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Marburg „Man muss sehr vorsichtig sein“
Marburg „Man muss sehr vorsichtig sein“
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15:56 28.05.2020
Nasen-Rachen-Abstriche und Blut von gesunden Personen wurden für die Studie getestet. Quelle: Martin Meissner/dpa/Themenfoto
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Marburg

Seit Ausbruch der Pandemie gibt es täglich veröffentlichte Fallzahlen, die Aufschluss über die Verbreitung der Infektionen hierzulande und in der Welt geben.

Nach wie vor unbekannt ist allerdings die Anzahl derjenigen, die diese Erkrankung bereits unerkannt durchgemacht haben. Aus diesem Grund hat ein Konsortium unter Beteiligung des Marburger Virologen Professor Stephan Becker eine Studie initiiert, die in einer größeren Gruppe die Anzahl der bislang unbekannten Fälle bestimmte.

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Hierzu wurden 1.000 gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Infraserv Höchst durch einen Nasen-Rachen-Abstrich für den Nachweis einer akuten Infektion sowie Blutproben derselben Gruppe auf das Vorliegen einer früher durchgemachten Infektion getestet.

Das Resultat: Bei einem Teilnehmer wurde eine akute SARS-CoV-2 Infektion nachgewiesen und bei weiteren fünf Personen waren die Serumproben Antikörper-positiv, was als Nachweis einer bereits abgelaufenen Infektion gewertet wird.

Infiziert aber nicht krank?

Zwei der so genannten seropositiven Personen wussten bereits vorher, dass sie die Erkrankung durchgemacht hatten. Somit ergab die Studie, dass vier von sechs positiv getesteten Teilnehmern nichts von ihrer Infektion wussten.

Das Konsortium besteht aus der Medizinischen Virologie des Uni-Klinikums Frankfurt am Main, dem Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg, dem DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg – Hessen, dem Arbeitsmedizinischen Zentrum der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Frankfurt am Main und dem Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main.

„Diese Studie gibt Hinweise darauf, wie viele Menschen eine SARS-CoV-2 Infektion haben oder hatten, ohne es selbst bemerkt zu haben“. Die Ergebnisse der Wissenschaftler sprechen für eine geringere Infektionsrate in der Bevölkerung im Rhein-Main-Gebiet, heißt es in einer Mitteilung des Konsortiums.

Der Teufel liegt im Detail

Im Vergleich zu Studien aus anderen Regionen in Deutschland wie zum Beispiel im Landkreis Heinsberg zeigt sich, wie lokal unterschiedlich die Durchseuchung in Deutschland ist“, erklärte Professorin Sandra Ciesek, Direktorin der Medizinischen Virologie des Uni-Klinikums Frankfurt am Main.

„Es ist ganz entscheidend, durchgemachte Infektionen durch die schon bekannten Coronaviren und durch das neue SARS-CoV-2 zu unterscheiden. Eben das zeigen die Ergebnisse der Studie", ergänzte Professor Stephan Becker vom Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg.

„Entsprechende Folgeuntersuchungen sind sinnvoll, um ein komplettes Bild des Verteilungsmusters zu erhalten", sagte Professor René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes der Stadt Frankfurt am Main.

Noch regionale Studien nötig

„Ich möchte mich ausdrücklich bei all den 1.000 Mitarbeitern bedanken, die sich nach unserem Aufruf freiwillig gemeldet und dazu beigetragen haben, dass wir weitere wissenschaftliche Ergebnisse zur Bewertung der Corona-Pandemie bekommen. Mein Dank geht natürlich auch an unser Team des Arbeitsmedizinischen Zentrums, das an 5 Werktagen bei 1.000 Personen jeweils einen Nasen-Rachen-Abstrich und eine Blutentnahme durchgeführt hat. Das war eine tolle Leistung“, so Dr. Martin Kern, Leiter Arbeits- und Gesundheitsschutz bei der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG.

„Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man diese Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung übertragen möchte“, erklärte der Marburger Virologe Stephan Becker. Es seien viele regionale Studien nötig, um ein Gesamtbild zu bekommen. Zudem sei es entscheidend, durchgemachte Infektionen durch die schon bekannten Coronaviren und durch das neue SARS-CoV-2 zu unterscheiden. So hatte es zunächst 29 Verdachtsfälle unter den 1.000 Studienteilnehmern gegeben, von denen aber nach aufwendigen Tests nur sechs übrig blieben.

Von Manfred Hitzeroth und unserer Agentur

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