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Marburg Corona-Bekämpfung: Kopiert Marburg jetzt Tübingen?
Marburg Corona-Bekämpfung: Kopiert Marburg jetzt Tübingen?
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08:00 16.12.2020
Eine Altenpflegerin führte im Seniorenheim Pauline-Krone-Heim der Altenhilfe Tübingen im November einen Antigen-Corona-Schnelltest durch.
Eine Altenpflegerin führte im Seniorenheim Pauline-Krone-Heim der Altenhilfe Tübingen im November einen Antigen-Corona-Schnelltest durch. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa/Themenfoto
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Marburg

Kopiert Marburg bei der Corona-Bekämpfung den Tübinger Weg? Seniorentaxis zum Preis von Bustickets, ein Zeitfenster zum Einkaufen für Senioren, kostenlose FFP2-Masken und Schnelltests:

Die baden-württembergische Stadt versucht, speziell die über 65-Jährigen vor einer Corona-Infektion zu schützen. Wie die Infektionszahlen in Seniorenheimen zeigen, durchaus mit Erfolg: Lange gab es in der Stadt kaum Fälle, erst vergangene Woche kam es zu einem größeren Ausbruch.

So oder so: Kommunalpolitiker fordern vom Magistrat, ebenfalls einen Weg zum Risikogruppenschutz einzuschlagen. „Die Maßnahmen in Tübingen funktionieren. Diese Prävention läuft jedenfalls besser als in anderen Städten“, sagt Lisa Freitag, FDP-Fraktionsvorsitzende mit Verweis auf die zuletzt gehäuften Corona-Ausbrüche in der Universitätsstadt, etwa im Haus Waldblick in Moischt (OP berichtete).

Ähnlich äußert sich Dr. Elke Neuwohner (Grüne), von Beruf Ärztin mit Praxis im Ebsdorfergrund. „Offenbar macht man in Tübingen etwas gut und richtig. Wenn man davon lernen kann, sollte man davon lernen und das so umsetzen“, sagt sie. Gepaart mit den gängigen Hygiene- und Abstandsregeln könne man einen besseren – wenngleich nie einen vollständigen– Schutz der Seniorenheim-Bewohner gewährleisten

„Seniorenheim-Schutzwall“ in Marburg löchrig

Schon vor Wochen hat die Marburger Allgemeinmedizinerin Dr. Ulrike Kretschmann dem Magistrat ein Konzept vorgestellt, um in der Universitätsstadt einen „Seniorenheim-Schutzwall“ aufzubauen. Im Kern geht es um die regelmäßige, mitunter tägliche Anwendung von Schnelltests für Bewohner, aber auch Heim-Besucher ( OP berichtete ).

Marburger Heimbetreiber berichteten zuletzt neben Lieferschwierigkeiten bei den Schnelltests vor allem vom Personalmangel, der – wegen der nötigen medizinischen Anwendungskenntnisse und dem Zeitaufwand pro Testdurchführung – ein entsprechendes Testsystem erschwere.

Wie schon Kretschmann vorschlug, ruhen die Hoffnungen vieler Heimbetreiber vor allem auf einem möglichen Vor-Ort-Einsatz von Medizinstudenten. Ein Vorschlag, den es auch auf Landesebene seit Wochen gibt – flächendeckend umgesetzt ist er trotz steigender Infektionszahlen in der Altersgruppe 60+ nicht.

Tübingens OB: Virus ist altersdiskriminierend

Das Land Hessen kündigte am Montag, 14. Dezember, nur an, ab sofort für Pflegeheime pro Woche 500.000 Schnelltests zur Verfügung zu stellen. Nach Angaben des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer (Grüne) hat die Stadt für den Risikogruppen-Schutz bislang 500.000 Euro ausgegeben. Zum Vergleich: In Marburg wurden mit dem Stadtgeld-Gutschein im Sommer mehr als 1,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Palmer begründet den schon vor Monaten eingeschlagenen Tübinger Weg damit, dass das Virus „extrem altersdiskriminierend ist und dass wir für diejenigen, die am stärksten gefährdet sind und für die Gesellschaft als ganze das Richtige tun, wenn wir besondere Schutzanstrengungen für die Alten unternehmen“.

In diesem Jahr sei es laut Palmer in drei Heimen zu Infektionen beim Personal gekommen, Ausbrüche unter den Bewohnern habe es daraufhin – wegen der Früherkennung – nicht gegeben. Vergangene Woche gab es dann Positivtests bei zwei Mitarbeitern, die zwei Bewohner ansteckten.

Arztmobil testet Bewohner gratis

Es sei jedenfalls ein falsch verstandener Diskriminierungsbegriff, wenn man darunter konkrete Schritte des Risikogruppenschutzes wie etwa Shopping-Zeiten oder Seniorentaxis verstehe. Letztlich sorgen die Tübinger Angebote dafür, dass weniger Stadtbewohner zum Volllaufen der umliegenden Intensivstationen beitragen würden.

In Tübingen gibt es auch nicht nur ein Corona-Testzentrum und Schnelltests bei Hausärzten. Eine Medizinerin fährt mehrmals wöchentlich mit einem Arztmobil in die Stadt und testet Bewohner gratis – das spendenabhängige DRK habe Tests für mehr als 100.000 Euro vorfinanziert.

Während der ersten Corona-Welle blieb indes auch Marburg von Altenheim-Ausbrüchen verschont – laut Uniklinik-Medizinern der wesentliche Grund für die geringe Todeszahl bis zum Herbst ( OP berichtete ). Nach OP-Informationen berät der Magistrat aber aktuell mit Stadtparlaments-Fraktionen tatsächlich einen Marburger Anti-Corona-Weg.

DRK: „Testanordnungen alleine reichen nicht“

Punkt 11 der Beschlüsse, auf die sich die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin am Sonntag, 13. Dezember, geeinigt haben, legt fest, dass die Länder „eine verpflichtende Testung mehrmals pro Woche für das Personal in den Alten- und Pflegeeinrichtungen anordnen“.

In Regionen mit erhöhter Inzidenz – und das gilt inzwischen für weite Teile Deutschlands – müssen auch die Besucher der Heime „verbindlich“ einen negativen Corona-Test nachweisen.

Das Deutsche Rote Kreuz kritisiert: „Testanordnungen allein reichen da nicht: Wir benötigen grundlegend mehr Personal in der Pflege.“ Einspringen könnten etwa Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes, Medizinstudenten, pensionierte Ärzte, die Bundeswehr oder Hilfsorganisationen wie das THW.

Von Björn Wisker

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