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Marburg Corona-Hilfen in Marburg: Viele Helfer, wenig Bedarf
Marburg Corona-Hilfen in Marburg: Viele Helfer, wenig Bedarf
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08:57 14.04.2020
Hilfe für Risikogruppen, Alleinerziehende oder Familien: Ria geht mit einem vollen Einkaufskorb durch die Oberstadt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die einen sind pünktlich zum Marburg-Lockdown einfach mal mit spontaner Nachbarschaftshilfe gestartet, die anderen gingen während der Corona-Krise generalstabsmäßig an das Thema Bürgerunterstützung heran. Die einen hängten quer durch die Stadt Plakate auf, die anderen feilten an Konzepten.

Mittlerweile haben sich die Amateure um Simon Peters und die Profis in der Stadtverwaltung um Johannes Maaser und Doris Heineck nicht nur ausgetauscht und besprochen, sie arbeiten auch direkt zusammen – und ziehen nach den ersten Wochen eine positive Zwischenbilanz.

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„Die Leute zusammen zu bekommen, war fast ein Selbstläufer, man will helfen, wo und wie man kann“, sagt Peters. In den vergangenen drei Wochen seien auch je mehr als 20 Hilfesucher pro Woche aufgenommen und für sie Erledigungen gemacht worden, Tendenz steigend.

Einkaufen, Gassi gehen und Hausaufgabenhilfe

„Die Härten gehen wohl über die Zeit erst richtig los, für viele dürfte es von Tag zu Tag etwas schwieriger werden – wir waren, sind und bleiben jedenfalls für alle, die es brauchen, da“, sagt der 37-Jährige. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Risikogruppen, vor allem Alleinerziehenden und Familien wolle man „die Belastungen abnehmen, die man ihnen abnehmen kann“.

Neben Einkäufen, mit Haustieren spazieren gehen und dem Bestücken eines Gabenzauns in der Innenstadt hat sich auch das Angebot einer Hausaufgabenhilfe für Schüler herausgebildet. Außerdem werden Gesichtsmasken genäht, Anleitungen erstellt und es wird bei der Tafel in deren Notausgabe in der Beltershäuser Straße ausgeholfen.

130 Helfer in städtischer Datenbank

Auch aus Sicht der Stadt, der Freiwilligenagentur sieht Doris Heineck in Marburg „weit mehr Helfer als Hilfsbedürftige“ – aber man stelle sich auf eine steigende Nachfrage ein. „Es gilt so oder so die Richtigen zusammenbringen, um eine gute Unterstützung zu gewährleisten.“ Ihr liegt an einem „koordinierten Vorgehen“, um für alle Beteiligten die Sicherheit – das gilt für Infektionsschutz ebenso wie für Diebstahl – zu maximieren.

In der städtischen Datenbank gibt es aktuell 130 Helfer und mehr als 30 registrierte Hilfesucher, die laut städtischem Konzept in Pärchen funktionieren sollen. Der Grund: Für den Fall einer Corona-Ansteckung hält sich so die Infektionskette, die Kontaktpersonen-Suche simpler – und vor allem schafft es – Stichwort Bargeld für Einkäufe – Vertrauen, Verbindlichkeit, Sicherheit.

Ansteckungsgefahr und Missbrauch vermeiden

„Erstmal sind ja alle einander fremd“, sagt Maaser. Und auch in Mittelhessen seien bereits Betrügerbanden unterwegs, die vorgeben Corona-Tests durchzuführen. Es gibt aber auch grundsätzliche Erwägungen beim Ordnungsamt: „Damit das zivilgesellschaftliche Engagement sich länger trägt, es auf Dauer bestehen bleibt und nicht ebenso schnell abebbt wie es angefangen hat, benötigt auch Ehrenamt ein Gerüst, eine Struktur.“

Angedockt sind Peters und Co. neben dem Koordinationsgedanken der Hilfe vor allem bei der Suche nach und dem Erfüllen von gewissen Standards und Richtlinien, vor allem um Corona-Ansteckungsgefahren zu minimieren und Missbrauch zu vermeiden. So gab es bei der einstigen Online-Karte der Nachbarschafts-Gruppe, wo viele persönliche Daten offen einsehbar waren, große Datenschutzprobleme. Da kamen Profis wie Maaser genau richtig.

Städtisches Modell „nicht liberal genug“

Doch die über den Handy-Nachrichtendienst Telegram entstandene Bürgergruppe, der mittlerweile mehr als 600 Marburger angehören, will sich nicht zu sehr bürokratisieren lassen.

Denn der Sicherheitsweg der Stadt erfolgt über eine persönliche Registrierung, einmalige Ausweiskontrolle und Helferausweis-Erstellung – das ist vielen von ihnen „nicht liberal genug, wir denken, die Behörden müssen nicht wissen, wer wann wo zur Hilfe war und die Helfer so überwachen“.

An die gemeinsamen Infektionsschutz-Standards und Handlungsrichtlinien werde sich aber jeder halten. Die Initiatoren haben nun auch einen Verein - Name: „Solidarburg“ –gegründet, um etwa Spenden entgegennehmen zu dürfen.

„Gut gemeint, nicht gut gemacht“

Psychotherapie-Patienten, Flüchtlinge, Bildungsbenachteiligte: Noch gebe es zwar „blinde Flecken“ beim städtisch koordinierten Hilfsangebot, aber auch für diesen Bereich seien Fach-Hilfsangebote in Arbeit. „Es muss uns gelingen, Isolierung zu kompensieren, um die Situation für einige Gruppen nicht weiter zu verschlechtern“, sagt Maaser.

Neben Einkäufen und Gesprächen führen, sind zuletzt von den bei der Stadt registrierten Freiwilligen – darunter viele aus den Parteijugenden –nach entsprechenden Hilferufen auch Rezepte beim Arzt abgeholt oder Apotheken-Besorgungen erledigt worden.

Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) warnt indes vor einem „Gut gemeint, nicht gut gemacht“-Trend: Etwa die Gegenstände an den Spendenzäunen, „die eine Virenbelastung haben können und somit eher gefährlich als hilfreich sind“.

Von Björn Wisker

Hilfe-Hotlines

Telefonnummer der Stadt: 06421/2012000.

Telefon-Hotline der Telegram-Gruppe (wochentags von 10 bis 14 Uhr): montags 0157/32281334, dienstags und donnerstags unter 0157/33360918, mittwochs und freitags unter 0157/33360915. E-Mail: kontakt@solidarburg.de, Karte auf www.solidarburg.de.

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