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Marburg Marburgs Kulturszene wird überleben
Marburg Marburgs Kulturszene wird überleben
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20:00 03.03.2021
Vor einem Jahr im Q am Pilgrimstein. Beim MaNo-Festival ist es so voll, dass keine Leute mehr reingelassen werden.
Vor einem Jahr im Q am Pilgrimstein. Beim MaNo-Festival ist es so voll, dass keine Leute mehr reingelassen werden. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Seit einem Jahr grassiert in Deutschland die Corona-Pandemie mit gravierenden Folgen für weite Bereiche der Gesellschaft. Massiv betroffen ist insbesondere die so reiche deutsche Kulturlandschaft. Theater, Konzerthallen und Kinos waren die Ersten, die in den Lockdown geschickt wurden, und sie werden vermutlich die Letzten sein, die aus dem Lockdown entlassen werden, obwohl die Branche ausgefeilte Hygiene- und Abstandskonzepte erarbeitet hat.

In Marburg etwa fanden die letzten großen Rockkonzerte 2020 beim Marburg-Northampton-Festival vom 5. bis 7. März 2020 statt. Corona war zwar ein Begriff – irgendwie bedrohlich, aber noch fern. In China oder Ischgl. Es gab zu diesem Zeitpunkt einige wenige bekannte Fälle in Hessen. „Rocken gegen Corona“ titelte die OP über das große Marburger Partywochenende mit rund 80 Bands in 15 Klubs. Angst vor dem neuartigen Coronavirus? Fehlanzeige. Die Menschen drängten sich in Massen in die Klubs, es war so voll, dass etwa das „Q“ am Pilgrimstein niemanden mehr einließ. Im Landestheater wurde die Erfolgsproduktion „Der Hauptmann von Köpenick“ mit einem grandiosen Jürgen Helmut Keuchel gespielt. Die Tanzschule „Step In“ feierte mit einer großen Show im Erwin-Piscator-Haus Jubiläum. Ein normales Vor-Lockdown-Wochenende mit ganz viel unterschiedlicher Kultur in Marburg.

Wie eine Ewigkeit

Doch die Pandemie entwickelte sich rasant: Am 1. März wurden drei Infizierte im Rhein-Main-Gebiet gemeldet, am 18. März der erste Tote durch Covid-19 in Hessen, gleichzeitig wurden 1 000 Infizierte registriert. Am 17. März verfügte die Landesregierung, dass alle Vergnügungs-, Sport- und Freizeitstätten geschlossen werden müssen. Für die Kulturbranche ist es im Grunde dabei geblieben.

Rund ein Jahr ist das her – es kommt vielen vor wie eine Ewigkeit. Die Auswirkungen auf die lokale Szene sind enorm. Matthias Wussow vom KFZ sagte der OP: „Es ist frustrierend. Wir können nicht das machen, wofür wir da sind. Wir verwalten nur noch, verschieben Konzerte.“ Ein Beispiel: Die Band Bukahara war für Frühjahr 2020 gebucht. Das Konzert wurde erst auf Herbst 2020 verschoben, dann ins Frühjahr 2021, nun in den Herbst 2021 mit einem Blick aufs Frühjahr 2022. Das ist aktuell das Alltagsgeschäft in Marburgs größtem soziokulturellen Zentrum, das 2016 unter dem Erwin-Piscator-Haus mit 60 000 Besuchern im Jahr startete. 2020 waren es grob geschätzt 80 Prozent weniger. „Die Stimmung bei uns ist entsprechend“, sagt Wussow. „Es macht keinen Spaß.“ So wie dem KFZ geht es der gesamten Veranstaltungsbranche.

Frustriert ist die Marburger Kulturszene quer durch alle Bereiche, aber sie ist nicht existenziell bedroht. „Die Marburger Kulturszene wird Corona überleben“, sagt Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Ein Grund ist die institutionelle Förderung durch die Stadt, deren Kulturetat von 3,2 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 5,2 Millionen Euro im Jahr 2021 erhöht wurde, wie Kulturdezernent Spies betont. Einnahmen seien zwar weggebrochen, aber die Grundsicherung sei da. Geht es nach Spies, werden die freiwilligen Leistungen in absehbarer Zeit durch Verträge abgesichert. Die Stadt greife auch freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern mit Projektförderung unter die Arme.

Die mentale und emotionale Seite der Corona-Pandemie sei für viele Künstlerinnen und Künstler, die mit Publikum arbeiten, dagegen ein Problem. Und ob Ehrenamtliche in Chören oder Theatergruppen nach der Pandemie wieder ganz einsteigen, sei ebenfalls nicht abzusehen. Wann Marburgs Kulturszene wieder zur Normalität zurückkehrt, ist offen. „Ich wage keine Prognose“, sagt der Arzt Spies. „Das entscheidet das Land, aber wir bereiten uns vor.“

Warten auf grünes Licht

Existenziell ist die Krise aber für viele Betriebe der Kulturwirtschaft, die nicht mit öffentlichen Zuwendungen unterstützt werden – etwa für die Marburger Kinobetriebe. In einem normalen Jahr sorgt das Cineplex für Leben in der Innenstadt. „Wir stehen in Marburg auf dem Wartegleis und warten auf grünes Licht“, sagt Kinobetreiberin Marion Closmann. „Global befindet sich die Kinobranche in einem Gemetzel, das von den Streamingdiensten befeuert wird.“ Die Hoffnung auf Öffnung an Ostern habe sie angesichts steigender Inzidenzzahlen aufgegeben. „Wenn Kinos öffnen, dann muss dies aber bundesweit geschehen. Auf und zu, auf und zu wäre eine Katastrophe.“

Beginn der dritten Welle

Längst werden vor diesem Hintergrund die Stimmen lauter, Konzerthallen, Theater, Kinos und Museen wieder zu öffnen, denn Kultur ohne Zuschauer funktioniert nicht – allenfalls für die weltweit agierenden Film-Streamingdienste. Für die war die Schließung der Kinos so etwas wie ein richtig dicker Lottogewinn.

Das Problem: Trotz des Lockdowns gehen die Inzidenzwerte derzeit kaum zurück – sie stagnieren und steigen sogar, sehr stark etwa im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Durch die zunehmende Verbreitung der offenbar ansteckenderen Corona-Mutanten aus Großbritannien oder Südafrika steht Deutschland nach Ansicht vieler Epidemiologen am Beginn einer dritten Welle.

Hessens Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) hatte sich schon im Januar mit den fünf vom Land subventionierten Theatern – den Staatstheatern in Wiesbaden, Darmstadt und Kassel, dem Stadttheater Gießen und dem Hessischen Landestheater Marburg – auf einen Neustart frühestens an Ostern verständigt. Im Grunde war dies auch ein Signal an alle anderen Kulturanbieter: Vorher geht nichts, höchstens Angebote, die im Grunde ohnehin unter Ausschluss einer breiten Öffentlichkeit stattfinden. Doch ob Ostern tatsächlich klappt, ist derzeit fraglich.

Ende Februar haben 20 Experten und Wissenschaftler um den Berliner Gesundheitsökonomen Florian Kainzinger einen Leitfaden für Sport und Kultur vorgestellt, der die schrittweise Öffnung für Publikum in drei Bereiche unterteilt: Ein Basiskonzept mit einer Auslastung der Zuschauerkapazität bis zu 40 Prozent, ein Spezialkonzept mit einer Auslastung bis zu 80 Prozent und ein Testkonzept für eine hundertprozentige Vollauslastung. Dabei wird zudem zwischen Raum- und Freiluftveranstaltungen unterschieden. Ein Maximalmodell erfordert etwa digitales Kontaktmanagement und Antigen-Tests vor jeder Veranstaltung. Mit solchen Maßnahmen sei eine „Vollauslastung von Opern, Konzerten und Sportereignissen“ möglich, heißt es in dem Papier. Mitunterzeichnet haben Sport-Verbände ebenso wie der Bühnenverein mit zahlreichen Einzeltheatern.

Saisonstart 2020 beim Marburger Konzertverein im Erwin-Piscator-Haus am 22.08.2020 mit dem Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen – und wenigen zugelassenen Zuschauern. Quelle: Thorsten Richter

Dessen ungeachtet warnen wiederum viele Epidemiologen, Virologen und Politiker vor verfrühten Öffnungen. Betroffen wäre einmal mehr die Kulturbranche, die nicht nur sozial und gesellschaftspolitisch von enormer Bedeutung ist, sondern auch ökonomisch. Einige Zahlen mögen dies verdeutlichen: Nach Angaben der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder waren 2018 in Deutschland rund 1,3 Millionen Menschen in Kulturberufen tätig. Rund die Hälfte davon waren Frauen. Viele Kulturschaffende sind in der Corona-Pandemie von Arbeitsplatzverlusten und oft existenziellen finanziellen Einbußen betroffen, viele von ihnen sind Soloselbstständige, Freiberufler oder geringfügig Beschäftigte mit Mini-Jobs.

Noch ein paar nackte Zahlen verdeutlichen die Misere der Kulturszene: 2019 verzeichneten Bibliotheken bundesweit nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) noch 223,4 Millionen Besuche. Die Kinos zählten 118,6 Millionen Besucher, die Museen 111,7 Millionen Besucher, die deutschen Theater 26,1 Millionen Besucher, 5,4 Millionen Menschen besuchten Aufführungen öffentlicher Konzert- und Theaterorchester. Zum Vergleich: 2018/19 pilgerten rund 13,3 Millionen Fans zu den Spielen der Bundesliga.

Die finanziellen Einbußen für die Branche sind enorm, wie Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates anlässlich einer „Betroffenheitsanalyse der Kultur- und Kreativwirtschaft von der Corona-Pandemie“ betont, die das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) des Bundes jüngst vorstellte.

Demnach hat die KKW allein im Jahr 2020 in Deutschland Verluste in Höhe von rund 22,4 Milliarden Euro gemacht. Zimmermann: „Die Analyse belegt schwarz auf weiß: Der Kulturbereich ist ganz besonders von der Corona-Pandemie betroffen.“ Was wenige wissen: Die KKW ist nach dem Fahrzeugbau und dem Maschinenbau die drittgrößte Branche in Deutschland. Zimmermann zufolge droht „ein unwiederbringlicher Verlust an kultureller Vielfalt, wenn der freie Fall der Kulturwirtschaft nicht gestoppt wird“.

Von Uwe Badouin