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Marburg 1 000 Nadelstiche gegen die Pandemie
Marburg 1 000 Nadelstiche gegen die Pandemie
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20:58 27.06.2021
Der 67-jährige Walter Waibel, der aus gesundheitlichen Gründen vom Tragen einer Maske befreit ist, bei der Registrierung mit Adrian Rinke.
Der 67-jährige Walter Waibel, der aus gesundheitlichen Gründen vom Tragen einer Maske befreit ist, bei der Registrierung mit Adrian Rinke. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Mit einer groß angelegten Aktion sollten am Sonntag 1 000 Marburger in der Richtsberg-Gesamtschule geimpft werden. Die Idee: Die Schule wird zum provisorischen Impfzentrum – in den ersten Stunden sollen Bewohner des Richtsbergs, aus dem Waldtal und dem Stadtwald sowie Stadtpass-Inhaber den wichtigen Piks gegen Covid-19 erhalten – dann dürfen auch alle anderen Marburger kommen. Geimpft wurde, so lange der Vorrat reicht.

„Ohne Anmeldung und den ganzen Zinnober“

Im wahrsten Wortsinne aus dem Boden gestampft wurde die Aktion von der Marburger Allgemeinmedizinerin Dr. Ulrike Kretschmann. Wobei die Medizinerin betont: „Das war nicht meine Idee, sie stammt von einem Kollegen in Speyer, der das dort in einer Riesen-Aktion durchgezogen hat.“ Also bestellte sie 1 000 Dosen des Vakzins von „Johnson & Johnson“– ein Vektor-Impfstoff, der einen großen Vorteil hat: Es ist lediglich eine Impfung notwendig. „Das ist charmant, und wir sind vor Ort, sodass es für die Leute leichter ist, zu kommen – ohne Anmeldung und den ganzen Zinnober, sich Termine zu machen. Die Menschen können kommen und sind geimpft.“

Am späten Vormittag war die Ärztin noch nicht ganz mit dem Zuspruch zufrieden. Zwar hätte es zu Beginn der Aktion bereits eine Schlange vor der Schule gegeben, doch dann riss der Zuspruch ab, „ich wünsche mir deutlich mehr“, sagt sie.

Lautsprecher-Durchsagen weisen auf Aktion hin

Doch klar ist für sie auch: Wenn die 1 000 Dosen verimpft werden, dann ist die Aktion ein Erfolg, „dann könnte sie wiederholt werden“. Damit mehr Menschen kommen, fährt auch das THW durch die Straßen, weist mit Lautsprecher-Durchsagen auf die Aktion hin. Und das in mehreren Sprachen. Dabei kam es allerdings auch zu unschönen Szenen, wie der THW-Ortsbeauftragte Jörg Linne am Sonntagabend berichtet. Die Ehrenamtlichen des THW seien zwar teils bejubelt worden - „von einigen Zeitgenossen aber auch beschimpft und mit Gegenständen beworfen“, sagt Linne. „Das finde ich total blöd.“

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) schaut trotz seines Geburtstags bei der Aktion vorbei. „Es ist wichtig, dass wir ein niedrigschwelliges Angebot machen können“, freut er sich.

Im Vorfeld der Aktion wurde gegenüber der OP Kritik geäußert, dass während der Aktion Männer ab 22 Jahren und Frauen ab 40 Jahren das Vektor-Vakzin verabreicht wird – die „Ständige Impfkommission“ (Stiko) hat für den Impfstoff die Empfehlung ausgesprochen, Personen ab 60 Jahren mit ihm zu impfen. „Zugelassen ist der Impfstoff ab 18 Jahren“, sagt Kretschmann.

Leonie Brandt, Michaela Krempl und Christiane Kempf (DRK-Schwesternschaft) ziehen die Spritzen mit Impfstoff auf. Quelle: Thorsten Richter

Dennoch habe sie das Alter bei Frauen bewusst auf 40 angehoben, denn: „Wenn die Hormone dann noch so aktiv sind – Pille, Rauchen und ein Vektor-Impfstoff, das ist doch ein bisschen viel.“ Daher hat sie noch einen Wunsch: „Eine Aktion nur für Frauen bis 40 Jahre – und dann mit Biontech.“ Das wären zwar zwei Impftermine, „aber die einzige Chance, die wir haben“.

Auch wenn der Zuspruch am Anfang etwas verhalten war: Die Menschen, die kommen, sind zufrieden. Die OP begleitet Nick Krüll auf seinem Weg durchs Zentrum. Warum lässt er sich impfen? „Ich arbeite im Rewe Erlenring mit vielen Menschen zusammen. Da könnte eine Erkrankung sehr schlecht sein“, sagt er.

„Sie sollten heute keinen Marathon laufen“

Vorher hat er sich noch nicht um einen Impftermin bemüht, „das war Zufall, ich habe von einem Freund von der Aktion erfahren“. Der hatte nämlich den Flyer zuhause, mit dem die Aktion beworben wurde. Also stand für Krüll fest: „Da gehe ich hin.“

Nick Krüll (21 Jahre) nach der Impfung Quelle: Thorsten Richter

Der „Papierkram“ im Außenbereich, also etwa die Formulare mit den Gesundheitsfragen, macht dem jungen Mann ein wenig zu schaffen. „Das ist nicht so meins“, gibt er zu. Doch es gibt Hilfe – und dann geht es zur Anmeldung.

Städtische Mitarbeiter – von Ordnungsamt ebenso wie etwa von der Ausländerbehörde, überprüfen die Papiere, fragen nach, erläutern das weitere Prozedere. Die anfängliche Unsicherheit von Nick Krüll schwindet merklich, „es sind alle sehr freundlich und erklären auch geduldig“.

Dann kommt das Aufklärungsgespräch. Dr. Ilona Ludwig erläutert Krüll, dass er nach der Impfung als normale Reaktionen neben Schmerzen an der Einstichstelle auch Kopfschmerzen bekommen könne. „Und Sie sollten heute keinen Marathon laufen oder Bierkisten schleppen“, scherzt sie. Auch auf später mögliche Nebenwirkungen weist sie hin. „Und wenn die auftreten, gehen Sie zum Arzt“, verdeutlicht sie.

„Ich muss wegschauen, ich kann keine Nadeln sehen“

Nick Krüll darf weiter. Jetzt bekommt er endlich den ersehnten Piks. „Ich muss wegschauen, ich kann keine Nadeln sehen“, sagt er. „Ich auch nicht“, scherzt Susanne Schmitt-Neubert von der DRK-Schwesternschaft Marburg. Binnen weniger Sekunden hat Krüll seine Impfung bekommen, ein Pflaster ziert seinen linken Oberarm. Nur dass er jetzt noch eine Viertelstunde warten muss – falls direkte Impfreaktionen auftreten –, behagt ihm nicht so sehr, er will lieber wieder raus. Aber geduldig sitzt er seine Zeit ab, holt sich direkt vor Ort noch den QR-Code über seine Impfung und hat es dann geschafft. „Anfangs war ich etwas unsicher“, gibt er zu, „aber ich habe alle Antworten auf meine Fragen bekommen.“ Und zwar so, dass er es verstehen konnte, „ohne fachliche Ausdrücke, das hat mir sehr gefallen. Das war alles sehr gut.“

Immer gut gelaunt und trotz Hitze mit Spaß

Sehr gut, die Beteiligten mit Spaß bei der Sache – und vor allem endlich geimpft: Das ist der Tenor der „Impflinge“, die die Schule wieder verlassen. Der Personaleinsatz dafür war nicht zu verachten: Von der Security über das Technische Hilfswerk, die städtischen Helfer bei der Anmeldung, Übersetzer und Ärzte bis hin zur Schwesternschaft waren weit mehr als 65 Personen im Einsatz. Immer gut gelaunt und trotz zunehmender Hitze mit Spaß. Warum? Die Frage stellt sich für Christiane Kempf, stellvertretende Vorsitzende der DRK-Schwesternschaft, nicht: „Man merkt bei einigen Menschen schon, dass sie ängstlich reinkommen.“ Sie und ihr Team würden alles dafür tun, diese Angst abzubauen.

Daher sei es auch kein Problem gewesen, den Dienstplan für die beiden Schichten am Sonntag zu füllen. Ihre Motivation, mitzumachen, erklärt Julia Lindeholz, Gesundheits- und Krankenpflegerin der Schwesternschaft: „Ich möchte gerne etwas gegen die Pandemie tun. Deswegen bin ich heute hier.“ Nach der Impfung seien die Menschen „erleichtert, dass sie jetzt ein Stück Normalität zurückbekommen“.

Von Andreas Schmidt

27.06.2021
27.06.2021