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Marburg „Impf-Reihenfolge nicht nach Systemrelevanz festlegen“
Marburg „Impf-Reihenfolge nicht nach Systemrelevanz festlegen“
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12:39 11.12.2020
Der Theologie-Professor Peter Dabrock war von 2012 bis in das laufende Jahr Mitglied des Deutschen Ethikrats. Er lehrte an der Philipps-Universität Marburg und spricht im OP-Interview über die Reihenfolge der anstehenden Corona-Impfungen: Welche Personen kommen eigentlich nach den Risikogruppen dran? Quelle: Foto: Giulia Iannicelli
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Marburg

OP-Interview mit dem Theologie-Professor Peter Dabrock, der an der Philipps-Universität in Marburg lehrte und zwischen 2012 und 2020 Vorstandsmitglied des Deutschen Ethikrats war.

Wie sollte die Reihenfolge bei der Corona-Impfung sein?

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Professor Peter Dabrock: Zuerst sollten die geimpft werden, die es medizinisch am nötigsten haben und am meisten gefährdet sind – also die Älteren. Gleichsam diejenigen, die direkt am und mit Menschen, an Infizierten, dann die, die mit Hochrisikogruppen arbeiten –also etwa Krankenpflegerinnen, Ärzte. Das ist, glaube ich, ein breit getragener Konsens. Wie die Priorisierung nach diesen Gruppen sein sollte, ist hingegen heikel und birgt gesellschaftlichen Sprengstoff. Es darf nach den Risikogruppen und den sie Betreuenden keine Neiddebatte aufkommen. Das kann aber allen Solidaritäts- und Gedulds-Appellen zum Trotz schnell passieren, wenn man sich wieder nach der Kategorie der Systemrelevanz richtet. Das ist zunächst ein diskriminierender Begriff, er spaltet die Gesellschaft. Besser wäre es, die Impf-Reihenfolge anhand einer Skala festzulegen, welche die für die jeweilige Berufsausübung notwendige Zahl der Kontakte, deren Umfang und Regelmäßigkeit als Maßstab hat. Dass also das Ausgesetztsein eines Infektionsrisikos, die Exposition, die Systemrelevanz ersetzt. In der Logik ist die Kassiererin, die allen Plexiglasscheiben zum Trotz viel und nahen Kontakt zu fremden Menschen hat, vor dem Müllwerker dran, der wichtige Arbeit macht, aber weit weniger direkten Kontakt zu Fremden hat. Lehrer in weiterführenden Schulen kämen so vor Hochschullehrern an die Reihe, da sie für ihre Berufsausübung notwendigerweise direkt mit vielen Kindern, nicht mit Studenten zu tun haben.

Erste Airlines wollen Kunden nur nach Impfung befördern, es wird über Eintritte zu Kulturveranstaltungen nur mit Immunitäts-Nachweis gesprochen – ist das eine Impf-Pflicht durch die Hintertür?

Dabrock: Da der Ethikrat eine Impfpflicht bei Masern abgelehnt hat, wo eine Herdenimmunität erst bei 97 Prozent erreicht wird, kann man bei Covid – wo es wohl 60 bis 70 Prozent braucht – in Bezug auf eine Pflicht gelassener sein. Der entscheidende Punkt, von dem auch alle weiteren Schritte – auch die Frage, ob so etwas wie mit den Airlines überhaupt möglich ist – abhängen, ist: Verhindert der Impfstoff die Übertragung oder beeinflusst er den Schweregrad der Erkrankung. Wenn nur Stärke und Verlauf der Erkrankung gemildert werden, bleibt mit Corona bis zum Durchimpfen der Bevölkerung nahezu alles so, wie es dieses Jahr mit den Maßnahmen war und ist. Erst wenn ein Vakazin wissenschaftlich bewiesen die Transmission von Covid länger anhaltend verhindert, kommen Themen wie Impfpflicht wie auch Immunitäts-Ausweis auf das Tableau.

Aber so verstellt man doch Teilhabe, verwehrt mitunter unbegrenzt lange Grundrechte.

Dabrock: Ich bin überzeugt davon, dass die Debatte und auch eine politische Entscheidung zu Impf- oder Immunitätsnachweisen auf uns zukommen wird. Das wird sehr brisant. Denn nehmen wir an, die Impfung verhindert eine Übertragung und man muss nicht alle paar Wochen nachimpfen: Unter dieser Bedingung kommen wir in ein riesiges gesellschaftliches Problem, laufen auf eine den sozialen Zusammenhalt und damit letztlich Demokratie bedrohende Gefahr zu. Denn es wird genug geben, die, wenn sie geimpft sind, auf die Gewährung ihrer Grundrechte – Entfaltung der Persönlichkeit, Bewegungs- und Versammlungsfreiheit – pochen werden, egal, wie es um andere steht. Und sie ihnen staatlich zu verwehren, würde abgesehen von dem Geist der deutschen Verfassung auch gegen die Praxis der Rechtsprechung in den vergangenen Jahrzehnten, sprich die Standards von Autonomie und Selbstbestimmung des Individuums, laufen. Gefährliche Spaltungen drohen, wenn es nicht gelingt, Schönes und Lebenswertes möglichst allen zu ermöglichen. Auch denen, die noch nicht geimpft sind. In der Übergangszeit bis weit in 2021 muss ein Weg gefunden werden, wie letztlich alle etwa an Kultur oder Sport, an Veranstaltungen teilhaben können. Da braucht es breit verfügbare, günstige Schnelltests.

Einige befürchten, dass ihre Rechte in der Pandemie zu sehr beschnitten werden. Die Impf-Frage trägt da nicht zur Beruhigung bei. Ihr Eindruck: Funktioniert der Rechtsstaat noch ausreichend?

Dabrock: Der Versuch, politisch und rechtlich mit der Pandemie zurechtzukommen, ist wie eine Expedition im unbekannten Gelände – für alle. Da gibt es nicht den bekannten Pfad. Wir sollten also ehrlich und gnädig mit allen, die Verantwortung tragen sein. Dennoch müssen Entscheidungen immer wieder schnell gefällt werden. Jetzt sehen wir, dass trotzdem die Infektionszahlen auf hohem Niveau bleiben – samt der dramatischen Folgen im Krankenhaussystem. Wenn das so weiterginge, wenn eventuell gar nichts oder weniger gemacht würde, hätte das im Übrigen auch schlimme Folgen für vulnerable Gruppen. Dennoch muss um die Frage, wie viel Gesundheitsschutz auf Kosten von wie viel Freiheit nötig ist, immer neu gerungen werden. Die Debatte, der Streit unterscheidet die Demokratie, die freiheitlichen Gesellschaften von Diktaturen und Autokratien. Natürlich muss irgendwann entschieden werden. Aber bei jedem müssen alle Alarmglocken angehen, wenn jemand eine Diskussion – ja, auch und gerade über den Umgang mit der Corona-Pandemie – unterdrücken will. Wir hatten seit Frühjahr nicht zu viel, sondern zu wenig Kontroverse. Deshalb ist, man schaue etwa auf die Demonstrationen, viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit kaputt gegangen. Bei der Priorisierung der Impf-Reihenfolge muss jedenfalls eine Parlamentsdebatte her. Die Krise ist eben nicht die Stunde der Exekutive, sie ist die Stunde der demokratischen Politik – nur so entsteht Legitimation und Akzeptanz. 

Der nächste harte Lockdown steht bevor. Was ist die Gefahr?

Dabrock: In der Gesamtschau mag das nun die richtige Maßnahme sein, aber ich möchte den Blick auf eine gesellschaftliche Bruchlinie lenken, die mir besondere Sorge bereitet: die gefährliche Konfliktlinie Alt gegen Jung. Man darf sich nicht vertun: Die Opfer, die die junge Generation seit Monaten und noch für Monate bringt – die bewundernswerte Solidarität trotz geringer Gefährdung – sind immens. Ihnen geht es doch nicht um Partys, es geht um Verzicht auf Entwicklung, um Verbot von dem, was alle Älteren hinter sich und genossen haben: Erfahrungen, sich selbst zu erleben und zu finden. Dazu kommen die enormen Belastungen von Familien, von Home Schooling über Jobverlust-Angst bis zur Sorge um die Zukunftschancen der Kinder. Denn für die U40-Generation kommt es ganz hart, sie stehen vor ganz schweren Jahrzehnten. Sie müssen die finanziellen Folgen der Pandemie tragen – das Ganze gepaart mit der Klimafrage. Die neue Normalität muss viel stärker mit dieser Generation ausgehandelt werden, also müsste man sie, ihre Belange auch viel stärker bei politischen Entscheidungen einbinden, als man das in der Regel tut. Es wird dann Zeit, dass wir Älteren mehr zurückgeben.

Von Björn Wisker