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Marburg „Mit der Impfung ist Corona nicht vorbei“
Marburg „Mit der Impfung ist Corona nicht vorbei“
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17:55 21.12.2020
Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer des UKGM Marburg, gibt ein Corona-Update rund um das Thema Impfungen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf wird es ein Impfzentrum geben. Doch wie ist der Stand bei den Impfstoffen? Die OP sprach mit Professor Harald Renz, Ärztlichem Geschäftsführer des UKGM Marburg.

Wie viele Impfstoffe befinden sich derzeit in der Entwicklung?

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Bei der Entwicklung von Impfstoffen werden verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen. Zunächst kommt die präklinische Entwicklung. Dazu gehören Zellkulturexperimente, die Testung der Kandidaten in Tiermodellen sowie toxikologische Untersuchungen. Danach geht es in die klinische Entwicklung, die üblicherweise in die Phase I (Untersuchung der Sicherheit bei verschiedenen Dosierungen), die Phase II (Nachweis von Wirksamkeit) und die Phase III (große Probanden- / Patientengruppen über längere Zeiträume hinweg behandelt und verfolgt) untergliedert werden können. Das Ergebnis der Phase III-Studien ist dann – mit allen anderen gesammelten Informationen – entscheidend für die Zulassungen.

In der Phase III befinden sich derzeit etwa zehn Impfstoffe aus verschiedenen Gruppen. Darüber hinaus sind annähernd 30 Studien in der Phase-I- und Phase-II-Prüfung. Hinzu kommen noch etwa 140 Impfstoffkandidaten in der vorklinischen Entwicklung. Es ist also davon auszugehen, dass im nächsten Jahr mindestens eine Handvoll Impfstoffe die Zulassung erreichen können, so dass sich die Frage stellt, welcher Impfstoff für welche Bevölkerungsgruppe geeignet ist.

Wie steht es um die Impfstoffe von BioNTech und Moderna?

BioNTech und Moderna haben jüngst ihre Ergebnisse zur Phase III-Studien veröffentlicht. BioNTech hat leicht die Nase vorn. Mittlerweile hat das Unternehmen gemeinsam mit seinem Partner Pfizer bei der US-Arzneimittelbehörde FDA eine Notfallzulassung für ihren Impfstoff beantragt. Und: Beide Firmen haben ein rasantes Tempo vorgelegt.

Wie kann es sein, dass das präklinische und klinische Entwicklungsprogramm in so kurzer Zeit durchlaufen werden konnte?

Das liegt im Wesentlichen daran, dass für diese Entwicklungsprogramme viel Geld zur Verfügung gestellt worden ist – von Investoren, aber auch von der Öffentlichen Hand. Normalerweise dauert die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten deutlich länger, wir rechnen eher mit 10+ Jahren, denn die Entwicklungsschritte laufen hintereinander ab. Man wartet also erst das Ergebnis einer Reihe ab, bevor der nächste Schritt freigegeben wird.

Hier wurden die einzelnen Studien und Phasen jedoch parallel abgearbeitet, um in kürzest möglicher Zeit brauchbare Ergebnisse vorzulegen. Aus Sicht der Investoren ist das riskant – am Ende des Tages winkt jedoch ein hoher Ertrag, denn wer frühzeitig zur Zulassung kommt, kann Hunderte von Millionen Impfdosen verkaufen.

Kritisch wird nun die Produktion: Jetzt geht es darum, was bisher im kleinen Maßstab nur für klinische Entwicklungsprogramme produziert wurde, so hochzufahren, um in kürzester Zeit gigantische Impfstoffmengen zu produzieren. Dies ist nicht nur eine logistische, sondern auch eine technologische Herausforderung. Hier sind wir natürlich besonders stolz, dass BioNTech seinen Impfstoff auch in Marburg herstellen wird. Ein Beispiel dafür, auf welchem international hohen Niveau hier Pharmafirmen in unserer Region aktiv sind!

Wie sieht es mit der Wirksamkeit dieser neuen Impfstoffe aus?

Es müssen zahlreiche Menschen geimpft werden – mit dem echten Impfstoff und genauso viele mit einem unwirksamen Placebo. Wenn Covid-19-Fälle auftreten, schaut man sich an: Waren die Fälle bei Geimpften und wie viele bei denen, die Placebo bekommen haben? Bei dem Moderna-Impfstoff kam man auf eine Wirksamkeit von knapp 95 Prozent. Die Studie von BioNtech ging zunächst von 90, mittlerweile von 95 Prozent Wirksamkeit aus. Die Studien laufen weiter, um weitere Daten einzubeziehen.

Wie sicher sind die Impfstoffe?

Oberstes Gebot für die Zulassungsbehörden ist die Sicherheit. Es wurden bisher nur leichte und moderate Nebenwirkungen beobachtet. Jeweils zwischen zwei und neun Prozent der Geimpften klagten über Schmerzen an der Injektionsstelle, Müdigkeit, Muskelschmerz, Kopfschmerz und Ähnliches. Es gibt bisher noch keine Informationen über sehr seltene Nebenwirkungen – bedingt durch die Anzahl der bisher Geimpften. Ebenso gibt es naturgemäß keine Langzeitdaten, und auch generell zur Anwendung von Boten-RNA-Impfstoffen im Menschen liegen keine Erkenntnisse umfänglich vor.

Wie geht es mit einer solchen Impfung dann jetzt weiter?

Es ist davon auszugehen, dass das beschleunigte Zulassungsverfahren durchaus positiv vielleicht noch dieses Jahr abgeschlossen werden kann. Dann wird es um die Frage gehen, wer zunächst prioritär geimpft werden soll. Zunächst ist übrigens nicht daran gedacht, Kinder zu impfen – und zwar aus mehreren Gründen: Vorschul- und Grundschulkinder zeigen in aller Regel nur milde Verläufe und tragen nach heutiger Erkenntnis heraus zum allgemeinen Infektionsgeschehen und dessen Ausbreitung auch nur relativ wenig bei (hierzu gibt es allerdings noch keine einheitliche Sichtweise in der Wissenschaft und auch unterschiedliche Einschätzungen). Ferner wäre es unethisch, einen Impfstoff sofort bei Kindern einzusetzen, da man erst bei Erwachsenen ausreichende Erkenntnisse gewinnen möchte, wie dies auch bei anderen Medikamenten und Impfstoffen der Fall ist.

Wird Corona nach einer Impfkampagne vorbei sein?

Nein. Obwohl die Wirksamkeit von 90 bis 95 Prozent deutlich über dem liegen, was wir zum Beispiel bei Influenza-Impfstoffen erwarten können, bedeutet dies immer noch, dass einer von 20 oder einer von 10 Geimpften nicht geschützt ist – und wir wissen nicht, wer. Daher werden wir mit den allgemeinen Schutz- und Abstandsmaßnahmen weiterleben müssen. Allerdings wird eine erfolgreiche Impfkampagne dazu führen, dass sich die Gesamtsituation für Beruf, Gesellschaft und privates Leben deutlich entspannt, aber vorbei sein wird es dann noch nicht.

Gibt es noch weitere Neuigkeiten zu anderen Impfstoffkandidaten?

Gerade hat AstraZeneca einen mit der Universität von Oxford entwickelten Vektorimpfstoff vorgestellt. Nun zeigt die Zwischenauswertung einer Phase II/III-Studie eine bessere Verträglichkeit bei älteren Erwachsenen im Vergleich zu jüngeren, bei einer vergleichbaren robusten Immunantwort. Das Mittel biete nach vorläufigen Studiendaten im Mittel einen 70-prozentigen Schutz vor Covid-19. Alles in allem also vielversprechend, aber noch ein weiter Weg zu gehen.

Von Andreas Schmidt