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Marburg Viele Familien sind am Ende ihrer Kräfte
Marburg Viele Familien sind am Ende ihrer Kräfte
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15:58 10.02.2021
Ein zweijähriges Kind malt ein Bild, während seine Mutter zu Hause im Homeoffice an einem Laptop arbeitet.
Ein zweijähriges Kind malt ein Bild, während seine Mutter zu Hause im Homeoffice an einem Laptop arbeitet. Quelle: Themenfoto: Stratenschulte/dpa
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Marburg

Die Corona-Pandemie mit Kontaktbeschränkungen und Distanzunterricht belastet viele Familien stark – doch entgegen der Befürchtungen haben Experten in Marburg bisher keine steigende Zahl von Kindeswohl-Gefährdungen festgestellt. „Wir erleben viele Familien am Ende ihrer Kräfte“, sagt Stefanie Lambrecht, Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend, Familie der Stadt Marburg. „Aber es gibt keinen deutlichen Anstieg von Gefährdungsmeldungen.“

Seit Beginn der Pandemie gibt es die Befürchtung, dass die Corona-Beschränkungen schlimme Folgen für Kinder haben könnten. Die Sorge: Es könnte in Familien verstärkt zu Gewalt und Verwahrlosung kommen. Denn viele Eltern sind durch die Krise wirtschaftlich und psychisch belastet. Und andere Institutionen – zum Beispiel Schulen und Kindertagesstätten – bekommen die Kinder wegen des Lockdowns nicht zu Gesicht, können sie also auch nicht schützen. Doch bislang scheint sich in Marburg diese Befürchtung nicht zu bestätigen.

Ende vergangenen Jahres hätten Vertreterinnen und Vertreter des Jugendamtes, des Gleichberechtigungsreferats, der Frauenhäuser und der Polizei mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies über dieses Thema gesprochen, berichtet Jost Schmidt-Bockstedte, Leiter des Fachdienstes Soziale Dienste der Stadt. Bislang, so das Fazit, gebe es keine Hinweise, die die Befürchtung bestätigen.

Auch die Zahl der Inobhutnahmen – ein Mittel, das das Jugendamt in akuten Krisensituationen anwendet, wenn das Kindeswohl in Gefahr ist oder Jugendliche selbst darum bitten – ist 2020 nicht gestiegen, sondern leicht gesunken: Von 109 Fällen im Jahr 2019 auf 98 im Jahr 2020. Offenbar gelinge es Familien recht gut, die Belastungen der Corona-Zeit abzufedern.

Die Fachkräfte des Jugendamtes nehmen aber durchaus wahr, dass die Familien in Corona-Zeiten hohen Belastungen ausgesetzt sind. Vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei noch schwieriger, sagt Lambrecht. „Nicht alle Eltern sind in der privilegierten Situation, dass sie von zu Hause arbeiten können.“ Manche Eltern hätten auch aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage so große Sorge um den Arbeitsplatz, dass sie nicht zu Hause bleiben könnten.

Auch der Kinderschutzbund Marburg beobachtet, dass die Corona-Situation Familien belastet – die Betroffenen aber versuchen, das Beste daraus zu machen. „Die Lage von Kindern und Eltern ist schwierig, aber alle bemühen sich, diese schwierige Zeit zu meistern“, sagt Diplom-Pädagogin Ulrike Schütz von der Familienberatungsstelle des Kinderschutzbundes. Die Zahl der Beratungen habe sich in der Corona-Zeit kaum verändert – abgesehen vom leichten Rückgang im ersten Lockdown. Als neues Thema seien Probleme durch Distanzunterricht hinzugekommen. Dabei gehe es nicht nur um die Sorge von Eltern, dass Kinder zu Hause genug lernen. „Im Grunde verlieren die Kinder viel mehr als den Lernstoff“, betont Schütz. „Sie verlieren einen Großteil ihrer Kontakte und außerschulischen Aktivitäten – Fußball, Judo, Treffen im Jugendzentrum. Das belastet Familien.“ Besorgniserregend sei die Situation mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit, sagt Jugendamts-Leiterin Lambrecht. Die Schließung der Schulen könne zu Bildungsnachteilen für bestimmte Kinder und Jugendliche führen. „Das wird gravierende Folgen haben“, sagt auch Schmidt-Bockstedte.

Von Stefan Dietrich

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