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Marburg Handel zwischen Bangen und Hoffen
Marburg Handel zwischen Bangen und Hoffen
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09:00 27.11.2020
Sabine Dietz vom Café Vetter bedient Annette Hausner.
Sabine Dietz vom Café Vetter bedient Annette Hausner. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Warteschlangen vor den Supermärkten, leere Modehäuser in den Innenstädten: Der Handel warnt vor dramatischen Folgen der von Bund und Ländern beschlossenen Verschärfung und Verlängerung des Teil-Lockdowns in Deutschland. Durften Einzelhändler bislang weitgehend ohne Einschränkungen öffnen, zielen die neuen Maßnahmen vor allem auf sie ab: In Geschäften mit mehr als 800 Quadratmetern – also auch nahezu allen Supermärkten – dürfen fortan weniger Kunden gleichzeitig einkaufen als bisher. Ein Kunde darf je 20 Quadratmeter Fläche rein. Und bei kleineren Läden gilt: Ein Kunde je zehn Quadratmeter darf in den Laden.

Wie schon im Frühjahr werden die Betreiber also mit Türstehern und Abstandsmarkierungen dafür sorgen müssen, dass diese Regeln eingehalten werden. „Der große Verlierer sind viele Innenstadt-Händler, denen unter den Corona-Bedingungen die Kunden und die Umsätze wegbrechen“, klagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, am Donnerstag. Stattdessen werde mehr im Internet eingekauft werden.

Und wie sieht es die Händlerschaft in der Region? „Wir hoffen natürlich auf ein gutes Adventsgeschäft, aber der Einzelhandel ist gebunden an die Gastronomie in der Oberstadt“, sagt Friedrich „Fiddy“ Bode, der Vorsitzende des Werbekreises Oberstadt, im Gespräch mit der OP. Und die Schließung der Kneipen und Restaurants wegen des Corona-Lockdowns mache sich jetzt eindeutig negativ auf die Kundenfrequenz bemerkbar. Denn es fallen die potenziellen Kunden weg, die beispielsweise ansonsten um diese Jahreszeit in der Oberstadt Mittag gegessen und anschließend einen Einkaufsbummel gemacht haben. „Wir merken das schon als Einzelhändler“, sagt Bode. Ob sich die weihnachtliche Stimmung aus den Vorjahren in dieser speziellen Adventszeit wie zuvor in die Oberstadt transportieren lassen könne, daran hat Bode auch einige Zweifel. Denn schließlich gebe es dieses Jahr auch nicht den Weihnachtsmarkt am Marktplatz in der gewohnten Form, sondern nur die abgespeckte Variante.

Dabei sei der Dezember ein wichtiger Verkaufsmonat für die dortigen Einzelhändler, betont Bode. „Wir hoffen aber, dass schon noch ein paar Touristen kommen“, meint der Werbekreisvorsitzende. Dass die Geschäfte derzeit etwas leerer sind, müsse aber nicht nur Nachteile beim Einkaufen mit sich bringen, erwähnt Bode noch. „Man hat seine Ruhe und kann trotzdem ein bisschen Flair genießen“, meint er.

Mit einer um 25 Prozent geringeren Kundenfrequenz gegenüber dem Vorjahr rechnet Peter Ahrens, Chef des Kaufhauses Ahrens, derzeit für den Monat Dezember. Dieses werde sich auch auf den Umsatz auswirken, schätzt er. „Der November und der Dezember sind üblicherweise die entscheidenden Monate für den Umsatz und die Erträge im Einzelhandel“, erläutert Ahrens. Und auch wenn ihm dies Sorge bereitet, geht er optimistisch in die Adventswochen hinein. Immerhin wirke sich der Lockdown in einer Mittelstadt wie Marburg nicht ganz so dramatisch wie in den größeren Städten wie beispielsweise München aus, meint er.

Für problematisch hält er es dennoch, dass „Marburg b(u)y night“ in diesem Jahr nicht wie gewohnt stattfinden wird. „Das war immer ein Eckpunkt im Weihnachtsgeschäft am ersten Adventswochenende“, gibt Peter Ahrens zu bedenken. Auch ist aus seiner Sicht die Weihnachtsstimmung in diesem Jahr in Marburg nicht ganz so wie in den Vorjahren. Erschwerend für die Kundenfrequenz komme zudem hinzu, dass wegen der Lockdown-Beschränkungen im Restaurant in der obersten Etage keine Kunden sitzen und essen dürfen. „Wir wollen uns aber nicht irritieren lassen, sondern das Beste daraus machen“, meint er abschließend. So lautet der „Ahrens“-Slogan nach wie vor „Weihnachtsfreude“.

Wolfram Kühn, Vorsitzender des Werbekreises Kaufpark Wehrda, sagt, man sei „im Vergleich zu dem brutalen Lockdown im Frühjahr jetzt noch ganz zufrieden, dass unsere Geschäfte offen haben dürfen“. Alle Geschäfte hätten Hygienekonzepte erarbeitet, „die Kunden können so sicher wie es zurzeit nur irgend geht in den Geschäften einkaufen“, sagt Kühn. Die Quadratmeter-Regel zum Zugang mute „ein wenig befremdlich“ an – „prinzipiell ist es aber so, dass ein Großteil der Geschäfte ausreichend Platz für die Kunden bietet“. Auf das Weihnachtsgeschäft blicke man gleichwohl gemischt, „die neuen Regelungen werden wohl weiter das Geschäft des Online-Handels stärken“, befürchtet Kühn. Aber der Handel gehöre „zu den Menschen und klassisch in den stationären Bereich – business is people“, sagt der Werbekreis-Vorsitzende. Darüber hinaus habe er „große Bedenken, dass es einige Händler bis zu Lockerungen im kommenden Jahr leider nicht überstehen können“.

Für Bernd Brinkmann, Inhaber des Kaufhauses Teka in der Marburger Nordstadt, ist klar: „Wir müssen alles tun, um möglichst schnell wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren zu dürfen. Denn es hilft mir als Einzelhändler gar nichts, wenn wir jetzt locker und leichtfertig unterwegs sind und uns an Dingen erfreuen, die wir tun können – und am Ende alles in das Jahr 2021 hineintragen.“ Das sei bestimmt eine individuelle Einstellung, die nicht jeder Unternehmer teile. „Aber wir sollten jetzt alles tun, was erforderlich ist, um eine Chance zu haben, dass wir im kommenden Jahr wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren können.“ Daher reiche es ihm „im Moment aus, auf dem jetzigen Niveau zu arbeiten. Wichtig ist, dass unsere Kunden in unseren Läden eine relative Sicherheit erfahren.“

Vor diesem Hintergrund spiele das Weihnachtsgeschäft nicht die drängendste Rolle – vielmehr gehe es darum, die Infektionszahlen herunterzubringen.

Wie sind die Aussichten aufs Weihnachtsgeschäft? Rainer Schmidt atmet tief durch und blickt durchs Schaufenster: „Wenn ich so rausschaue – wird schwierig“, meint der Vorsitzende des Gladenbacher Gewerbevereins.

Den Einkauf bei Kerzenschein, das traditionelle Event in der Hinterländer Einkaufsstadt vor Beginn der Adventszeit, „können wir nicht verantworten“. Somit fällt ein Imageträger und Kundenmagnet aus. Einzig die Kinderstiefel-Aktion findet in diesem Jahr statt, könnte aber zu wenig sein, denn die Furcht sitzt den Einzelhändlern im Nacken. Die Furcht, dass viele Kunden zum Online-Handel abwandern. Davon sprechen Stefan Hunkel und Anke Bellersheim, Besitzer des gleichnamigen Kaufhauses, nicht. Im Gegenteil, sie sind zufrieden. „Momentan ist der Zuspruch gut“, sagt Hunkel. „Wir merken schon, dass die Kunden verstärkt kommen.“ Ob das daran liege, dass diese unter Menschen kommen wollen, oder auch nur aus Angst vor weiteren Restriktionen ihre Weihnachtseinkäufe jetzt schon tätigen, vermögen die beiden Inhaber nicht sagen. Auf jeden Fall setzte der Zulauf eher ein als in den vergangenen Jahren. Aber: „Abgerechnet wird erst Ende Dezember.“

In Kirchhains Fußgängerzone ist es im bisherigen Verlauf des „Teil-Shutdowns“ spürbar ruhiger zugegangen. Diesen Eindruck bestätigt auch die Vorsitzende des Kirchhainer Verkehrsvereins, Hannelore Wachtel. Diese Situation müssen die Kirchhainer Händler mit Blick auf die Pandemie in Kauf nehmen. „Uns liegt etwas an der Gesundheit unserer Kunden und Mitarbeiter gleichermaßen“, sagt Wachtel in diesem Zusammenhang. Sie lobt ausdrücklich Kirchhains Bürgermeister Olaf Hausmann, der sich eindeutig zur Kirchhainer Innenstadt und dem heimischen Handel bekenne. „Es wird alles unternommen, was nötig und machbar ist, zum Beispiel gibt es ein Online-Portal für Handel und Gastronomie, das ständig erweitert wird.“

Wachtel berichtet allerdings auch offen über die Ängste, die es vor einem kompletten Shutdown mit Geschäftsschließungen gab. „Das wäre für viele unserer Händler dann existenziell geworden“, macht sie deutlich. Der Blick aufs Weihnachtsgeschäft fällt ihrerseits „zuversichtlich und positiv“ aus. Die Einzelhändler gingen davon aus, dass die Kirchhainer in der jetzigen Situation in Kirchhain blieben und gezielt ihren Handel vor Ort unterstützten.

Von Gianfranco Fain, Manfred Hitzeroth, Michael Rinde und Andreas Schmidt

27.11.2020
26.11.2020