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Marburg Jeder zehnte Gastronom rechnet mit einer Insolvenz
Marburg Jeder zehnte Gastronom rechnet mit einer Insolvenz
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10:00 04.03.2021
Lockdown in der Marburger Oberstadt – Handel und Gastronomie sind laut der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage am Limit.
Lockdown in der Marburger Oberstadt – Handel und Gastronomie sind laut der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage am Limit. Quelle: Thorsten Richter
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Kassel

„Es wird immer gesagt ,Wir helfen euch’ – aber es kommt nahezu nichts bei uns an.“ Auf diese Formel fasst Stephanie Göbel von der Göbel-Hotelgruppe mit 13 Hotels und Gastro-Betrieben die Corona-Hilfen zusammen. Die Betriebe der Branche würden 75 Prozent als Hilfe bekommen „und können dann die Füße hochlegen“, fasst Stephanie Göbel die landläufige Wahrnehmung während des gestrigen IHK-Pressegesprächs zur aktuellen Konjunkturumfrage zusammen. „Doch so ist es nicht.“

Vielmehr sei von der Novemberhilfe bisher ein Abschlag in Höhe von 50 000 Euro gezahlt worden – verteilt auf zehn Betriebe, „das ist ein Tropfen auf den heißen Stein“. Und: Weil die Gruppe als Verbundunternehmen gelte, falle es unter die „Novemberhilfen Plus“, die jedoch erst „seit Samstag theoretisch beantragt werden können“. Theoretisch deshalb, weil einige wichtige Details noch nicht ausgewählt werden könnten.

Am Ende der Pandemie werde sogar Personal fehlen

Und: Auch wenn die Mitarbeiter derzeit in Kurzarbeit seien, so geht Göbel doch davon aus, dass bei einer Wiedereröffnung von Hotels und Gaststätten oder gar am Ende der Pandemie Personal fehlen wird. Denn das Kurzarbeitergeld reiche vielen Beschäftigten nicht aus – sie würden sich neue Jobs suchen. „Daher unser Appell, wenn wir wieder öffnen dürfen: Reisen Sie wieder, essen Sie wieder – die Branche braucht ab dem ersten Tag Umsatz“, so Göbel. Und verbindet diesen Appell mit der Forderung an die Politik, schneller zu agieren und Zahlungen anzuweisen.

Das Bild, das Stephanie Göbel zeichnet, ist symptomatisch für die gesamte Branche, wie die Konjunkturumfrage der IHK Kassel-Marburg zeigt. Demnach bewertet kein Betrieb in diesem Segment seine derzeitige Lage mit gut, gut 90 Prozent hingegen mit schlecht. Immerhin erwarten jeweils knapp 29 Prozent künftig eine gute oder zumindest befriedigende Lage, gut 42 Prozent gehen allerdings davon aus, dass die Situation schlecht bleibt. Entsprechend fällt der Klimaindex aus: Er fiel auf 28,6 Punkte, lag im Oktober noch bei 52,8 Zählern – und vor einem Jahr bei satten 104,3 Punkten.

„Viele Betriebe leben derzeit von der Substanz, es sind schnelle, unbürokratische Hilfen nötig, um maximalen Schaden zu vermeiden“, verdeutlicht IHK-Präsident Jörg Ludwig Jordan.

Eine weitere Branche, die unter der Pandemie und dem damit verbundenen Lockdown immens leidet, ist der Einzelhandel. Heidi Hornschu-Baumbach, die lange ein Porzellangeschäft in Kassel besaß und „mit über 60 noch einmal mit einem Unternehmen ganz klein von vorne angefangen hat“, wie sie sagt, erläutert, dass sie mit ihrer Gründung „Hornschu Schlafmanufaktur“ bisher durch alle Förderraster falle.

Immerhin sei dem Handel eine erste Öffnungsperspektive aufgezeigt worden, „der jedoch eine klare zeitliche Vorgabe fehlt und damit auch die zeitnahe Wirkung. Viele Unternehmen sind ohne Einkommen, sie erhalten nur einen teilweisen Fixkostenersatz“, fasst sie zusammen.

20 Zähler weniger als im Vorjahr

Entsprechend fällt der Klimaindex im Einzelhandel kräftig – im Vergleich zum Vorjahr um 20 Zähler auf 85,6 Punkte. Jörg Ludwig Jordan dazu: „Der stationäre Einzelhandel leidet besonders, allerdings gibt es eine Sonderkonjunktur im Online-Handel.“ Gleichwohl bezeichnen 42 Prozent der Händler ihre derzeitige Lage noch als gut, 37,8 Prozent als schlecht.

Die zukünftigen Erwartungen zeichnen aber ein anderes Bild: 47,2 Prozent erwarten eine Verschlechterung der Geschäfte, nur noch 16,7 Prozent gehen von guten Geschäften aus. Insgesamt hat sich der Klimaindex im Kammerbezirk aber im Vergleich zum Oktober verbessert – von 90,5 auf 95,7 Punkte. Die derzeitige Geschäftslage beschreiben rund 43 Prozent der befragten Unternehmer noch als befriedigend. Von einer eher negativen konjunkturellen Lage gehen rund 28 Prozent aus. Der Anteil der Unternehmen mit einer guten aktuellen Geschäftslage hat sich von 26 auf knapp 29 Prozent verbessert.

Woher die Steigerung? „Industrie und Exportwirtschaft sind die Stabilisierungsfaktoren“, so Jordan – die Industrie sei der Gewinner der Umfrage. Entsprechend steigt der Klimaindex auf 112,1 Punkte, liegt noch gute 5 Zähler über dem Vorjahreswert und 13 Punkte über der Oktober-Umfrage. Schlechter schaut es im Baugewerbe aus, wie Jordan verdeutlicht. Die Konjunktur trete auf der Stelle, die Auftragslage verschlechtere sich – auch weil potenzielle Auftraggeber selbst mit finanziellen Problemen kämpfen würden. Entsprechend sank der Klimaindex auf 92 Punkte – nach 95,8 Punkten im Herbst und 98,5 Zählern im Vorjahr. Und: Fast 29 Prozent der befragten Betriebe erwarten, dass sich die Situation noch verschlechtern wird.

Die Unsicherheiten über den Fortgang der konjunkturellen Entwicklung finden ihren Niederschlag in der Beschäftigungsentwicklung und im Investitionsverhalten. Beide Bereiche zeigen sich weiterhin tendenziell rückläufig. Das Instrument der Kurzarbeit stabilisiert den Arbeitsmarkt. „Zuversichtlich stimmen die Exportaussichten unserer Unternehmen“, erläutert der seit 1. März neue Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes. „Gut 31 Prozent gehen von einem steigenden Exportvolumen aus und jeder fünfte Betrieb von einem fallenden Exportniveau. Das zeigt, dass hier die Optimisten langsam wieder die Oberhand gewinnen.“

Der Lockdowns habe die Lage verschärft

Die Politik trage mit umfangreichen Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft sowie zur Sicherung von Arbeitsplätzen bei. „Um die Auswirkungen auf die besonders betroffenen Unternehmen so stark wie möglich zu reduzieren, ist eine schnelle, unbürokratische Auszahlung der Hilfsgelder wichtig. Ansonsten drohen mittelfristig Insolvenzen“, so Klein-Zirbes.

Er verdeutlicht auch die Auswirkungen des Lockdowns, der die Lage verschärft habe. Demnach berichten 24 Prozent der befragten Unternehmen von einem Eigenkapitalrückgang, 13,5 Prozent klagen über Liquiditätsengpässe. „2,4 Prozent der Unternehmen stehen vor der Pleite und im Gastgewerbe rechnet mehr als jeder Zehnte mit einer Insolvenz“, sagt Klein-Zirbes – daher seien ein Stufenplan und eine Perspektive vonseiten der Politik „dringend notwendig“.

Von Andreas Schmidt

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