Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Corona-Impfung mit „Geschmäckle“
Marburg Corona-Impfung mit „Geschmäckle“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:44 19.02.2021
Die Geschäftsführung des UKGM wurde gegen Corona geimpft – weil sie zum Impfteam gehört oder dort eingesetzt werden soll. Der Betriebsrat ist empört.
Die Geschäftsführung des UKGM wurde gegen Corona geimpft – weil sie zum Impfteam gehört oder dort eingesetzt werden soll. Der Betriebsrat ist empört. Quelle: Foto: Sven Hoppe/dpa
Anzeige
Marburg

Die Nachricht platzte am Donnerstag in die Betriebsratssitzung des UKGM Marburg wie eine Bombe: „Telefonisch wurde uns mitgeteilt, dass sich Frau Dr. Heinis und Herr Dr. Weiß gerade hatten impfen lassen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Demper. Er habe es zunächst nicht glauben können – doch zum Glück sei der Verwaltungsleiter Kevin Pfaffner ohnehin gerade im Gremium gewesen, um insgesamt über die Corona-Situation zu berichten.

Also habe Demper Pfaffner gefragt, ob es stimme, dass der Vorsitzende der UKGM-Geschäftsführung, Dr. Gunther K. Weiß, und die kaufmännische Geschäftsführerin Dr. Sylvia Heinis geimpft worden seien – und die Antwort lautete ja. Denn beide seien ja Teil der Impfteams. „Das heißt, die beiden gehen dann mal runter in das Impfzentrum, nehmen eine Spritze in die Hand und impfen ein oder zwei Personen – und werden dann bevorzugt selbst geimpft, weil man das Impfteam ja schützen muss“, so Demper. Das sei geradezu skandalös und der Belegschaft wohl kaum zu vermitteln, wie der Betriebsratsvorsitzende findet.

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stelle, sei, wie oft die Mitglieder der Geschäftsführung „denn wirklich im Impfteam präsent sind: Nur mal kurzfristig oder dauerhaft? Sind die wirklich permanent präsent und spritzen jeden Tag mit?“, fragt Demper. Das Gremium sei „erschüttert“ über dieses Vorgehen. „Wir haben so viele Kollegen, die gerade auf den Intensivstationen im direkten Kontakt mit Covid-19-Erkrankten stehen. Und nicht nur dort, sondern generell im Haus“, so Wolfgang Demper. Das beginne schon in der Patientenaufnahme, „wo Menschen hinkommen, die nicht getestet, aber vielleicht doch infiziert sind. Die Kollegen werden in der Impfpriorität aber nach hinten gesetzt und kommen erst später dran.“ Sollte sich die Information bestätigen, „dann sind wir mehr als erbost, denn es kann nicht sein, dass die Menschen, die tatsächlich jeden Tag direkten Patientenkontakt haben, nicht geimpft sind – aber die Geschäftsführung sich ins Impfteam aufnehmen lässt und so eine Sonderbehandlung erfährt.“ Wenn diese Impfteam-Aufnahme nur pro Forma geschehen sei, dann „haben sich Heinis und Weiß die Impfung erschlichen“. Wenn die beiden jedoch dauerhaft mit dem Impfteam unterwegs sein sollten, „dann wäre es in Ordnung, denn beide sind ja Ärzte“.

Was sagt das UKGM zu den Vorwürfen? „Dr. Gunther K. Weiß ist approbierter Arzt, gehört zum Impfteam und hat als Impfarzt am 18. Februar im Impfzentrum des Universitätsklinikums Marburg über 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Zeitraum von 8 bis 14 Uhr selbst und eigenständig geimpft“, teilt Pressesprecher Frank Steibli auf OP-Anfrage mit. Es seien in den kommenden Tagen und Wochen weitere Impfarzteinsätze für Weiß geplant, um das Impfteam des Betriebsärztlichen Dienstes zu unterstützen. „Damit besteht nach der Impfverordnung ein Anspruch nach der ,höchsten Prioritätsklasse’“, heißt es. Dasselbe gelte auch für Dr. Sylvia Heinis: Die Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde gehöre ebenfalls zum Impfteam und habe sowohl am Donnerstag als auch am Freitag 35 UKGM-Mitarbeiter geimpft. Und auch für sie seien weitere Einsätze geplant.

Zudem hat auch der ärztliche Direktor des UKGM Marburg, Professor Harald Renz, am Donnerstag eine erste Impfung erhalten – mit dem Impfstoff von AstraZeneca, wie Steibli mitteilt. Denn: „Nach Erreichen des Impfschutzes ist geplant, dass Professor Renz ebenfalls als Impfarzt das Impfteam unterstützt“, so Steibli – Renz gehöre demnach ebenfalls in die höchste Prioritätsklasse – laut UKGM hat also alles seine Richtigkeit.

Ist das eine Erklärung, die den Betriebsrat zufriedenstellt? „Auf gar keinen Fall. Für mich ist das alles nur eine Alibi-Funktion – aus meiner Sicht hat man sich ganz klar vorgedrängelt“, sagt Wolfgang Demper. „Viel wichtiger wäre es gewesen, diese Impfdosen dem Personal, das jeden Tag hautnah mit den Patienten zusammenarbeitet, zu verimpfen, damit die zunächst geschützt sind.“ Wenn die drei Geschäftsführer nun alle im Impfteam seien, „dann erwarte ich jetzt natürlich auch, dass sie nicht nur ein- oder zweimal im Impfteam auftauchen, sondern dort regelhaft in einem Dienstplan erscheinen. Und das nicht nur sporadisch für eine halbe Stunde oder für 40 Patienten, sondern für eine ganze Schicht – denn sonst ergibt das ja keinen Sinn“, fordert der Betriebsratsvorsitzende.

Und: Wenn die UKGM-Spitze die Zeit habe, Mitarbeiter zu impfen, „was passiert denn dann mit der Führung des Klinikums in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten, wie sie immer beteuern – gerade jetzt in Corona-Zeiten? Wer kümmert sich denn um die Leitung des Klinikums, wenn die drei Top-Leute im Klinikum sitzen?“, fragt Demper.

Beschwerden über vermeintliche Unregelmäßigkeiten in puncto Impfung am UKGM wurden schon häufiger an die OP herangetragen. Erst in der vergangenen Woche hatte die OP eine entsprechende Anfrage ans Klinikum gestellt – es seien keine solche Fälle bekannt, hieß es damals (die OP berichtete). Und nun liegen weitere Beschwerden vor: Angeblich habe eine externe Mitarbeiterin der Augenklinik, die nicht dort beschäftigt sei, bereits die zweite Impfung bekommen, obwohl sie weder im OP arbeite „noch in der direkten medizinischen, notfallmäßigen Patientenversorgung tätig ist“, heißt es in einem Schreiben einer Pflegekraft, das der OP vorliegt. „Wie kann es sein, dass eine solche Person eine Impfung erhält und meine Mutter über dem 80. Lebensjahr oder Personen in meinem Tätigkeitsbereich der Pflege mit direkten Patientenkontakt nicht?“, so die Frage. Eine Ausrede wie „der Impfstoff wäre sonst weggeworfen worden“ dürfe nicht zählen, so die Pflegekraft, die schreibt, dass sie und ihre Kollegen „liebend gerne zur Impfung gekommen wären – vor allem, weil wir zahlreiche ältere Risikopatienten versorgen“, heißt es im Schreiben. „Diese Impfschmarotzerei darf einfach nicht ungeahndet bleiben“, fordert die Pflegekraft und fordert Konsequenzen.

Was sagt das UKGM dazu? „Das Anmeldeportal des UKGM fragt explizit die Zugehörigkeit zum UKGM und die Zugehörigkeit zur höchsten Priorität ab“, erläutert Pressesprecher Frank Steibli. Diese Angaben müssten die Mitarbeitenden beim Ausfüllen bestätigen. Heißt übersetzt: Wenn eine Person bei der Anmeldung zu einem möglichen Impftermin falsche Angaben macht, werden die offenbar nicht überprüft – letztlich ist die Priorisierung, die vonseiten des Klinikums getroffen wurde, dann mitunter obsolet.

Und es gibt noch weitere Vorwürfe: So seien auch an der Zahnklinik „betriebsfremde Personen“ geimpft worden – angeblich Beschäftigte der Philipps-Universität Marburg, und zwar Zahnarzthelferinnen, Sekretärinnen und Handwerker.

Dazu erläutert Dr. Sylvia Heinis: „Wir haben Ihnen transparent und offen Informationen zur Impfung und deren Berechtigung der Geschäftsführung zur Verfügung gestellt, wir werden uns aber darüber hinaus nicht mehr zu Mitarbeitern des Klinikums, des Fachbereiches oder der anderen hier Tätigen und deren Impfberechtigung äußern, denn diese Mitarbeiter arbeiten seit Monaten in bewundernswerter Weise, um diese Pandemie zu bewältigen, egal an welcher Stelle sie im Klinikum für unsere Patienten und ihre Besucher tätig sind.“

Von Andreas Schmidt

Strafe für Impf-Vordrängler

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte vor dem Hintergrund der „Impf-Vordrängler“ vergangene Woche angekündigt, Sanktionen gegen Menschen zu prüfen, die sich bei Impfungen gegen das neue Coronavirus unrechtmäßig vordrängeln. Es gehe darum, ob Sanktionen Sinn machen könnten, sagte Spahn. Das sei im Bundestag im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens zu prüfen. Das Infektionsschutzgesetz kenne bereits Sanktionen, angefangen bei Bußgeldern. Eine bundesweit verbindliche Regelung, zum Beispiel zum Umgang mit Impf-Resten, gibt es bislang aber nicht. „Ich werde mit den Ländern darüber sprechen, ob wir das noch ein Stück verbindlicher regeln“, ergänzte Spahn. So könne das Vorgehen in den Impfzentren noch genauer definiert werden. Zum Beispiel, wenn dort abends etwas Impfstoff übrig sei – wer dann dran wäre. Das könnten unter Umständen Feuerwehrleute oder Polizisten im Einsatz sein, die dann aber auch schnell verfügbar sein müssten.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat bereits Ungerechtigkeiten bei der Reihenfolge der Corona-Impfungen angemahnt und die Bestrafung von Vordränglern gefordert. dpa

Marburg Corona-Fallzahlen - 22 Neuinfektionen
19.02.2021