kurz Panik bekommen“, gibt sie zu. Grund: Drei der vier Ärztinnen und Ärzte haben Kinder. Müssten diese nun zu Hause bleiben, um die Kinder zu betreuen, wäre das ein „Knockout für unsere Praxis“. „Eine Betreuung der Kinder von medizinischem Personal, Polizei und Feuerwehr muss weiterhin gewährleistet sein, sonst haben wir ein Problem“, betont die Medizinerin.

Nach bisherigem Informationsstand will die Landesregierung genau dies tun. So sollen Schulen weiterhin für Kinder bestimmter Berufsgruppen wie etwa medizinischem Personal offen bleiben. Nur so sei es möglich, dass die Menschen, die in nächster Zeit am dringendsten benötigt werden, auch für das Allgemeinwohl einsetzbar seien.

Von Nadine Weigel

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