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Marburg Seidel entsetzt über „Häme“ von Behörden
Marburg Seidel entsetzt über „Häme“ von Behörden
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21:03 07.10.2020
Der Marburger Standort der Firma Seidel. Derzeit laufen die Coronatests für rund 650 Mitarbeiter. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Bei der Firma Seidel herrscht Fassungslosigkeit über die Äußerungen aus dem Gießener Gesundheitsamt, wo man sich mit harschen Worten zu der Geburtstagsfeier – bei der es im Nachgang rund zwei Dutzend Corona-Positivfälle gab – äußert. Wortlaut der Behörde in einer Pressemitteilung: Man sei „entsetzt über das Verhalten einer Geburtstagsgesellschaft“ in einem Gießener Gastronomiebetrieb. Das Hygienekonzept des Betreibers sei durchaus für gut befunden worden. Aber: „Das Verhalten der Gäste in Sachen Hygienevorschriften stößt auf Unverständnis.“ So seien Geburtstagslieder gesungen worden, es habe Umarmungen und sogar Küsschen gegeben.

Stimmt – sagen Teilnehmer der Feier anlässlich eines 50. Geburtstags im OP-Gespräch. Allerdings sei es speziell bei Küssen und Umarmungen innerhalb der Familie geblieben. Dass dieses zwischenmenschliche Verhalten nun durch das Amt skandalisiert werde, sorgt für Ärger nicht nur bei den Feiergästen, von denen nach OP-Informationen einige symptomfrei, andere mit eher milden Verläufen beschäftigt sein sollen.

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Kritik an „unprofessionellen Aussagen“

Auf OP-Anfrage äußert sich Pia Meier, Personalchefin der rund 700 Mitarbeiter zählenden Firma Seidel in Fronhausen und Marburg: „Die Aussagen und Unterstellungen zum Hergang der Feier entsetzen mich. Da kamen Menschen zusammen, die jemandem etwas Gutes tun wollten.“ Das werde nun amtsseitig, von Mitarbeitern des öffentlichen Diensts „in den Schmutz gezogen“.

Meier hat am Mittwoch (7. Oktober) auch die Gießener Kreisverwaltung in einem Schreiben mit den „unprofessionellen Aussagen“ konfrontiert: „Seit wann berichtet ein Landkreis mit derart Häme und Anklage? Warum maßen Sie sich an, sich ein Urteil zu erlauben, ohne vorher direkt mit uns zu sprechen?“ Selbst das zuständige Gesundheitsamt habe in der Recherche festgestellt, dass das nicht etwa vom Gastronomen sondern von den Feiergästen vorgelegte Hygienekonzept „perfekt war“ und die Zusammenarbeit mit der Firma – bei der Nachverfolgung der Kontaktpersonen – „hervorragend ist“. Denn: Die Firma habe umgehend Mitarbeiter- und Kontaktlisten erstellt und an die Behörde weitergegeben.

Mittlerweile ist das Deutsche Rote Kreuz den Fronhäusern zur Hilfe geeilt, nimmt von allen Mitarbeitern Blutproben und bringt diese zügig in ein Gießener Biotech-Labor zur Untersuchung. Das Labor „Schebo“ habe laut Meier umgehend schnelle Tests angeboten, damit der Mittelständler schnellstmöglich wieder die Produktion hochfahren könne. Das sei angesichts täglich größerer werdender Verluste auch dringend nötig. „Es geht irgendwann auch um die Rettung von Arbeitsplätzen, von der Zukunft unserer Mitarbeiter für die wir Verantwortung tragen“, sagt sie.

Standorte öffnen langsam wieder

Bis Mittwoch konnten rund 300 Seidel-Mitarbeitern Blut abgenommen werden – insgesamt sind 650 Tests angesetzt, für alle Mitarbeiter, die sich nicht schon aus anderen Gründen zuvor im Krankenstand oder Urlaub befanden. Stand Mittwochnachmittag wurden 25 Mitarbeiter positiv getestet. Diese befinden sich in Quarantäne. Die meisten Betroffenen hätten leichte Symptome, einige litten an Geschmacksverlust, andere auch an Fieber. Bis Freitag sollte die firmenweite Massentestung abgeschlossen sein und alle Ergebnisse vorliegen. Die ersten sind bereits da, sodass Seidel ab Donnerstag sehr langsam wieder in die Produktion startet, einzelne Bereiche „sukzessive wieder hochgefahren werden“, berichtet Inhaber Dr. Andreas Ritzenhoff.

Wieder am Arbeitsplatz eingesetzt würden dabei ausschließlich negativ getestete Mitarbeiter, zudem werden die Hygieneregeln noch verschärft, unter anderem gilt nun eine Abstandspflicht von zwei Metern. „Wir gehen davon aus, dass wir ab Anfang der Woche wieder in den Vollbetrieb starten können“, vorausgesetzt bis dahin ergibt sich „ein klares Bild der Lage“.

Zumindest zu diesem Zeitpunkt, denn schlussendlich ist der so ermittelte Infektionsstand nur eine Momentaufnahme, „natürlich kann sich das wieder ändern, aber alles andere hätte keinen Sinn gemacht: Es hilft nur, in großer Fläche durchzutesten, nur dann haben wir eine Faktenbasis, auf die wir aufbauen können“, erklärt Ritzenhoff. Die Entscheidung dazu sei schnell gefallen, um die Kette sofort zu unterbrechen, „so eine Organisation mit 700 Leuten kann zu einem Hotspot werden, das darf nicht passieren“.

Ritzenhoff: Aus Pilotfall Lehren ziehen

Seidel als erstes großes Unternehmen im Kreis, das auf Corona-Positivfälle mit kompletter Schließung und Massentestungen reagiert, sei dabei durchaus mahnendes Beispiel für andere: „Wir sind zwangsläufig so etwas wie ein Pilotfall und haben gesehen, was alles gemacht werden muss, wir alle können etwas daraus lernen“, sagt Ritzenhoff. Darunter die Erfahrung nutzen, dass es möglich ist, schnell an Massentests zu kommen, eine wahre Maschinerie an straff organisierten Abläufen, an denen verschiedenste Akteure beteiligt sind, in Gang zu setzen. Im Nachgang sei dann wieder wichtig, daraus Lehren zu ziehen, sich etwa noch mehr mit Behörden zu vernetzen, „wir müssen uns stärker als Task Force aufstellen“. Auch um zu schauen, wo das System funktioniert oder wo Verbesserungspotenzial besteht. Mit der Kreisebene strebt er daher eine intensive Nachbesprechung an.

von Björn Wisker und Ina Tannert