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Marburg Maske und Co. „wird nicht zur Normalität“
Marburg Maske und Co. „wird nicht zur Normalität“
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09:40 17.07.2020
Die Marburger Psychologie-Professorin Hanna Christiansen spricht im OP-Interview über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Seelenleben und Verhalten von Menschen. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Über mögliche seelische und gesellschaftliche Folgen der Corona-Bekämpfung spricht die Marburger Psychologie-Professorin Hanna Christiansen im OP-Interview.

Seit Monaten werden Menschen auf Abstand getrimmt, alle Lockerungen finden nur unter dem sozialen Überbau von Distanzgebot und Kontaktbeschränkung statt. Kann sich diese Schein-Normalität festsetzen?

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Professorin Hanna Christiansen: An all die weiterhin sicht- und bemerkbaren Einschränkungen und vor allem eine dauerhafte gesellschaftliche Veränderung in die Richtung, wie Masken beim Einkaufen zu tragen, will sich wohl niemand schnell gewöhnen. Damit Menschen so was verinnerlichen, müsste das, was wir erleben, ein sehr lange anhaltender Zustand sein, der auch alle Lebensbereiche durchzieht.

Was man beobachten kann, ist aber eher, dass die Maske draußen kaum jemand trägt, und dass sie vielen etwa beim Einkaufen eher lästig ist, man sie oft sogar vergisst mitzunehmen oder anzuziehen. Wenn nicht gerade die Infektionszahlen in die Höhe schießen oder es eine mit Strafen sanktionierte, von der Polizei durchgesetzte Masken-Pflicht gibt, dürfte sich am Verhalten und dem damit einhergehenden, sonderbaren Gefühl nicht viel ändern.

Aber es wird sich jeder damit abfinden müssen, dass die aktuellen Regeln mindestens mal bis zum Impfstoff anhalten werden. Im Herbst, wenn mit einer zweiten Welle zu rechnen ist, werden Gesundheitsschutz-Gedanke und entsprechende Maßnahmen wohl wieder hochgefahren. Sobald offiziell kein Mundschutz mehr getragen werden muss, wird ihn aber keiner mehr vermissen und das, was wir gerade erleben, wird nicht zur neuen Normalität.

Das Erlebte wird nicht zur Normalität

Von jungen Leuten bis zu älteren Coronakurs-Kritikern – wieso widerstreben die Maßnahmen so vielen?

Christiansen: Grundsätzlich sind die Einschränkungen in Deutschland lockerer als viele das wahrnehmen. Schaut man sich die Studierenden auf den Lahnwiesen an, meint man nicht, dass Lockdown und Corona je eine Rolle gespielt hätten oder noch spielen würden. Gerade für Jüngere ist es aber geradezu eine gesellschaftliche Aufgabe, sich abzugrenzen, Regeln in Frage zu stellen.

Man schaue da nur auf die 68er-Zeit und die erkämpften Errungenschaften. Vor allem Jüngere haben mit Blick auf die Zahlen und Erkenntnisse zunehmend das Gefühl, nicht zur Corona-Risikogruppe zu gehören. Vermutlich unterschätzen einige das persönliche Risiko, aber es wird immer Menschen geben, die Regeln und Grenzen austesten. Klar ist aber auch, dass es große Einschnitte sind.

Es gibt nach dem im März und April dominierenden medizinischen Blick nun einen größeren Blick auf Verhältnismäßigkeiten von Maßnahmen. Die Gerichtsentscheidung wie in Gütersloh zur Dauer des regionalen Lockdowns zeugen davon und sollte manchen auch um die Demokratie besorgten Menschen etwas beruhigen. Wochenmarkt offen und Spielplätze zu – das war unfair den Schwächsten gegenüber und wird so nicht mehr gehen.

Soziale Abstinenz verändert

Kleine Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene – wer hat es leichter mit Maske, Abstand, dem Ausnahmezustand insgesamt umzugehen?

Christiansen: Beim Spielen und Toben, wenn Kinder erst mal in Aktion sind, vergessen sie das doch sofort wieder. Deshalb ist es auch richtig, bei Kindern auf Mundschutz und all zu strenge Abstandsregeln zu verzichten. Jugendlichen ist die Situation schon lästiger, sie haben sich in den Monaten sozialer Abstinenz durchaus verändert.

Durch das Wegbrechen von allem Strukturierten, das Ausbleiben gemeinsamer Aktionen und Erlebnisse, haben sie sich nicht mehr so viel zu erzählen gehabt. Vielen fehlte einfach der Gesprächsstoff – so viel können Jungs etwa auch wieder nicht über Playstation-Zocken sprechen. Eine strukturierte Ansprache durch Lehrkräfte und Erzieherinnen und andere Gleichaltrige ist wichtig, auch bei kleineren Kindern.

Komplett auf die Eltern angewiesen zu sein, kann schwierig sein, und wenn die Eltern nix machen, passiert auch nix. Der Punkt ist, dass sich so auch Lernchancen verschoben haben. Das Lernen mit Gleichaltrigen ist für die Entwicklung wichtig, das können auch engagierte Eltern kaum abfedern – und da haben viele junge Menschen nun ein Stück Entwicklung verpasst. Schulabgängern oder Studierenden im ersten Semester etwa fehlen Rituale wie Abschlussfeiern, die Chance als Menschen, die neu und alleine in Marburg sind, Freundschaften zu knüpfen. Für sie fällt sehr viel weg, was ein Studium ausmacht.

Finanzieller Ruin hätte dramatische Folgen

Wie reagieren Menschen auf drastische Veränderungen, ist es eine Charakterfrage?

Christiansen: Das weniger, denn Corona ist für viele ein Stressor. Es gibt bereits Studien, die zeigen, dass Menschen, die psychologische Belastungen haben oder schon in psychologischer Behandlung sind, größere Schwierigkeiten mit der Situation haben. Berufstätige Eltern, die ohnehin schon viel zu tun und gerade mit mehreren Kindern oft Stress haben, nehmen die Krise belastender wahr als ein Studierendenpärchen.

Ihnen fehlen nicht so sehr Freizeitmöglichkeiten, sondern etwa die tatkräftige Unterstützung durch Großeltern – weil man sie schützen soll. Das zieht viel Energie. Wenn es zu Entlassungswellen, zum finanziellen Ruin von Familien kommen sollte, sind dramatische Folgen für die Psyche der Einzelnen wie kollektiv für die Gesellschaft zu befürchten. Dann ist die gesundheitlich für viele unspezifische Bedrohung Corona plötzlich wirtschaftlich sehr spezifisch. Unverschuldet in so eine Situation reingerutscht zu sein, ist für jeden schwer zu verarbeiten.

Klare Kriterien für Depressionen

Was sind typische Anzeichen für eine psychische Erkrankung und wie beugt man ihr vor?

Christiansen: Nicht jede Reaktion auf hohe Belastungen ist die Vorstufe zur psychischen Erkrankung. Es gibt für Depressionen klare Kriterien: Verlust von Freude an Dingen, an denen man vorher Spaß hatte, eine durchgängige Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Motivationslosigkeit – und zwar andauernd über mindestens zwei Wochen. So einen Zustand sollte man professionell abklären lassen.

Zwei, drei Tage wegen Corona schlecht drauf sein, reicht nicht. Manchmal hilft es dann schon, einfach mit dem besten Freund, der Oma oder den Eltern zu sprechen. Auch ohne eine Lösung zu haben, reicht zuhören oft schon aus. Grundsätzlich gilt: Das, was in der Struktur möglich ist und einem Spaß macht, sollte man machen.

Von Björn Wisker

18.07.2020
17.07.2020
17.07.2020