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Marburg Die Auffrischung der Auffrischung
Marburg Die Auffrischung der Auffrischung
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11:57 13.05.2022
Wie sinnvoll ist die „Auffrischung der Auffrischung“ bei jungen Menschen? Die Öffentlichkeit ist verunsichert.
Wie sinnvoll ist die „Auffrischung der Auffrischung“ bei jungen Menschen? Die Öffentlichkeit ist verunsichert. Quelle: Moritz Frankenberg
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Marburg-Biedenkopf

Die Pandemie-Experten sind sich eigentlich einig: Eine vierte Corona-Impfung – der zweite „Booster“ also – ist für jüngere Menschen nicht empfehlenswert. Doch egal, wie eindeutig das Urteil der Ständigen Impfkommission (STIKO) auch ausfallen mag – das Thema wird landauf, landab diskutiert.

Für das Gesundheitsamt Marburg-Biedenkopf ist die Sache zurzeit eindeutig: „Was die vierte Impfung angeht, so folgen wir den Empfehlungen der Stiko“, sagt Sascha Hörmann von der Pressestelle des Landkreises. Das heißt, eine vierte Impfung kommt für Personen über 70 Jahre, Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen, Personen mit erhöhtem Risiko in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, für Personen mit Immundefizit und schließlich für medizinisches Personal und Pflegepersonal in Betracht. „Darüber hinaus ist eine vierte Impfung als Einzelfallentscheidung grundsätzlich möglich“, ergänzt Hörmann.

Renz empfiehlt Nutzen-Risiko-Abwägung

Auch die Marburger Medizinerin Dr. Ulrike Kretschmann sieht derzeit keinen Grund, jungen Menschen eine zweite Booster-Impfung anzubieten: „Mit 18 ist das Immunsystem gut aufgestellt – und außerdem wirken die jetzt zur Verfügung stehenden Impfstoffe nicht gegen die Omikron-Variante.“

Professor Harald Renz, Direktor des Instituts für Labormedizin am Uniklinikum Marburg, sagte am Donnerstag, 12. Mai, auf OP-Anfrage: „Wir wissen, dass der Impfschutz bei im Prinzip allen verfügbaren Impfstoffen nach einigen Monaten nachlässt. Wie lange der Impfschutz anhält, ob drei, sechs oder neun Monate, ist unterschiedlich berichtet in der Literatur.“

Auch bei einer zweiten Booster-Impfung müsse man eine Nutzen-Risiko-Abwägung vornehmen. „So ist beispielsweise bei Kindern der Corona-Verlauf zumindest mit Omikron relativ milde, so dass das Nebenwirkungsprofil in dieser Altersgruppe besonders zu berücksichtigen ist.“ Umgekehrt gelte, dass vulnerable Gruppen wie zum Beispiel die älteren und die mit weiteren Grunderkrankungen ein besonders hohes Risiko haben für schwere Verläufe. Renz wörtlich: „Für solche Personen-Kreise empfiehlt es sich dann auch, eine zweite Booster-Impfung durchzuführen; wenn man möchte, kann man vorher natürlich auch noch den Antikörperschutz einfach messen.“

Studie über Impfungen in Israel

Für eine Unschärfe in der Debatte hatte unter anderem Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gesorgt, als er Ende März auf aktuelle Studien verwies, wonach auch Menschen von einer vierten Impfung profitieren könnten, die noch nicht 70 Jahre alt sind, aber weitere Risikofaktoren vorweisen – Menschen über 60, die etwa unter Diabetes oder Bluthochdruck litten.

Im Zusammenhang mit den Coronaimpfungen richtete sich der Blick in den zurückliegenden zwei Jahren immer wieder auf Israel. Und genau von dort gibt es auch jetzt Untersuchungsergebnisse, die nahelegen, dass eine zweite Auffrischungsimpfung bei Menschen ab 60 Jahren das Risiko einer schweren Erkrankung zwar deutlich senkt, dass jedoch der Langzeitschutz vor einer Infektion schnell nachlässt: Der Schutz durch den zweiten Booster ließ laut der im Fachblatt New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie mit 1,25 Millionen Probanden über 60 Jahren nach sechs Wochen nach.

Wohl kaum Nutzen für Jüngere

Nach Informationen des ARD-Magazins „Brisant“ fanden israelische Forscher in einer weiteren Studie außerdem heraus, dass auch bei jüngeren Menschen die zweite Auffrischung kaum einen Nutzen zu haben scheint. In anderen Worten: Die Antikörperzahlen nach der zweiten Auffrischung seien vergleichbar mit denen nach dem ersten Booster.

Trotzdem gibt es Regionen in Deutschland, in denen Impfteams der Gesundheitsämter jüngeren Menschen die zweite Auffrischung als Bestandteil ihrer öffentlichen Impfkampagnen anbieten. Aus dem Landkreis Harburg etwa hieß es Anfang dieser Woche: „Die Impfkampagne wird ausgeweitet, ab sofort ist die zweite Auffrischimpfung für alle Menschen ab 18 Jahren möglich. Voraussetzung: Die Drittimpfung muss mindestens sechs Monate zurückliegen.“

Aktuelle Corona-Lage in Hessen

Die Corona-Lage in Hessen scheint sich zu entspannen. Alle Kennziffern zur Beurteilung der pandemischen Lage waren am Donnerstag, 12. Mai, niedriger als vor einer Woche:

Die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen lag nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) am Donnerstag in Hessen bei 599,7. Vor einer Woche hatte er noch leicht darüber bei 649,9 gelegen. Die höchste Inzidenz im Land hatte am 12. Mai der Kreis Waldeck-Frankenberg mit 909,7, die niedrigste die Stadt Offenbach mit 422,5.

Inzwischen wurde in Hessen die Marke von 10.000 Todesfällen überschritten. Am Donnerstag gab das RKI die Zahl der Menschen, die im Bundesland im Zusammenhang mit dem Virus gestorben sind, mit 10.032 an. In welchen Fällen Covid-19 die Haupttodesursache war und in welchen die Patienten an anderen Krankheiten starben und dabei auch coronapositiv waren, geht aus den Angaben der Krankenhäuser in der Regel nicht hervor.

Das hessische Sozialministerium hält die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz für eine wichtige Kennziffer. Sie gibt an, wie viele Menschen – bezogen auf 100.000 Einwohner – mit einer Corona-Infektion im Krankenhaus lagen. Am Donnerstag lag der Tageswert für Hessen bei 3,42. Eine Woche zuvor hatte er noch 4,42 betragen. Seit Ende April fällt die Kurve kontinuierlich ab.

Das Bettenbelegungssystem IVENA zeigte am Donnerstag 764 Betten auf den Normalstationen hessischer Kliniken an, die mit Covid-Patienten belegt waren. Vor einer Woche hatte die Zahl der Hospitalisierten noch bei 963 gelegen.

Auf den Intensivstationen der hessischen Kliniken lagen nach Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) am Donnerstag 83 Patienten mit dieser Diagnose. 28 von ihnen mussten künstlich beatmet werden. Vor einer Woche waren es noch 99 Patienten mit Covid-19 gewesen, davon waren 35 beatmungspflichtig.

Zuletzt stellten Covid-Patienten nur sechs Prozent der Intensivpatienten in Hessen. Die Kurve fällt bereits seit Anfang Dezember.

Von Carsten Beckmann

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