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Marburg Hilferuf der Tafel: Wir brauchen Geld
Marburg Hilferuf der Tafel: Wir brauchen Geld
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20:58 12.07.2020
Fiona Banhofer reicht einem Kunden im Zelt der Marburger Tafel in Cappel Lebensmittel über den Tisch. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

„Die Not wird stetig größer“: Die Marburger Tafel muss laut der Vereinsvorsitzenden Rita Vaupel während der Corona-Pandemie immer mehr Bedürftige versorgen, die Bedürftigenzahl wächst immer weiter. Mittlerweile sind nach internen Tafel-Statistiken durchschnittlich 30 Prozent derer, die sich regelmäßig Lebensmittelspenden holen, vor Corona nicht im Kundenbestand gewesen. Konkret: Von den täglich rund 150 Menschen, die sich Nudeln, Reis und Co. im Cappeler Zelt besorgen, sind an vielen Öffnungstagen fast die Hälfte durch den Faktor Corona in die Bedürftigkeit gerutscht. Landkreisweit hat die Tafel nun mehr als 3600 Kunden – die meisten stammen aus Marburg.

Die Not wird nicht nur auf Kundenseite größer

Doch die Not wird offenbar nicht nur auf Kundenseite größer, auch die Tafel selbst kommt – nicht zuletzt angesichts von Lebensmittel-Zukäufen – finanziell an ihre Grenzen: „Eine grundsätzliche und kontinuierliche Unterstützung der Tafel durch die öffentliche Hand und direkt vor Ort durch die Kommunen muss endlich kommen“, sagt Vaupel.

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Um die Arbeit – die es laut Vaupel mit besserer bundesweiter Sozialpolitik eigentlich gar nicht geben dürfte – bewerkstelligen zu können, brauche man „nicht nur das Interesse der Kommunalpolitiker an unserer Arbeit und hübsche Fotos, sondern Geld – und zwar kontinuierlich“. Das sei für die Planung sehr wichtig, denn Spenden ließen sich eben nicht planen und man finanziere sich seit nun 20 Jahren zu über 90 Prozent aus Spenden. Aus diesem Grund habe man bereits im Januar 2020 einen Förderantrag an den Magistrat gestellt. „Bis heute ist der leider unbeantwortet.“

Die Helfer haben die Hängepartie satt

Bei Vaupel und den Tafel-Mitarbeitern ist die Geduld nun, ein halbes Jahr später, am Ende. Bis heute bekommt der Verein mit seinen mehr als 200 ehrenamtlich tätigen Helfern – wie die meisten der rund 1 000 Tafeln in Deutschland – praktisch keine Steuergelder.

Einmalig 11 000 Euro gab es angesichts der Corona-Pandemie als Soforthilfe von der Stadt Marburg und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. Das Land hat im Mai für die landesweit 57 Tafeln eine „finanzielle Überbrückungslösung“ in Höhe von 1,2 Millionen Euro gewährt, sodass laufende Kosten gedeckt werden können. Der Tafel-Bundesverband fordert bereits seit mehr als einem Jahr – da mit Blick auf die steigende Altersarmut und noch nicht auf Corona-Folgen – eine Grundfinanzierung durch den Staat, der bisher nur punktuell Projekte unterstützt. Für welche Vereine und Initiativen die Stadt Marburg dauerhaft Geld ausgibt, zeigt ein Blick auf die Haushaltspläne der vergangenen Jahre. So werden etwa der Kunstverein oder die Aids-Hilfe jährlich mit mindestens fünfstelligen Beträgen, das Adelsarchiv mit mehr als 25 000 Euro unterstützt. Der Konzertverein bekommt 40 000, das Café Trauma 53 000 Euro.

Geld für Personal? Tafel will Befürchtungen entkräften

Rechnet man Mietkostenzuschüsse oder Verrechnungen für manchen Geldempfänger hinzu, sind es mitunter nochmal zehntausende Euro mehr. Die von Kämmerer Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) in den vergangenen Jahren angekündigten verschärften Budget-Regeln, ein verstärkter Blick auf Kosten-Nutzen-Rechnungen städtischer Ausgaben, haben an der gängigen Förderpraxis – mit Ausnahme des kurzzeitigen Ad-hoc-Sparkurses im Jahr 2016 – bislang wenig geändert.

Nach OP-Informationen sieht man die Finanz-Forderung der Tafel in Verwaltungskreisen skeptisch, dort fürchtet man eine Verwendung des Geldes für Personal- statt für Sachzwecke.

Der Verein hat zwar tatsächlich auch personell steigenden Aufwand speziell in der Logistik, im Lager und Fahrdienst. Es gibt aktuell drei Teil- und drei Vollzeitstellen, zwei 450-Euro-Kräfte, teilt die Tafelvorsitzende Rita Vaupel auf OP-Anfrage mit.

Neben den Personalkosten würden sich aber vor allem Mieten, Neben- und Benzinkosten und der Erhalt der Infrastruktur „sehr deutlich bemerkbar machen“. Daher seien jährlich planbare Einnahmen – die Rede ist nach OP-Informationen von etwa 30 000 Euro, also dem Adelsarchiv-Niveau – vor allem für die Bewältigung der Fixkosten und die Zuschuss-Beantragung nötig. Denn für diese seien meist Eigenanteile zu leisten, mal zehn, mal 25 Prozent wie etwa beim Kauf von Kühlwagen.

Die Grünen im Landkreis Marburg-Biedenkopf halten ein Ausbleiben öffentlicher Fördergelder jedenfalls für „nicht nachvollziehbar“. Nach 20 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit im Sozialsektor und wachsenden Kundenzahlen gelte es, die Arbeit „mit einer jährlichen finanziellen Unterstützung“ abzusichern, heißt es von den Grünen rund um Kreispolitikerin Nadine Bernshausen.

Von Björn Wisker

Geld für die Tafel? Das sagt die Politik

Es ist ein unglaublich wichtiger und toller ehrenamtlicher Einsatz – darin sind sich alle Kommunalpolitiker einig. Aber soll die Marburger Tafel für ihre Arbeit künftig Geld von der öffentlichen Hand bekommen?
Die OP hat alle wesentlichen politischen Kräfte in Marburg gefragt. Und das sind die Antworten.

Grüne: „Wir werden für die kommenden Haushalte bedarfsgerechte Mittel zur finanziellen Unterstützung der Tafel beantragen“, sagt Fraktionschef Dietmar Göttling. Man stelle sich eine Mindestsumme von 65 000 Euro vor – und habe das bereits zu Jahresbeginn in einem Haushaltsantrag, fußend auf einem Bittschreiben der Tafel an Magistrat und alle Fraktionen, erfolglos gefordert. Die steigende Kundenzahl sei aber gleichbedeutend mit „großen organisatorischen Herausforderungen, die nur bei entsprechender finanzieller Ausstattung zu leisten sind.“

CDU: Geld für die Tafel wäre eine „weitere klassische freiwillige Leistung“, von denen man aber laut Regierungspräsidium im Haushalt schon sehr viele habe, vor deren Ausbau gewarnt sei. „Sollte es unabhängig von Corona etwa ein strukturelles Defizit bei der Tafel geben, ist zunächst der Verein in der Pflicht, seine Struktur zu überprüfen. Erst wenn diese interne Prüfung erfolgt ist können wir als Stadt tätig werden“, erklärt Fraktionschef Jens Seipp. Aber: Das Geld müsse an anderer Stelle der freiwilligen Leistungen gestrichen werden.

SPD: „Wenn eine Dauerfinanzierung erforderlich werden sollte, dann unterstützen wir das auch in Zukunft gerne“, erläutert Matthias Simon, Fraktionschef. Es bedürfe dafür aber auch eines formellen Antrags, der dann von den Fachleuten in Magistrat und Kreisausschuss besprochen werde. Eigentlich seien Tafeln mit dem Anspruch angetreten, keine öffentliche Dauerfinanzierung zu wollen, aber wie in der Vergangenheit werde man bei Bedarf „selbstverständlich für wirksame Hilfe sorgen“.
Linke: „Die finanziellen Anforderungen der Tafel sollen in die bevorstehenden Haushaltsberatungen einfließen und dort wertschätzend berücksichtigt werden“, sagt Fraktionschefin Renate Bastian. Der Magistrat solle seine „Zurückhaltung“ aufgeben und die Tafel wie andere soziale Vereine fördern, statt ihn – wie schon bei der Anfrage zur Anschaffung neuer Lieferwagen – in der Schwebe zu lassen. Ohnehin sei corona-bedingt ein städtisches Programm zur Bekämpfung von Armut, und ein Maßnahmenkatalog für die Abfederung der sozialen Härten notwendig.

BfM: Vorübergehend und corona-bedingt, solange bis sich die wirtschaftliche Lage stabilisiert habe, sei eine finanzielle Unterstützung „zu überlegen“ – zumal sie von einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage ausgehe, sagt Andrea Suntheim-Pichler. Und wenn das Spendenaufkommen perspektivisch „nicht mehr auskömmlich“ sei, „sollten sich Stadt und Landkreis die Kosten teilen“.

FDP: „Fraglich ist, wem mit einer dauerhaften finanziellen Unterstützung wirklich geholfen ist“, sagt Parteichef Christoph Ditschler. Die Tafel könne nämlich nicht die sozialpolitischen Grundsatzprobleme lösen, das können auch weder Stadt noch Landkreis. Dass in Corona-Zeiten die Tafel Lebensmittel einkaufe, sie an eine steigende Bedürftigenzahl weiterleite, zeige, dass das eigentliche Konzept – die Lebensmittelrettung – „aus den Fugen gerate“ und der Sozialstaat gefragt sei.

AfD: „Wir sehen die Stadt in der Pflicht, zu einer bedarfsgerechten Finanzierung der Tafel beizutragen“, heißt es von Johannes Hühn, AfD-Stadtverbandschef. Gerade wegen der aktuell „überaus expansiven Geldpolitik ist die Zurückhaltung der öffentlichen Hand bei der Unterstützung der Tafeln nicht verständlich.“ Lediglich die Finanzierung hauptamtlichen Personals dürfe mit dem öffentlichen Geld nicht geschehen. Neben Zuschüssen sollte man von kommunaler Seite auch über mögliche weitere Gebührenbefreiungen sprechen.

12.07.2020
12.07.2020