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Marburg Heimischer Handel mit starken Umsatzeinbußen
Marburg Heimischer Handel mit starken Umsatzeinbußen
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18:00 12.11.2021
Die Schließungen wegen Corona haben den heimischen Handel stark belastet – in Marburg wurde der Effekt zumindest durch das „Stadtgeld“ leicht gemildert.
Die Schließungen wegen Corona haben den heimischen Handel stark belastet – in Marburg wurde der Effekt zumindest durch das „Stadtgeld“ leicht gemildert. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Corona-Pandemie hat dem Einzelhandel stark zugesetzt – dieses Ergebnis einer repräsentativen Studie der Commerzbank, bei der zwischen Juni und August bundesweit 3 500 Einzelhändler mit einem Jahresumsatz bis 15 Millionen Euro befragt wurden, ist nicht überraschend. Doch beurteilen die 100 in Mittel- und Osthessen befragten Händler ihre Lage besser als der Bundesdurchschnitt. Demnach mussten 39 Prozent der heimischen Einzelhändler im Zuge der Corona-Krise starke Umsatzeinbußen hinnehmen – bundesweit waren es 47 Prozent.

Warum geht es den Händlern in der Region geringfügig besser? „Eine Ursache dafür ist die stärkere Solidarität der Kundschaft mit den Unternehmen in der Region“, sagt Steffen Kalbfleisch, Leiter der Abteilung Unternehmenskunden bei der Commerzbank Marburg/Gießen, im Gespräch mit der OP. In Marburg wurde der Handel sogar explizit durch gleich zwei Projekte gestützt: Zum einen durch das Marburger „Stadtgeld“, bei dem jeder Marburger Erwachsene einen lokal einlösbaren Gutschein über 20 Euro und Kinder über 50 Euro erhalten hatten – eine Stütze für den Einzelhandel in Höhe von 1,9 Millionen Euro. Und: Auch das Portal „Marburg-Liebe“ des Stadtmarketings, auf dem man Gutscheine für sein Lieblingsgeschäft kaufen konnte, um sie nach dem Lockdown einzulösen, war ein großer Erfolg. „Solche Projekte dienen natürlich dazu, die Solidarität mit dem Handel zu stärken“, ist sich Kalbfleisch sicher. Dennoch habe jeder sechste Händler gesagt, „dass die Krise seine Existenz bedroht hat oder das noch tut“.

Als größte Herausforderung sahen die Händler die rückläufige Kundenfrequenz und den Verlust von Stammkunden (39 Prozent), gefolgt von den langen Schließungszeiten in Kombination mit hohen, laufenden Fixkosten (37 Prozent). Zu viel Bürokratie beklagte mit 23 Prozent knapp ein Viertel der Händler – genau so viele gaben auch an, dass die Auszahlung staatlicher Hilfen nicht ausreichend hoch war, verspätet kam oder gar ganz ausblieb.

Mit Kurzarbeit durch Krise

In der Folge mussten 42 Prozent der Unternehmen auf vorhandenes Eigenkapital zurückgreifen, um Umsatzeinbußen auszugleichen. Rund ein Drittel nahm staatliche Hilfen in Anspruch, jeder Elfte einen Bankkredit. 41 Prozent der heimischen Einzelhändler nutzten außerdem Kurzarbeit, um die Krise zu überbrücken, nur fünf Prozent der befragten Händler gaben an, Personal entlassen zu haben. Bei den meisten Unternehmen (55 Prozent) waren jedoch keine Personalmaßnahmen notwendig – „ähnlich wie im Bundestrend, wo das bei 56 Prozent der Fall war“, erläutert Kalbfleisch.

Doch wie hat der Handel die Krise bewältigt? 28 Prozent haben mit einer veränderten Produktpalette reagiert. Knapp ein Viertel setzte auf „Click & Collect“ beziehungsweise „Click & Meet“. „Auch die Digitalisierung hat einen Schub erhalten“, sagt Steffen Kalbfleisch. So gaben 21 Prozent der Befragten an, beispielsweise mit Social Media neue Marketing- und Vertriebswege zu nutzen, 17 Prozent haben Online-Beratungen eingeführt oder auf Online-Kundenveranstaltungen gesetzt. Ein Viertel der Befragten haben Webseite oder App auf- oder ausgebaut, jeder Achte hat einen Online-Shop erweitert oder neu aufgebaut.

„Einerseits hat Corona im Einzelhandel einen spürbaren Digitalisierungsschub ausgelöst, wie wir ihn auch als Commerzbank bei unseren Kunden feststellen“, erläutert Kalbfleisch. „Auf der anderen Seite sehen wir aber auch einen Nachholbedarf beim Konsum vor Ort. Denn 38 Prozent der Einzelhändler bemerken wieder mehr Bedarf an persönlicher Beratung. Die Studie zeigt daher, dass Kunden beide Kanäle nutzen wollen – digital und persönlich.“

Kreativität gesteigert

Gut die Hälfte der heimischen Einzelhändler habe angegeben, „dass sie ihre Kreativität und Innovationskraft im Zuge von Corona gesteigert haben“, sagt der Banker, „in jeder Krise steckt auch eine Chance“.

Viele Einzelhändler sorgen sich jedoch um die Entwicklung ihrer Innenstädte. Demnach befürchten nahezu drei Viertel (72 Prozent) in den kommenden fünf Jahren eine Verödung der Stadtzentren durch Schließungen kleinerer Läden und Restaurants. 39 Prozent erwarten, dass Kunden zukünftig vermehrt große, auswärts gelegene Einkaufszentren aufsuchen. Um die Innenstädte attraktiver zu machen, wünschen sich zwei Drittel der Befragten daher mehr Radwege und Grünflächen. Genau so viele würden sich über eine Verbesserung des Parkplatzangebots mit Elektroladestationen freuen.

Immerhin: 79 Prozent der Befragten blicken trotz aller Herausforderungen optimistisch in die Zukunft. Allerdings lief die Umfrage im Sommer – derzeit dürfte aufgrund der stark steigenden Corona-Infektionszahlen die Stimmung wohl weniger optimistisch ausfallen.

Von Andreas Schmidt

12.11.2021