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Marburg Corona-Impfung: Wurde die Tagespflege vergessen?
Marburg Corona-Impfung: Wurde die Tagespflege vergessen?
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12:22 28.01.2021
Hans-Heinrich Brusius aus Caldern ist pflegebedürftig, wird von seiner Ehefrau Ilse Brusius gepflegt. Sie nutzen regelmäßig das Angebot der Tagespflege, das ihnen den Alltag erleichtert.
Hans-Heinrich Brusius aus Caldern ist pflegebedürftig, wird von seiner Ehefrau Ilse Brusius gepflegt. Sie nutzen regelmäßig das Angebot der Tagespflege, das ihnen den Alltag erleichtert. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Marburg/Lahntal

Der grandiose Panoramablick über das Lahntal – für den stemmt sich Hans-Heinrich Brusius gerne aus dem Sessel heraus, auch wenn ihm das seit dem Unfall schwerfällt. Der Blick ist es wert, an einer Seite stützt ihn der Gehstock, auf der anderen seine Ehefrau Ilse Brusius. Seit 52 Jahren sind sie verheiratet, die wohl schwersten waren die letzten acht.

Bei einem Autounfall wäre Hans-Heinrich Brusius fast gestorben, verbrachte ein halbes Jahr im Krankenhaus und konnte nur langsam in den Alltag zurückfinden. Er ist seitdem gehbehindert, seine Kraft hat nachgelassen und das Gedächtnis spielt nicht mehr so mit, „ich konnte nicht mehr reden, nicht mehr denken und musste alles neu lernen“, erzählt der 72-Jährige. Er ist pflegebedürftig, geht offen damit um, ebenso seine Frau, die täglich für ihn sorgt.

Ihr Haus in Caldern, die Einrichtung, der ganze Alltag ist darauf ausgerichtet, „das verändert ja das ganze Leben“, sagt Ilse Brusius. Als pflegende Angehörige ist sie im Dauereinsatz für ihren Mann. Für Entlastung sorgt zwei mal in der Woche der Besuch in der Tagespflege der Seniorenbetreuung Weißer Stein GmbH.

Hans-Heinrich Brusius hofft auf Impfung in Tagespflege

Dorthin geht er gerne, trifft andere Pflegebedürftige, die gemeinsam den Tag verbringen, kognitives Training und Bewegungsübungen sind ebenso Teil des Programms. „Damit man den Kopf nicht nur zum Hut tragen hat – es ist wunderbar, ich kann das nur loben“, erzählt Hans-Heinrich Brusius und lacht.

Auch seine Frau ist froh über das Angebot in der Nähe, hat zur Unterstützung der Tagespflege sogar Spenden gesammelt, dafür Selbstgenähtes über einen Mini-Weihnachtsmarkt vor dem Haus verkauft. „263 Euro sind dabei rumgekommen, für Spiele, Bücher oder einfach zum Kaffeetrinken“, freut sie sich. Es zeigt, wie wichtig die Besuche in der Einrichtung für das Paar sind. Dafür nimmt Hans-Heinrich Brusius auch die Pandemie-Bestimmungen in Kauf, bei jedem Besuch macht er einen Corona-Test, fühle sich sicher in der Einrichtung, trotz der vielen Menschen, die dort zusammen kommen.

Er würde sich wie viele andere wünschen, dass er in der Tagespflege auch geimpft werden kann. Das würde auch seine Frau für „sehr sinnvoll“ halten, ihr graut es davor, mit ihm im Rollstuhl zum Gießener Impfzentrum fahren zu müssen. Das verfügt zwar über einen Fahrstuhl, aber neue Wege, ungewohnte Umgebung, damit kommt er nicht gut zurecht, „da hätte ich eine Heidenangst vor“, sagt Ilse Brusius.

Was mögliche Impfungen in teilstationären Einrichtungen angeht, sind aber noch viele Fragen offen, ebenso was die Priorisierung angeht. In Altenheimen und Schwerpunktkrankenhäusern werden Bewohner wie Mitarbeiter seit einem Monat mit der Corona-Schutzimpfung versorgt. Aber wie steht es um die Tagespflege?

Dort herrscht große Unsicherheit, die Mitarbeiter wissen nicht, in welche der bevorzugten Impfgruppen des Bundes sie kategorisiert werden – ob sie überhaupt auf irgendeiner Liste stehen. Sie fühlen sich schlicht übergangen. Die Sorge sei groß, sowohl unter Mitarbeitern wie Gästen und deren Angehörigen, die stetig nachfragen, wie es um die Impfungen steht: „Ich muss jeden Tag vertrösten, dabei wäre es so sinnvoll, wenn alle Tagesgäste und Mitarbeiter zusammen geimpft würden – die Tagespflege wurde aber in keinster Weise bedacht“, berichtet Petra Nassauer, Pflegedienstleitung des teilstationären Bereichs der Seniorenbetreuung Weißer Stein.

Tagespflege steht zwischen allen Stühlen

Zur höchsten Kategorie A zählen etwa medizinische Einrichtungen mit Risikopatienten, ebenso ambulante Pflegedienste, deren Mitarbeiter im Impfzentrum eine Schutzimpfung erhalten können. Die teilstationären zählen aber als betreuende Einrichtung, tauchen dort nicht auf. „Wir wurden einfach total vergessen“, ärgert sich auch Hans Loock, Geschäftsführer der Marburger Tagespflegeeinrichtung Aura GmbH. Beide Einrichtungen haben mehrfach versucht, das herauszufinden, fragten bei Behörden, beim Gesundheitsamt und Impfzentren an, ohne Erfolg: „Wir haben keine Antworten im Hinblick auf die Impfstrategie erhalten“, bedauert Loock.

Seit Juni arbeiten die Einrichtungen der Aura im eingeschränkten Regelbetrieb, bei einer Belegung von maximal 75 Prozent – rund 130 Klienten an drei Standorten plus Mitarbeiter. Der Alltag laufe unter strengen Hygienemaßnahmen, bei täglichen Corona-Tests. Eine ständige Herausforderung, gerade weil Menschen betreut und gepflegt werden, die körperlich oder geistig eingeschränkt sind.

Bisher sei es bei der Aura noch zu keinem Corona-Ausbruch gekommen, dabei arbeiten die Teams „an vorderster Front“, seien täglich einer Infektionsgefahr ausgesetzt. Schon durch vermehrte Außenkontakte, da die Tagesgäste im Unterschied zu stationären Einrichtungen wieder nach Hause gehen, natürlich Kontakt zu ihren Familien haben, die wiederum andere Menschen treffen, „dies erhöht das Risiko einer Infektion mit dem Virus um ein Vielfaches“.

Land Hessen schweigt zur unbefriedigenden Situation

Auch die Angehörigen seien ratlos, zudem sei es für viele Familien mit demenzkranken Verwandten kaum möglich, ein Impfzentrum zu erreichen. „Die schwierige Lage pflegender Angehöriger während der Pandemie scheint in der Politik, in allen Ebenen, immer noch nicht angekommen zu sein“, ärgert sich Loock. Impfungen würde die Lage für alle Seiten deutlich erleichtern, zumindest eine Klarstellung zur Priorisierung für Planbarkeit sorgen. „Es ist klar, dass der Impfstoff knapp ist, aber wir brauchen einfach Klarheit“, betont Nassauer.

Das Land sagt bislang nichts dazu, auch nach mehrfacher Nachfrage kam weder vom Innenministerium noch von der Corona-Pressestelle eine Antwort auf die Frage, wie Mitarbeiter und Pflegebedürftige in der Tagespflege einzustufen sind. Ob es überhaupt eine Impfstrategie für teilstationäre Einrichtungen gibt oder ob und wann die mobilen Impfteams in die Einrichtungen kommen, bleibt unklar.

Der Landkreis kann auch keine eindeutige Antwort geben, ist an die Vorgaben des Landes gebunden. Aus der Pressestelle heißt es: „Personen, die die Tagespflege besuchen, fallen je nach Alter in die Gruppe mit höchster oder hoher Priorität und können – da noch mobil – wenn möglich auch im Impfzentrum einen Termin bekommen. Durch die mobilen Impfteams werden Personen versorgt, die so schwer beeinträchtigt sind, dass sie nicht in ein Impfzentrum kommen können.“ Da der Impfstoff aber weiter knapp ist, zudem nach der Aufbereitung nicht mehr transportiert werden darf, gebe es dahingehend noch keine weitere Planung.

Von Ina Tannert

Marburger Bund kritisiert Impfkoordination

Der Marburger Bund Hessen kritisiert in einer Pressemitteilung eine „uneinheitliche Organisation des Impfens in Hessen“. Jede Kommune oder Landkreis organisiere das Impfen vor Ort unterschiedlich, beauftrage dafür verschiedene Organisationen, wie Wohlfahrtsverbände, Zeitarbeitsfirmen oder Eventagenturen.

„Diese bieten den Ärztinnen und Ärzten verschieden ausgestaltete Verträge an, mit zum Teil erheblich unterschiedlichen Stundensätzen, die von 36 bis 120 Euro variieren“, so die Kritik an einer fehlenden Einheitlichkeit. Vom Ministerium sind 120 Euro brutto für Impfärzte zugesagt, um die benötigten Mediziner zu rekrutieren.

„Warum gibt es in Hessen so unterschiedliche Verträge, deren Bedingungen impfbereite Ärztinnen und Ärzte verunsichern und wohin fließt die Differenz des Honorars?“, fragt dazu Dr. Susanne Johna, Landesverbandsvorsitzende des Marburger Bundes Hessen.

Sie sieht zudem Unklarheiten, was etwa die Haftung der Ärzte betrifft: So sei vom Land zwar die sogenannte Amtshaftung zugesagt worden, das reiche aber nicht aus, um diese vollständig haftungstechnisch abzusichern. „Es kann nicht sein, dass die Ärztinnen und Ärzte, die die Impfkampagne unterstützen wollen, sich selbst um ihre Absicherung kümmern müssen“, so Johna. 

In anderen Bundesländern sei es möglich, die Abläufe zentral über die Kassenärztliche Vereinigung mit einheitlichen Verträgen und Honoraren für Ärzte zu organisieren, in Hessen sei das nicht der Fall. Der Marburger Bund fordert daher auch hierzulande einheitliche Regelungen.

Impfung nach Priorität

Die bundesweite Einteilung der Priorisierungsgruppen teilt laut der Coronavirus-Impfverordnung (ImpfVO) verschiedene Bevölkerungsgruppe in drei Kategorien ein. Es wird unterschieden nach mit höchster, hoher und erhöhter Priorität. Folgende Personen werden genannt:
A. Schutzimpfungen mit höchster Priorität
ab dem 80. Lebensjahr
in Alten- und Altenpflegeeinrichtungen (Mitarbeiter und Bewohner)
Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste
Mitarbeiter in medizinischen Einrichtungen mit sehr hohem Covid-19-Expositionsrisiko (Intensivstationen, Notaufnahmen, Rettungsdienste)
Mitarbeiter in medizinischen Einrichtungen, in denen Personen behandelt werden, bei denen bei einer Covid-19-Infektion schwere beziehungsweise tödliche Verläufe erwartet werden (Hämatologie, Onkologie, Transplantationsmedizin)
B. Schutzimpfungen mit hoher Priorität
ab dem 70. Lebensjahr
mit besonderem Risiko eines schweren oder tödlichen Infektionsverlaufs (Trisomie 21, Demenz oder geistige Behinderung und Organtransplantierte)
in Obdachlosen- und Asylbewerberunterkünften
die im öffentlichen Gesundheitsdienst oder in besonders relevanter Position zur Aufrechterhaltung der Krankenhausinfrastruktur tätig sind
C. Schutzimpfungen mit erhöhter Priorität
ab dem 60. Lebensjahr
bei denen aufgrund einer bestimmten chronischen Vorerkrankung durch SARS-CoV-2 ein erhöhtes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf besteht
die in Bereichen medizinischer Einrichtungen mit niedrigem Expositionsrisiko in Bezug auf SARS-CoV-2 tätig sind
die in besonders relevanter Position in staatlichen Einrichtungen tätig sind (Regierungen und Verwaltungen, Streitkräfte, Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz, in Parlamenten und der Justiz)
die in besonders relevanter Position in weiteren Einrichtungen und Unternehmen der kritischen Infrastruktur tätig sind, etwa Apotheken, Pharmawirtschaft, Wasser- und Energieversorgung, Ernährungs- und Abfallwirtschaft, Transport- und Verkehrswesen, Informationstechnik, Telekommunikationswesen
Erzieher, Lehrer, Einzelhandel
mit prekären Arbeits- und/oder Lebensbedingungen, etwa Saisonarbeiter, Beschäftigte in Verteilzentren oder auch in der fleischverarbeitenden Industrie