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Marburg Impfstoff soll in Marburg produziert werden
Marburg Impfstoff soll in Marburg produziert werden
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19:22 17.09.2020
Eine Mitarbeiterin von Biontech steht im Labor des Unternehmens. Biontech will seinen Corona-Impfstoff auch in Marburg produzieren, hat dazu das Novartis-Werk gekauft. Quelle: Stefan Albrecht/Biontech
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Marburg

Am Mittwochabend wurden die Verträge unterschrieben, am Donnerstagmorgen die Belegschaft in Marburg informiert: Für die Herstellung eines möglichen Corona-Impfstoffs will das Mainzer Unternehmen Biontech die Novartis-Produktionsstätte in Marburg übernehmen. Der Deal soll noch dieses Jahr abgeschlossen werden – vorausgesetzt, die Behörden stimmen zu. Über den Kaufpreis machten weder Biontech noch Novartis Angaben. Die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten in Marburg bleiben laut Novartis von der Übernahme unberührt. Biontech plant unter Vorbehalt der behördlichen Genehmigung, in dem Werk bereits im ersten Halbjahr kommenden Jahres bis zu 250 Millionen Dosen seines möglichen Corona-Impfstoffs herzustellen, der sich gerade in der letzten Studienphase mit 29 000 Probanden befindet.

„Wir übernehmen den gesamten Standort der Novartis in Marburg, um einer der größten Messenger-RNA-Produktionsstätten in Deutschland und Europa zu werden“, sagte Biontech-Finanzvorstand Dr. Sierk Poetting während der Pressekonferenz am Donnerstag (17. September). Der Zukauf „unterstreicht Biontechs Engagement, die Produktionskapazitäten erheblich zu erweitern, um nach Marktzulassung eine weltweite Versorgung mit einem potenziellen Impfstoff zu ermöglichen“, sagte Poetting.

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Novartis-Standort bietet beste Bedingungen

„Wir arbeiten eng mit Novartis zusammen, um einen reibungslosen Übergang zu ermöglichen.“ Man wolle „sofort anfangen“, den Corona-Impfstoff des Unternehmens in Marburg herzustellen. Dazu müsse die bestehende Novartis-Anlage sukzessive „voll ausgebaut und hochgefahren“ werden – Ziel sei es, ab dem kommenden Jahr 750 Millionen Impfstoff-Dosen jährlich zur Verfügung zu stellen. „250 Millionen Dosen wollen wir bereits im ersten Halbjahr 2021 produzieren“, so Poetting.

Der Novartis-Standort Marburg biete dafür beste Bedingungen: „Die Site ist voll ausgestattet zur Herstellung rekombinanter Proteine und für die Zell- und Gentherapie – wir können quasi direkt einziehen und mit den 300 hoch qualifizierten Mitarbeitern den Impfstoff hier produzieren.“ Der Impfstoff mit dem Namen „BNT162b2“ befindet sich gerade in der sogenannten „Phase-III-Studie“ – das heißt: Unter engmaschiger klinischer Überwachung wird der Corona-Impfstoff derzeit an rund 29 000 Probanden getestet – in Kooperation mit dem Pharma-Riesen Pfizer.

Mit der Übernahme des Produktionsstandorts Marburg wolle man sich „weitere Kapazitäten besorgen, um Anfang kommenden Jahres den Impfstoff zur Versorgung der Bevölkerung herzustellen“, so Poetting. Novartis habe in den vergangenen Jahren erheblich in den Standort Marburg investiert (die OP berichtete), „es gibt voll ausgestattete Bio-Reaktoren, die wir gleich nutzen können zur Boten-RNA-Herstellung“, erläuterte Poetting. Auch gebe es Zellkultur-Labore, Lagermöglichkeiten – und die Mitarbeiter seien mit allen wesentlichen Prozessen vertraut, sodass sie direkt einsteigen könnten.

Die Impfstoff-Produktion läuft in vier Schritten ab – drei davon finden künftig in Marburg statt. Zunächst wird die sogenannte „Boten-RNA“ in Bio-Reaktoren hergestellt. Danach wird das entstandene Produkt aufgereinigt. Im dritten Schritt wird die Boten-RNA mit bestimmten flüssigen Nano-Partikeln gemischt, um letztlich den fertigen Impfstoff zu erhalten. Lediglich die Abfüllung findet nicht in Marburg statt.

Professor Ugur Sahin, Mitgründer und CEO von Biontech, sagte: „Wir erwarten, dass wir durch die Studie Ende Oktober, vielleicht auch Anfang November, Wirksamkeitsdaten haben werden. Und falls diese positiv sein sollten, werden wir eine Zulassung beantragen.“

Es läuft eine der größten Impfstoff-Studien

Der Impfstoff zeige in den klinischen Tests bisher eine „sehr gute Verträglichkeit mit milden bis moderaten Nebenwirkungen, die vor allem darauf basieren, dass das Immunsystem stimuliert wird“, sagte Sahin. Dazu gehörten etwa temporäre Schmerzen an der Injektionsstelle oder Fiebersymptome, „die aber temporär sind“. Die Probanden stammen hauptsächlich aus den USA, Brasilien und Argentinien, weil dort das Infektionsgeschehen entsprechend hoch sei. Doch auch in Deutschland wird der Impfstoff getestet – und die Tests sollen auf die Türkei und Südafrika ausgeweitet werden.

Sahin verdeutlichte, dass es sich um „eine der größten Impfstoff-Studien“ handele. „Damit sind wir auch in der Lage, seltene Nebenwirkungen zu erkennen. Wenn in dieser Studie sich herauskristallisiert, dass der Impfstoff sicher ist, können wir mit einer sehr hohen statistischen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass er auch in einer breiten Population sicher sein wird.“ Wenn die ersten Impfstoff-Dosen hergestellt wurden – wer wird dann die ersten Lieferungen erhalten? Dazu sagte der CEO, dass es bestehende Lieferverträge mit den USA, der EU, England und Japan gebe. „Wir möchten in 2020 bis zu 100 Millionen Dosen Impfstoff herstellen, von denen ein Teil in die USA gehen wird. Und wenn wir eine Zulassung in Europa oder Deutschland bekommen, dann natürlich auch in Europa.“ Produziert werde jedoch bereits vor einer möglichen Zulassung, um eine schnellstmögliche Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.

Doch Marburg soll nicht nur zur Impfstoff-Produktion einen Beitrag leisten. „Wir wollen auch die vorhandenen Zell- und Gentherapien erweitern, das Thema Virale Vektoren vorantreiben und die Antikörper-Programme, die in Marburg gemacht werden, auf unsere umstellen und erweitern sowie weitere Innovationen nach Marburg bringen“, sagte der Finanzvorstand.

So sollen künftig auch Krebs-Impfstoffe, die derzeit in Mainz und in Idar-Oberstein hergestellt werden, in Marburg produziert werden. „Neben dem primären Fokus der Impfstoff-Herstellung werden wir die Site mit allen Technologien, die sie bietet, für unsere anderen Programme, die wir in der Pipeline haben, benutzen“, sagte Poetting. Dabei spiele auch eine Rolle, dass Marburg weitere Erweiterungsmöglichkeiten biete.

Heinrich Moisa, Geschäftsführer von Novartis Deutschland, sagte: „Wir sind davon überzeugt, dass Biontech die richtigen Voraussetzungen vorfindet, um mitzuhelfen, die aktuell wohl größte globale Herausforderung zu bekämpfen und den Pharmastandort Marburg als wichtigen Teil der Pharma- und Impfstoffproduktion in Deutschland und Europa zu stärken.“

Hintergrund

So wirkt der Biontech-Impfstoff

Bei der Impfung mit einem RNA-Impfstoff – so, wie ihn Biontech entwickelt hat – wird die genetische Information für den Bau eines ungefährlichen Erregerbestandteils mittels Injektion beispielsweise in den Muskel verabreicht. Die RNA wird in einige Körperzellen der geimpften Person aufgenommen. Diese Körperzellen nutzen die genetische Information der RNA zum Bau des Erregerbestandteils. Die so im geimpften Menschen produzierten Erregerbestandteile sind nicht infektiös und lösen auch keine Erkrankung aus. Das menschliche Immunsystem erkennt den fremden Erregerbestandteil und betrachtet die Zellen, die diesen Erregerbestandteil gebaut haben, als vermeintlich infizierte Zellen. Es baut eine schützende Immunantwort gegen den Erreger auf, die im Falle einer Exposition die Infektion oder zumindest die Infektionskrankheit verhindert oder ihren Verlauf abmildert.

Quelle: Paul-Ehrlich-Institut

von Andreas Schmidt