Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Seniorenheim-Schutzwall“ in Marburg?
Marburg „Seniorenheim-Schutzwall“ in Marburg?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:58 06.11.2020
Dr. Ulrike Kretschmann aus Marburg plädiert dafür, mit Corona-Schnelltests für Seniorenheim-Besucher die Pflege-Einrichtungen sicher zu machen und diese so für Angehörige und Freude der Heimbewohner zu öffnen. Ein Konzept für Marburg hat sie der Stadt vorgelegt, die Kassenärztlich Vereinigung strebt offenbar etwas ähnliches an Quelle: Björn Wisker
Anzeige
Marburg

Sie wühlt in einer Box, nicht größer als ein Schuhkarton. Darin liegen für sie die Werkzeuge, die sie für ihr Bauvorhaben braucht. Ein Projekt, das nichts Geringeres beinhaltet als alle Seniorenheime in Marburg Corona-sicher zu machen: Dr. Ulrike Kretschmann will an allen Eingängen der Pflegeeinrichtungen jeden Tag aufs Neue Schnelltests durchführen lassen – nicht für Bewohner oder Personal, die ohnehin regelmäßig getestet werden, sondern für Besucher eben jener alter Menschen, die wegen der Besuchseinschränkungen mitunter einsam sind und so gar zu sterben drohen. Die zwar, abgeschottet wie sie sind, vielleicht Lebenszeit gewinnen, aber gleichzeitig Lebensqualität verlieren.

„Nicht raus zu können und nur selten Besuch empfangen zu können, ist schwer erträglich“, sagt die Hausärztin. Dabei gelte es doch gerade Schwer- und Demenzkranken, sowieso Palliativ-Patienten „die schönstmögliche Zeit zu geben“. Etwas, das seit fast einem Dreivierteljahr fast unmöglich sei. Menschen dürften aber nicht weiter „einfach von ihren Angehörigen abgeschnitten werden“.

Anzeige

Denn die aktuelle Regelung ist so: Zwei Mal pro Woche je eine Stunde darf Besuch ein Heim betreten und Zeit mit dem Bewohner oder der Bewohnerin verbringen. „Seine Liebsten muss man doch sooft und solange sehen, wie man möchte“, sagt Kretschmann. Und dafür, dass man das Virus nicht in die Einrichtungen mit vielen Gefährdeten trage, könne mit dem Schnelltest binnen 15 Minuten gesorgt werden. Das würde ermöglichen, seine Angehörigen täglich zu besuchen und zu umarmen. „Das gibt uns in dem Bereich ein Stück Normalität zurück.“

Kretschmann hat daher jüngst ein Konzept für einen lokalen „Seniorenheim-Schutzwall“ entwickelt, es der Marburger Stadtspitze vorgestellt. Und die Kassenärztliche Vereinigung ist nach OP-Informationen zeitgleich auf einem ähnlichen Weg: Nach einer aktuellen Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums, die bis zum 11. November umgesetzt werden muss, sind Kosten für die Tests nicht von Heimbesuchern zu tragen. Was und wie es genau umgesetzt wird, ist noch offen – aber es deutet sich eine Erleichterung der Besuchspraxis in Heimen an.

Personal für Abstrich-Prozedere schulen

Der Knackpunkt dabei ist laut Kretschmann weniger die Testkapazität, sondern das die Abstriche vornehmende Personal. Aber auch das hat die Ärztin, die als erste in Deutschland im Frühjahr eine Corona-Drive-in-Praxis eröffnete, im Blick: Das Abstrich-Prozedere sei zwar nicht banal, aber doch gerade für Menschen mit medizinischen Vorkenntnissen zügig erlernbar.

Der gängige PCR-Test, der zuletzt wöchentlich deutschlandweit mehr als 1,3 Millionen mal gemacht wird, ist dabei nur minimal präziser als die Schnelltests. Er ist aber mit etwa 150 Euro mehr als drei Mal so teuer wie die Schnelltests, die Ärzte in Marburg und im Landkreis anbieten. Und das Ergebnis hat man erst nach zwei, drei Tagen, nicht nach 15 Minuten.

Kretschmann geht es in der Corona-Pandemie um Grundsätzliches: Der einsetzenden Corona-Müdigkeit will sie – unter der Bedingung, dass man sich an Hygieneregeln halte – eine Sicht auf schrittweise Verbesserungen entgegensetzen. „Es muss und es wird Erleichterungen geben. Das Leben wird stetig etwas besser.“ Täglich gebe es neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Krankheit und Therapien. Weitere Erleichterungen rückten somit näher. Die Tatsache, dass Schulen und Kindergärten von den Behörden trotz deutlich höherer Infektionszahlen nicht mehr oder nur punktuell geschlossen würden, sei bereits ein sichtbarer Fortschritt im Umgang mit der Pandemie. „Wir müssen Geduld haben und zusehen, wie wir uns in den engen Strukturen verbessern und das Beste aus der für jeden belastenden Situation machen.“

„Alt und Jung, gesund und krank solltensich nicht auseinanderdividieren lassen“

Im Idealfall funktioniere im Laufe des nächsten Jahres ein Selbsttest für Zuhause, der dem Zusammenleben wieder neue Möglichkeiten eröffne. Auf dem Impfstoff dürfe indes nicht die Hoffnung für eine Normalisierung des Alltagslebens liegen, sondern auf verschiedenen Test- und Frühwarnsystemen.

Denn: Eine Spaltung der Gesellschaft dürfe nicht erfolgen. „Alt und Jung, gesund und krank sollten sich nicht auseinanderdividieren lassen“, sagt Kretschmann. Sie alleine betreue drei Patienten unter 40 Jahren, die im Frühjahr erkrankten und bis heute, obwohl statistisch als „Genesene“ geführt, massive Gesundheitsprobleme hätten – vor allem: keinen Geschmackssinn mehr.

Hausärzte wie sie sähen tatsächlich eher wenige Corona-Positive mit schwereren Symptomen. Aber die Summe der einzelnen schweren Fälle liefen im Krankenhaus und im schlimmsten Fall auf den Intensivstationen zusammen – wo es bei weiter ansteigenden Zahlen „unweigerlich zum Kollaps“ kommen könne. „Der Flaschenhals sind nicht die Hausärzte.“

Von Björn Wisker

06.11.2020