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Marburg Corona-Kampf in Schulen mit Filtern und Ampeln?
Marburg Corona-Kampf in Schulen mit Filtern und Ampeln?
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07:58 30.10.2020
Mit einer CO2-Ampel könnte künftig in Schulräumen derCO2-Wert gemessen werden. Quelle: Peter Kneffel/dpa
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Marburg

Besserer Corona-Schutz in Klassen- und Lernräumen? Angesichts der steigenden Corona-Positivtests in Marburg und Umgebung fordert die FDP/MBL-Fraktion im Stadtparlament die unverzügliche Ausstattung aller Marburger Schulen und Kindergärten mit mobilen Luft-Filteranlagen und CO2-Ampeln.

Rechtzeitiges und ausreichendes Lüften sei laut Umweltbundesamt und Hessischem Kultusministerium eine zentrale Vorbeugung gegen die Corona-Ausbreitung. Sogenannte CO2-Ampeln seien daher ein „sehr gutes Erinnerungs- und Kontrollmittel“ für die Luftqualität in geschlossenen Räumen, sagt Lisa Freitag, FDP-Fraktionsvorsitzende.

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Und mobile Filteranlagen können zusätzlich gerade in kleinen und schlecht zu belüftenden Räumen ein „weiteres effektives Mittel der Infektionsvermeidung sein“.

„Es ist wichtig, die Einrichtungen durch Einhalten von Hygienekonzepten weiter offen zu halten und möglichst sicherzustellen“, begründet Freitag einen entsprechenden Dringlichkeitsantrag gestern Abend. Die Stadt Marburg sei jedenfalls als Schulträger in der Pflicht, für eine entsprechende und flächendeckende technische Ausstattung in allen Schulen und Kindertagesstätten zu sorgen.

Der Deutsche Lehrerverband schätzt, dass deutschlandweit in etwa 100 000 Klassenräumen nicht richtig gelüftet werden kann. Von daher seien technische Lösungen geboten.

Ampeln für die Luftqualität, Filter als Viren-Abfangjäger

Und das können CO2-Ampeln: In das wenige Zentimeter große Gerät ist ein Infrarotsensor eingebaut, der den Kohlendioxid-Gehalt in der Raumluft misst. Wird ein bestimmter Wert überschritten, schlägt sie Alarm und es heißt: Fenster öffnen. Tatsächlich gab es zuletzt bundesweit Pilotversuche zum Einsatz der Geräte, in einigen Schulen sind sie seit kurzem bereits fest im Einsatz. Die Kosten pro Gerät, das man in die Steckdose steckt und optisch mit den Signalen zur Luftqualität wie eine Verkehrsampel funktioniert, belaufen sich auf rund 200 Euro.

Sprich: Die Ausstattung von 25 Klassenzimmern kostet rund 5 000 Euro. Lüftungsanlagen und Aerosolfilter gelten als deutlich teurer.

Vom Umweltbundesamt, das die Lüftungsstrategie empfiehlt, heißt es: „Mobile Luftreinigungsgeräte sorgen in jedem Fall dafür, dass die Konzentration an infektiösen Partikeln absinkt. Allerdings müssen die Anlagen entsprechend dimensioniert und richtig aufgestellt werden.“ Etwa müssten Filter regelmäßig gewechselt werden.

Die sogenannten HEPA-Filter der Klasse H13 und H14 können jüngsten Untersuchungen zufolge effektiv Aerosole und damit auch Viren, eben auch Corona-Viren aus der Luft filtern, etwa 90 Prozent. Kostenpunkt pro Gerät: zwischen 1 000 und 3 000 Euro.

Magistrat zögert_bei Technikeinsatz

In Hessen – wo die Staatskanzlei entsprechende Technik seit Monaten selbst nutzt – ist nun seitens des Landes ein 10-Millionen-Euro-Programm aufgelegt worden, um den Kauf von mobilen Luftfiltern für Schulen voranzutreiben. 1 800 Schulen gibt es im Land. Bei dem aktuellen Förderprogramm bekäme jede Schule also zwei Filter.

Auf OP-Anfrage heißt es vom Magistrat: Luftfiltergeräte könnten „keine kurzfristige Lösung für die Mehrzahl der Räume sein“, sagt Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU). Selbst wenn man sie anschaffen würde, müssten vorher in allen Schulgebäuden die technischen Voraussetzungen geprüft werden.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) sieht das genauso, verweist auf eine laufende Prüfung auf Landesebene: Auf dem Markt müsste es auch erstmal genug Geräte geben – nicht nur für Marburg, sondern flächendeckend. CO2-Ampeln oder Wecker stelle man laut Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD) bei Bedarf zur Verfügung, um an den 20-minütigen Lüft-Rhythmus zu erinnern. Aber: Diese Geräte zeigten nur an, ob die Luft im Raum verbraucht ist. Das habe „rein gar nichts mit einer möglichen Virenlast in der Atemluft“ zu tun.

Laut FDP-Fraktionschefin Lisa Freitag seien die Magistratsaussagen „blanker Hohn“, denn richtiges Lüften sei in der Realität nicht zuletzt wegen baulicher Beschränkungen an einigen Schulen schlicht nicht möglich. Die Stadt sei Schulträger, sie könne sich angesichts der Situation nicht zurücklehnen und auf Land oder Bund warten. Praktische schnelle Hilfe sei geboten statt sich auf „angeblichen Erfolgen des Wohlfühl-Bildungs-Bauprogramms auszuruhen“.

Nach OP-Informationen wollen tatsächlich mehrere große Schulen die Techniken gerne einsetzen, in einigen Fällen würden wohl sogar Eltern den Kauf mitfinanzieren. Das soll aber an der Genehmigung von Behörden scheitern.

Von Björn Wisker

29.10.2020
29.10.2020