Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Information ist das Gebot der Stunde
Marburg Information ist das Gebot der Stunde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:46 28.02.2020
Dr. Andreas Jerrentrup im neu eingerichteten Isolationswartebereich der Notaufnahme des Universitätsklinikums in Marburg.  Quelle: Foto: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Dort, wo es sonst höchstens nach Desinfektionsmitteln riecht, weht ein Hauch von weißer Wandfarbe durch die Räume. „Morgen ist hier alles fertig“, sagt Dr. Andreas Jerrentrup. Chefarzt des Zentrums für Notfallmedizin am Marburger Standort des Universitätsklinikums Gießen und Marburg.

Ein Großkrankenhaus bereitet sich vor auf Menschen, die mit dem Verdacht auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus auf die Lahnberge kommen. In der Notfallaufnahme herrscht an diesem Donnerstagnachmittag das übliche geschäftige Treiben: Ein Vater trägt sein Kind auf den Armen herein, im Wartebereich sitzt ein halbes Dutzend Patientinnen und Patienten, im Schockraum kümmert sich Klinikpersonal um einen Kranken.

Anzeige

Jerrentrup steht in dem neu eingerichteten Isolationswartebereich, in dem Corona-Verdachtspatienten von den übrigen getrennt werden sollen. Noch fehlen Sitzmöbel, die elektronische Anzeigetafel muss noch in die Wandhalterung geschraubt werden, die Handwerker richten sich auf eine Nachtschicht ein. „Wir dürfen nicht in Hysterie verfallen“, sagt der Notfallmediziner: „Aber wir müssen das hier schon ernst nehmen.“ Statistisch gesehen liegt die Sterblichkeit von Corona-Infizierten bei zwei Prozent – kein Grund zur Hysterie also. Doch was Jerrentrup und seine Kollegen ernst nehmen, sind die älteren Menschen mit Vorerkrankungen wie chronischen Lungenkrankheiten oder Patienten mit geschwächtem Immunsystem.

Das Uni-Klinikum, aber auch das Diakoniekrankenhaus in Wehrda oder das DRK-Krankenhaus in Biedenkopf zählen zu den Akutkliniken, die für die Corona-Epidemie Notfallpläne vorhalten müssen. Auf den Lahnbergen gibt es ohnehin mehrere „echte Isolierzimmer mit Schleusen“ für Infizierte, die stationär behandelt werden müssen. Möglichkeiten zur Schnelldiagnostik sind ohnehin Standard, denn die wird auch bei Influenzapatienten oder Kinder mit Verdacht auf eine Infektion mit dem RSV-Virus benötigt.

Eine Isolierstation mit eigenen Zugangswegen zählt weiterhin bereits zur Ausstattung, und in der Intensivmedizin gibt es Krankenzimmer mit künstlichem Unterdruck, der verhindern soll, dass Keime nach außen dringen. „Jetzt haben wir eine neue Lage, wir rechnen mit höheren Zahlen Infizierter“, begründet Jerrentrup den Aufbau des separaten Wartebereichs für Verdachtsfälle.

Man müsse die jungen Patienten, die trotz Infektion nicht wirklich gefährdet seien, von denen trennen, für die eine Corona-Infektion tödlich verlaufen könne, sagt der Notfallmediziner des UKGM. Was für die Krankenhäuser gilt, gilt erst recht für Wartezimmer in den Praxen niedergelassener Ärzte. Die melden sich momentan immer häufiger beim Gesundheitsamt des Kreises Marburg-Biedenkopf, wie Amtsleiterin Dr. Birgit Wollenberg berichtet: „Die Ärzte wollen zum Beispiel wissen, ob sie im Verdachtsfall einen Abstrich machen müssen oder ob sie bei uns Schutzmasken bekommen können.“

Information ist das Gebot der Stunde, entsprechend haben sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitsamt an dieser Stelle personell verstärkt. Egal ob verunsicherte Bürger oder Ärzte mit Informationsbedarf: „Sie sollen bei uns anrufen, dafür sind wir da“, sagt Birgit Wollenberg. Auch Stefan Schienbein von der Pressestelle des Landkreises setzt auf objektive Information: „Wenn da in obskuren Whatsapp-Gruppen von Coronafällen im Kreis die Rede ist, sollte man das weniger glauben als das, was auf unserer Webseite steht“, sagt Schienbein. Damit die Informationen aus der Kreisverwaltung auch jedem zugänglich sind, haben die Techniker der Kreisverwaltung die Server-Kapazität erweitert. „Gleich auf der Startseite geht es dorthin, wo es alle aktuellen Informationen gibt“, sagt der Kreissprecher.

Mit Arzt Termin vereinbaren

Wer befürchtet, sich infiziert zu haben, sollte nicht sofort in Panik verfallen und sich bei seinem Hausarzt ins Wartezimmer setzen. „Patienten sollten vorher anrufen und einen Termin vereinbaren“, rät Birgit Wollenberg. Ganz wichtig sei, dass Ärzte dem Gesundheitsamt Verdachtsfälle melden, damit das getan werden kann, was die Amtsleiterin „Kontaktpersonenmanagement“ nennt. Auf gut Deutsch heißt das, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamts versuchen den Personenkreis zu erfassen, mit dem der möglicherweise Infizierte in Verbindung steht: „Das dient dazu, Infektionsketten zu unterbrechen“, sagt Wollenberg.

Im Uni-Klinikum würde zurzeit noch jeder bestätigte Fall einer Infektion mit dem Coronavirus im Krankenhaus isoliert. Doch Jerrentrup sagt: „Wenn es mehr Fälle werden, halten wir die Klinikbetten für die schwereren Fälle vor und würden leichtere Fälle nach Hause schicken und dort unter medizinische Beobachtung stellen.“

Situationen wie die aktuelle kennen die Mediziner auf den Lahnbergen von früheren Krankheitswellen wie etwa der sogenannten Schweinegrippe. „Das bindet immer viel Personal, aber das ist auch bei Influenzawellen der Fall“, sagen Jerrentrup und sein Kollege Professor Frank Günther, der als leitender Krankenhaushygieniker ebenfalls ganz dicht dran ist an der möglicherweise größten Herausforderung, die das Uni-Klinikum aktuell zu stemmen hat. „Februar und März sind immer die schlimmste Zeit in der Notfallmedizin“, erklärt Jerrentrup. Business as usual also? Nicht ganz, sagen die Fachleute: „Die Lage ist für alle neu, denn wir wissen zu wenig über das neue Coronavirus.“

Die Krankenhäuser stimmen sich permanent mit dem Robert-Koch-Institut über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise ab: „Wir machen es 
wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und reagieren von Situation zu Situation neu“, sagt der Marburger Notfallmediziner Jerrentrup.

von Carsten Beckmann