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Marburg „Jede einzelne Impfung ist wichtig und hilft“
Marburg „Jede einzelne Impfung ist wichtig und hilft“
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20:18 23.11.2021
Carina Groß „boostert“ in der Praxis Kretschmann eine Patientin mit dem Biontech-Impfstoff.
Carina Groß „boostert“ in der Praxis Kretschmann eine Patientin mit dem Biontech-Impfstoff. Quelle: Andreas Schmidt
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„Unsere Intensivstation ist im Grunde genommen zu 100 Prozent belegt“ – das sagt Professorin Rita Engenhart-Cabillic, Ärztliche Direktorin des UKGM, im OP-Gespräch. Die vierte Corona-Welle entwickele mittlerweile eine große Wucht.

Zwar stehe der Landkreis im Vergleich mit den Hessen- und Bundeszahlen noch „relativ gut“ da. So gebe es wöchentlich im Schnitt etwa 15 Corona-Patienten am UKGM, sieben bis zehn davon müssten auf den Intensivstationen behandelt werden, „weil sie Atemunterstützung benötigen oder beatmet werden müssen“, sagt die Ärztliche Direktorin.

Im Vergleich zu den vorherigen drei Wellen seien die Patienten jedoch „deutlich jünger. Und wir haben auch drei bis fünf Kleinkinder, die wir wöchentlich stationär behandeln müssen“ – auch in dieser Altersgruppe gebe es also „eine hohe Infektiosität“.

Man könne zwar immer noch ein Covid-Bett freimachen, doch sei die Intensivstation auch deshalb belegt, „weil wir noch andere Patienten haben, die Intensivbetten benötigen“, verdeutlicht Engenhart-Cabillic. Um auf mehr Covid-Patienten vorbereitet zu sein, müsse das UKGM seit dieser Woche zehn Intensivbetten freihalten, „das haben wir noch nicht ganz erreicht.

Auf Infektionsstation „schon am Limit“

Aber wir stellen natürlich keinen Patienten zurück und operieren ihn nicht, wenn die Operation notwendig wäre.“ Herzinfarkt, Schlaganfall, weitere Notfälle – „wir mussten bisher niemanden wegschicken und werden das auch weiterhin nicht tun“, sagt die Professorin.

Professor Thomas Gress, Direktor der Klinik für Innere Medizin, fügt hinzu, dass man auch auf der Infektionsstation „schon am Limit“ sei – „aber wenn Patienten kommen, dann versorgen wir sie“. Das geschehe, indem neue Betten aufgestellt würden und Pflegekräfte aus dem Pflegepool dann gezielt dort eingesetzt würden.

In der letzten Welle seien es „mehr als 500 Patienten“ gewesen, die sein Team betreut habe, „wir sind auch jetzt ständig am Nachsteuern – es gibt kein wirkliches Limit, denn wir sind ja für die Patienten die letzte Instanz“. Und die Situation werde noch schlimmer: „Wir gehen davon aus, dass die Situation in zehn bis zwölf Tagen deutlich schlimmer wird – davon müssen wir leider ausgehen“ – denn so lange dauere es, bis die tagesaktuelle Welle quasi in der Klinik anlande.

„Das, was jetzt passiert, war vorhersehbar“

Nachsteuern geschehe täglich in der Form, dass Operationen, die gerade nicht notwendig seien, abgesagt werden müssten, um die Schwerstkranken versorgen zu können. „Elektive Operationen und Eingriffe werden schon jetzt abgesagt und verschoben oder auf kleinere Häuser, in denen sie unbedenklich vorgenommen werden können, verlagert“, erläutert Engenhart-Cabillic.

„Durch die vergangenen drei Wellen sind wir zum Glück in allen Themen routiniert.“ Letztlich gelte jedoch: Jeder Ungeimpfte gefährde in der Konsequenz die Gesundheit der Menschen, deren Eingriffe verschoben werden müssten.

Doch was muss passieren, um die Welle endlich zu brechen? „Das, was jetzt passiert, war vorhersehbar – und hätte vermieden werden können“, sagt Dr. Andreas Jerrentrup, Chefarzt des Zentrums für Notfallmedizin. „Man hätte schon vor Monaten die Menschen besser über die Impfungen aufklären müssen und dafür sorgen müssen, die Impfquote zu erhöhen – so, wie es in anderen Ländern auch gelungen ist.“ Doch sei beispielsweise die Impfkampagne im Bundestagswahlkampf komplett in den Hintergrund getreten.

Covid-Patienten „zu 80 Prozent ungeimpft“

„Das ist dramatisch, denn wir wissen, dass die mRNA-Impfstoffe wesentlich weniger Nebenwirkungen haben als jeder Impfstoff, den es bisher jemals gab.“ Rund sechs Milliarden Dosen seien mittlerweile verabreicht worden – dadurch gebe es eine unglaublich breite Datenbasis. „Die Impfstoffe sind extrem sicher“, sagt Jerrentrup – eine Covid-Erkrankung schade dem Körper indes immens „in allen Altersgruppen“.

Für den Notfallmediziner steht fest: „Jeder hat ein enorm hohes Risiko, sich zu infizieren – wie stark ihn die Krankheit dann erwischt“, das sei auch vom Impfstatus abhängig. Covid-Patienten auf der Intensivstation „sind zu 80 Prozent ungeimpft“, verdeutlicht in diesem Zusammenhang Rita Engenhart-Cabillic.

Selbst wenn nun die Impfquote erhöht würde, „so werden die Impfungen ja erst in einigen Wochen aktiv werden. Den Effekt kann man dann erst im kommenden Jahr sehen“, sagt Jerrentrup. „Bis dahin kann man nur zusehen, dass die Kontakte so weit wie möglich eingeschränkt werden.“ Gress fügt hinzu, dass die „Booster“-Impfungen noch schneller etwas bringen würden, um die jetzige Welle zu beeinflussen.

„Jeder hat ungerne Pflichten“

Insgesamt haben die Mediziner die Hoffnung, dass nun auch die Zahl der Erstimpfungen noch einmal zunimmt, um in der Gesamtbevölkerung eine bessere Impfquote zu erreichen – Ziel: 80 Prozent plus X. „Dazu gehört, dass man den Menschen wieder einen leichteren Zugang zu den Impfungen verschafft“, sagt Thomas Gress. Impfzentren müssten dazu wieder kommen, „dann erreichen wir auch nochmal gut zehn Prozent“, ist er sich sicher.

Brauchen wir also eine allgemeine Impfpflicht? „Das wäre das letzte Mittel“, sagt Jerrentrup. Es sei aus seiner Sicht ein Fehler gewesen, eine solche Pflicht bereits zu Beginn der Pandemie, „als man noch gar nicht wusste, wie sie sich entwickelt“, kategorisch auszuschließen. Jedoch sei es viel besser, wenn die Menschen freiwillig kämen, „jeder hat ungerne Pflichten“.

Hoffnungen ruhen auf zwei Medikamenten

Doch: „Wir wissen nicht, was noch für Virus-Varianten kommen – darauf müssen wir reagieren können.“ Gress formuliert es noch drastischer: „Die Zahlen lassen es denkbar erscheinen, dass wir in die Katastrophe laufen – und bevor nichts mehr geht, muss die Impfpflicht kommen.“

In den vergangenen Monaten hätten sich zahlreiche Behandlungsmethoden herauskristallisiert, die – evidenzbasiert und nach einer im Oktober erschienenen Richtlinie – vorgenommen würden. Doch seien dies weiterhin klinische Behandlungen – mit dem Nachteil, dass eben die Krankenhäuser durch die Corona-Patienten ans Limit geraten können. Hoffnungen ruhen nun jedoch laut Thomas Gress auf zwei Medikamenten in Tablettenform – eines davon bereits zugelassen, ein weiteres in der Testphase.

Schlechte Aussichten fürs Fest

„Beide könnten im ambulanten Bereich von den Hausärzten bei Risikopatienten eingesetzt werden, beide scheinen wirklich das Fortschreiten zu einer schweren Erkrankung, zu einer Krankenhaus-Einweisung, zu einer Beatmung und zum Tod zu verringern.“ Wenn diese Medikamente schnell verfügbar seien, „dann kann uns das auch schnell helfen“, so Gress – denn gerade das noch nicht zugelassene Medikament von Pfizer verspreche bisher eine Wirksamkeit von bis zu 89 Prozent.

Doch gelte bei beiden Medikamenten in jedem Fall, so Jerrentrup: „Sie werden mehr Nebenwirkungen haben als die Impfungen.“ Auch dass nun verstärkt Moderna anstelle von Biontech zum Einsatz komme, sehen die Mediziner nicht kritisch. „Auch Moderna ist ein sehr, sehr guter Impfstoff“, verdeutlicht Rita Engenhart-Cabillic.

Was bedeutet die Situation fürs Weihnachtsfest? „Genau dasselbe wie vergangenes Jahr. Denn die Welle lässt sich bis dahin nicht mehr aufhalten“, sagt Gress. „Kontaktbeschränkungen werden kommen – wir werden in irgendeiner Form einen Lockdown brauchen. Denn auch 2G Plus ist ja auch schon eine Form des Lockdowns.“

Von Andreas Schmidt

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