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Marburg Das stille Leiden der Familien
Marburg Das stille Leiden der Familien
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12:00 19.04.2021
Dr. Claudia Schmölz ist Mutter von drei Jugendlichen und Vorsitzende des Schulelternbeirats der Steinmühle in Marburg. Sie kritisiert die deutsche Pandemiepolitik scharf und fordert offene Schulen.
Dr. Claudia Schmölz ist Mutter von drei Jugendlichen und Vorsitzende des Schulelternbeirats der Steinmühle in Marburg. Sie kritisiert die deutsche Pandemiepolitik scharf und fordert offene Schulen. Quelle: Björn Wisker
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Wehrshausen

Sie schleicht in die Küche, still, unauffällig. Selbst als sie Tasse und Teller aus dem Schrank holt, die Türen schließt, hört man kein Geräusch. So ruhig, wie sich die 15-jährige Tochter von Claudia Schmölz durch das Wehrshäuser Einfamilienhaus bewegt, so still erträgt sie ihr zweites Corona-Schuljahr. Und nicht nur die Jugendliche, auch ihre Brüder, elf und 16 Jahre alt, tragen eine so in der Familie nicht gekannte Freudlosigkeit in sich. „Der Spaß, der Antrieb ist weg.“

Ihre Mutter beschäftigt, besorgt das – vor allem, weil sie das nicht nur von ihren Kindern hört und die Entwicklung bei ihnen sieht, sondern weil das in Marburg offenbar zu einem Massenphänomen wird. Eine jüngste Umfrage von Elternvertretern scheint das zu belegen. „Die Kinder mögen stark wirken, aber sie leiden – und ertragen die Corona-Situation stoisch, klagen nicht. Sie machen vieles mit sich selbst aus. Das ist schädlich“, berichtet die 53-Jährige.

Sie ist Schulelternbeirats-Vorsitzende der Steinmühle – also eine der wenigen Schulen in der Region, in denen Technik für das Homeschooling, Lehrpläne für den faktisch seit mehr als einem Jahr zur Regel gewordenen Distanzunterricht noch ganz gut funktionieren und wo eher weniger Kinder beschult werden, die zu Hause auf 70 Quadratmetern mit Eltern und Geschwistern leben. „Wenn aber schon bessergestellte Familien nervlich am Ende sind“, sagt Schmölz und lässt den Rest des Satzes offen.

„Schüler müssen raus und wieder leben können“

In einem Brief an das Hessische Kultusministerium schlägt die Marburgerin Alarm, schildert eine „psychische Notlage“ in der Gruppe der Minderjährigen. „Den Kindern geht es schlecht“, schreibt sie. Hunderte Eltern würden beim Nachwuchs Wesensveränderungen feststellten, „viele berichten von Traurigkeit und Motivationslosigkeit, Verunsicherung, Ängste, gar Depressionen“. Etwas, das durch Zahlen gedeckt ist. So hat es in Marburg nie mehr psychologischen Beratungs- und Betreuungsbedarf in Schulen gegeben, wie in den vergangenen 13 Monaten. Immer mehr Kinder und Jugendliche wenden sich demnach an Sozialpädagogen oder Vertrauenslehrer, mitunter auch an Psychiater – wenn es überhaupt noch Plätze oder Zeit für sie gibt (OP berichtete). Von „drastischen Auswirkungen auf viele Jugendliche“ spricht der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wegen der Pandemie-Politik, berichtet von zunehmender Zahl psychischer Belastungen bis zu Selbstverletzungen.

Schmölz fleht in dem Schreiben, zumal bezogen auf Kinder aus weniger begüterten Familien, geradezu: „Schüler müssen raus aus ihrem Zuhause und wieder leben können!“ Ihr Vorschlag: Testpflicht und los geht’s; erst im Wechsel- bald im Normalunterricht, auch in den Klassen 7 bis 11. Die zuletzt auch bei den Unter-20-Jährigen im Landkreis auf rund 130 gestiegene Zahl der Positiv-Tests sei – Stichwort Osterferien und Distanzunterricht – ganz offenkundig auf den Privat- und nicht Schulbereich zurückzuführen.

Schule als Treff- nicht als Lernort

Trotzdem vom Staat verordnet zu bekommen, Freunde weder in Freizeit noch Schule treffen zu dürfen, sorge dafür, dass Jugendliche „sich verlieren“. Es werde in Politik, Behörden und Verbänden aber nur von Schuljahreswiederholung, Sommerschulen, Lerncamps und Samstagsunterricht gesprochen. „Es zählt für viele lediglich, dass Kinder möglichst schnell Bildungslücken schließen. Was mit ihrem Sozialleben, ihrer Entwicklung als Menschen, ihrer Psyche passiert, das interessiert niemanden.“

Die Hessische Landesregierung verweist angesichts der Sorgen auf Angebote wie „Nummer gegen Kummer“, Caritas, Jugendämter und eben Psychologen. Auf der Internetseite gibt es unter der Rubrik „Für Schüler“ genau einen Eintrag – diesen. Für Schmölz sinnbildlich dafür, dass Kinder vergessen, ignoriert werden.

Das Kultusministerium solle das ändern und am besten über eine bundesweite Initiative anstoßen, Schule nicht nur zu öffnen, sondern „nach Corona“ neu zu denken – hin zu einem Treff- statt Lernort. Denn: Die „Corona-Bildungslücke“ werde in 20 Jahren nicht nachwirken, die psycho-sozialen Folgen sehr wohl, glaubt sie.

Von Björn Wisker

18.04.2021