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Marburg Situation in Marburg und Gießen noch entspannt
Marburg Situation in Marburg und Gießen noch entspannt
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20:00 02.11.2020
Der Isolationsbereich in der Notaufnahme des UKGM am Standort Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Auf Deutschlands Intensivstationen ballen sich angesichts der rasant steigenden Corona-Infektionszahlen Wut, Frust und Traurigkeit. „Es ist jetzt schon nachweislich schlimmer als im Frühjahr“, sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), der Deutschen Presse-Agentur. „In 14 Tagen haben wir die schweren Krankheitsfälle und unsere großen Zentren kommen unter Maximalbelastung.“ Kliniken müssten sich deshalb bereits jetzt fragen, bei welchen Patienten sie vereinbarte Operationen guten Gewissens verschieben könnten. Die Devise könne nur lauten: „Fahrt runter!“

In Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen seien einige Kliniken schon so stark mit Covid-19-Patienten belegt, dass andere Erkrankte bereits verdrängt würden, sagte Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Ende vergangener Woche. Die Lage sei „absolut besorgniserregend“. Von den Infizierten müssten etwa fünf Prozent im Krankenhaus behandelt werden, zwei Prozent auf der Intensivstation, so Kluge. Über 70-Jährige hätten ein Todesrisiko von über 50 Prozent.

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„Nicht eine müde Maus mehr beim Personal“

Das Problem sei dabei nicht einmal so sehr die Anzahl der Intensivbetten. „Wir haben mehr Betten und mehr Beatmungsgeräte als zu Beginn der Pandemie. Aber wir haben nicht eine müde Maus mehr beim Personal“, sagte Janssens. „Bis jetzt sind wir zurechtgekommen. Aber wir müssen die Pflegepersonal-Untergrenzen wieder aussetzen, wenn das so weitergeht.“ Seine Vereinigung führt ein Register, das die bundesweit freien Intensivbetten anzeigt. Damit soll auch eine Verlegung aus stark ausgelasteten Kliniken in Häuser mit Kapazitäten ermöglicht werden. Die Zahlen werden täglich aktualisiert. Die Intensivbetten sollen dabei mit dem nötigen Pflegepersonal berechnet werden. Doch der einhellige Tenor aus vielen deutschen Uni-Kliniken lautet Janssens zufolge jetzt schon: Es gibt auch eindeutig mehr Infektionen unter Klinik-Mitarbeitern.

Vor einem Personalnotstand hatte zuvor bereits die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege gewarnt. „Wenn es zu einem massiven Anstieg von Corona-Patienten in den Intensivstationen kommt, werden nicht alle fachgerecht betreut werden können“, hieß es. Nicht, weil es an Intensivbetten mangele, sondern an qualifiziertem Fachpflegepersonal.

Wie sich das Universitätsklinikum Gießen und Marburg auf den zu erwartenden Anstieg der stationär-intensivmedizinisch zu behandelnden Corona-Patienten vorbereitet hat, beantwortet der Marburger UKGM-Sprecher Thomas Steiner so: „Gemäß der Vorgaben des Landes Hessen passen wir unsere Kapazitäten der aktuellen Notwendigkeit an und stellen so die Versorgung der Covid-Patienten und unserer anderen Patienten sicher.“ Hierzu seien seitens des Landes Eskalationsstufen mit entsprechenden Kapazitäten definiert worden. Steiner weiter: „Wir stehen sowohl mit den Krankenhäusern des Versorgungsgebietes als auch überregional mit dem Ministerium im ständigen Kontakt.“ Doch Thomas Steiner sagt auch: „Wir schauen mit einer gewissen Besorgnis auf die stetig steigenden Zahlen.“ Seine Gießener Kollegin Christine Bode stimmt ihm zu: „Generell ist die besorgte Frage richtig, wie lange unsere Kapazitäten ausreichen.“ Doch sie wolle sich nicht an den gegenwärtigen Rechenexempeln beteiligen und sagt: „Wir sind noch lange nicht an der Grenze unserer Kapazitäten angekommen.“ Alle Hoffnung liege jetzt darin, dass die im November greifenden Einschränkungen im öffentlichen Leben die zuletzt drastisch gestiegenen Covid-Fallzahlen bremsen können und von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen werden.

„Deutlich mehr Gelassenheit und Professionalität“

Die Gießener UKGM-Sprecherin Christine Bode glaubt auch, dass die Krankenhäuser durch die erste Corona-Welle im Frühjahr an Routine und Erfahrung gewonnen haben: „Das führt zu deutlich mehr Gelassenheit und Professionalität.“

Die Marburger Ärztin Dr. Ulrike Kretschmann warnte Ende vergangener Woche im Zusammenhang mit der Versorgung von Corona-Infizierten im Gespräch mit der OP: „Wir Allgemeinmediziner sind nicht der Flaschenhals, sondern die Intensivmediziner.“ Wenn die Zahlen auch im November weiter stiegen, müssten Klinikärzte „ab Dezember entscheiden, wem sie ein Intensivbett geben“. Das könne niemand wollen, meint Kretschmann und fordert: „Wir alle müssen kommunizieren, dass die Einschränkungen notwendig sind, damit die Intensivmediziner nicht in die Bredouille kommen.“ Die niedergelassenen Ärzte dürften zudem ihre Testressourcen nicht verballern, sagt die Allgemeinmedizinerin, die schon während der Corona-Welle im Frühjahr einen „Drive-In-Schalter“ für Tests einrichtete: „Eine Gruppe junger Menschen, die Party machen und Schnelltests haben wollen, schicke ich wieder weg.“ Jemand, der dagegen seine Eltern im Altenheim besuchen wolle, bekomme einen Test: „Party können wir wieder feiern, wenn die Zahlen wieder anders sind.“

Damit liegt Ulrike Kretschmann auf einer Linie mit Uwe Janssens, der neben seiner Funktion als DIVI-Präsident Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital im nordrhein-westfälischen Eschweiler ist. Auch Janssens richtet seinen Appell, auf Partys bis auf Weiteres zu verzichten, nicht zuletzt an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kliniken und Arztpraxen. „Ich bin großer Opern- und Theaterfan und vermisse das wahnsinnig“, ergänzte Janssens: „Aber ich sehe es als gesellschaftliche Aufgabe und Verpflichtung an, mich da zurückzuhalten. Damit schütze ich viele, viele andere.“

„Kommt doch mal auf die Intensivstation!“

Er sei nicht sauer, er sei vielmehr traurig über die Entwicklung der Infektionszahlen. „Der persönliche Spaß ist vielen wichtiger als die Gemeinschaft“, urteilt Janssens. Die momentane Lage habe seiner Ansicht nach viel mit einer egoistischen Grundhaltung zu tun. „Wenn die Leute mehr ,du’ denken würden, liefe es sicher besser. Ich sage gern: ,Kommt doch mal eine Stunde auf die Intensivstation und guckt euch einen Covid-19-Patienten an. Wie er da auf dem Bauch liegt und was die Schwestern da leisten müssen.’“

von Carsten Beckmann und Ulrike von Leszczynski

02.11.2020
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