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Marburg Psychiater warnt: Corona führt zu Depressions-Welle
Marburg Psychiater warnt: Corona führt zu Depressions-Welle
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17:58 01.04.2020
Illustration Trauer - Depression. Foto: Tobias Hirsch (tob) Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Der Psychiater Dr. Siegfried Scharmann, Oberarzt in der Vitos-Klinik in Marburg, spricht im OP-Kurzinterview über eine im Zuge der Corona-Bekämpfung wohl zunehmende Zahl an Depressions-Diagnosen.

Was ist charakteristisch für das Krankheitsbild Depression – und gibt es heute mehr Depressive als in der Vergangenheit?

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Dr. Siegfried Scharmann: Es gibt nicht zwingend mehr Menschen mit Depression, es fallen in erster Linie mehr auf, weil man die Erkrankung, die Symptome, eher erkennt sowie diagnostiziert und grundsätzlich mehr darüber geredet wird als in der Vergangenheit. Da gab es durchaus einen positiven Robert-Enke-Effekt, eine gewisse Ent-Stigmatisierung Betroffener kam in Gang.

Es kann jeden treffen. Anfälliger sind vor allem Menschen, die hohe Ansprüche an sich haben, perfektionistisch und sehr leistungsorientiert sind und hohe Erwartungen an sich haben, die im Beruf, in der Familie, auch im Freundeskreis immer versuchen, alle Erwartungen zu erfüllen.

Aber: Es könnte passieren, dass Depressionen in den nächsten Wochen und Monaten zunehmen, als Folge der Corona-Krise, etwa durch die soziale Isolation. Diese stellt für die meisten einen psychosozialen Stressfaktor dar. Häufige Depressions-Symptome sind reduzierte Konzentrationsfähigkeit, Schlafstörungen, Gereiztheit, Lust- und Freudlosigkeit, Erschöpfung, geringes Selbstwertgefühl und ein zunehmender Rückzug aus sozialen Beziehungen.

Wenn wir das Thema Corona ansprechen: Millionen schulpflichtige Kinder sind zu Hause, alle Spielplätze und Sportstätten geschlossen, Betreuung durch Großeltern quasi verboten, Paare arbeiten zeitgleich im Home-Office. Ein Brutkasten für Depressionen?

Allen Menschen fehlt nun – aktuell erst seit zwei, aber mindestens noch drei weitere Wochen – der soziale Ausgleich und Austausch. Das erschwert die Emotions-Regulierung. Isolation stellt einen bedeutsamen Stressfaktor dar, mit den typischen neurobiologischen Folgen für den Organismus. Menschen sind auf soziale Interaktionen angewiesen, das hat sich in der Evolution als relevanter Überlebensfaktor erwiesen.

Home-Office und Home Schooling können einen erheblichen Stressfaktor darstellen, wofür wir Verständnis aufbringen sollten. Internet-Chats, Telefonieren sowie Telefonkonferenzen können echten Kontakt nicht ersetzen. Die meisten Menschen mögen keine extremen Massenaufläufe und ebenso wenig Einsamkeit sowie Isolation. Isolation hat auf die Gesundheit eine schädigende Wirkung, ist depressions-begünstigend – und wird eben wegen dieser Wirkweise ja sogar als Folter-Instrument verwendet.

Wie ist es zu erklären, dass jemand nach außen, auch auf sein direktes Umfeld, lebensfroh und stark wirkt – und dann plötzlich Suizid begeht?

Ein Suizid muss nicht immer das Ergebnis einer Depression sein. Im Falle einer Depression nehmen Betroffene ihre Umgebung anders wahr als die meisten Menschen, sie sehen die Welt oft schwarz und sich selbst in einer Ausweglosigkeit gefangen. Es kann vorkommen, dass sie vor einem Suizid für die Umwelt nach außen plötzlich relativ gut gestimmt, gelassen und positiv wirken. Eben weil sie für sich eine Entscheidung getroffen haben und dadurch eine Entlastung verspüren – es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Es gibt aber auch den Suizid-Kontext des Bilanzierens des eigenen Lebens, wenn jemand sozusagen innerlich aufrechnet, ob sich das Weiterleben für ihn noch lohnt oder aus seiner Sicht noch möglich ist. Etwa bei einer schweren organischen Erkrankung oder wenn sich ein Mensch für ihn nicht erfüllbaren Aufgaben ausgesetzt sieht, er extrem hohe Ansprüche an sich selbst hat oder für etwas einstehen soll, das er nicht verkraften kann.

Suizidgedanken haben oft kurzfristig einen entlastenden Effekt: Es lässt der herrschende Druck nach, als mögliches Ausstiegsszenario sorgen sie für ein positives Gefühl und möglicherweise auch für scheinbare Kontrolle. Mit jedem Suizid-Gedanken bahnt sich der Weg, wird die Ausführung möglicher. So oder so: Unser Gehirn ist auf Überleben gepolt, es muss unglaublich viel passieren, dass es diese Polung quasi umdreht.

Wie sind Depressionen therapierbar oder gar heilbar?

Man kann Depressionen, bis auf wenige Fälle, sehr gut behandeln. Medikamente wirken, Psychotherapie hilft – aber vor allem müssen Betroffene ihr Leben ändern. Denn ohne eine Lebensveränderung verändert sich meist auch die Depression nicht. Für viele Angehörige ist es schwer zu verkraften, dass ihr Einfluss auf die Krankheit geringer ist, als sie hoffen – aber im präventiven Bereich ist auch schon vieles möglich. Man sollte sich regelmäßig Fragen beantworten: Wertschätze ich mich selbst genug und würdige ich meine Leistung etwa im Job, mein Funktionieren etwa in der Familie? Neige ich dazu, Grenzen nicht zu erkennen und kann nicht Nein sagen? Wie ist meine Ernährung, treibe ich Sport? Welche Ausgleichstrategien habe ich für die Pflichten im Leben, wie ist meine Balance zwischen Arbeit und Freizeit?

Von Björn Wisker

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