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Marburg Alles hängt an „Welle der Achtsamkeit“
Marburg Alles hängt an „Welle der Achtsamkeit“
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08:00 18.09.2020
Dr. Birgit Wollenberg ist Leiterin des Kreisgesundheitsamtes Marburg-Biedenkopf. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Seit einem halben Jahr diktiert ein Virus das Alltagsleben in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt. „Wir wissen alle, dass wir es noch nicht geschafft haben“, sagt Dr. Birgit Wollenberg, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes in Marburg. Und fügt sofort hinzu: „Wie sich die nächsten Monate entwickeln, hängt von jedem Einzelnen ab.“ Je intensiver Menschen darauf achten, andere und sich selbst zu schützen, umso besser könnte es im Herbst laufen. Besser als von vielen derzeit befürchtet.

Während sich verschiedene Menschen in den sozialen Netzwerken über verschiedene Herbst- und Winter-Szenarien austauschen, leben diejenigen, die in dieser Zeit schnell und gute Entscheidungen treffen müssen, im Hier und Jetzt, beobachten, reagieren auf jede Veränderung und halten ihren Wissensstand penibel Up-to-Date. Zu diesen Leuten gehören alle, die im Gesundheitsamt arbeiten. Dort herrscht seit einem halben Jahr „Ausnahmezustand“. Oder sagen wir es treffender „geordneter Ausnahmezustand“. Denn auch wenn die Lage flexibles Reagieren abverlangt und sich immer wieder neue Herausforderungen offenbarten, konnte Birgit Wollenberg nicht nur auf geballtes Knowhow aus ihrem Hause, sondern auch auf eine große Leistungsbereitschaft bei allen Mitarbeitern zurückgreifen, so dass auch im größten Stress kein Chaos ausbrach, sondern jeder wusste, was er zu machen hat. Dafür gibt es natürlich auch feststehende Einteilungen in Aufgabenbereiche.

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„Was gestern galt, kann heute schon überholt sein“

Um ein Top-Niveau halten zu können, ist es unerlässlich, wie schon erwähnt, immer penibel Up-to-Date zu sein. „Was gestern galt, kann heute schon überholt sein. Wir müssen immer auf Höhe der aktuellen Entwicklungen und Entscheidungen sein, um auch adäquate und stets verlässliche Informationen nach außen geben zu können“, sagt Wollenberg. Ein halbes Jahr Corona hat geprägt. Hat der neuen Form des Arbeitens in einer Ausnahmesituation schon so etwas wie eine Routine verliehen.

„Mit Corona haben wir uns schon etwas genauer seit Ende Januar beschäftigt“, sagt Wollenberg. Doch gibt sie auch zu, dass sie die Schnelligkeit, wie sich das Virus in Europa und damit auch in Deutschland ausbreitete, überraschte. Das heißt allerdings nicht, dass sie nur zugesehen hat. In Windeseile wurden die Arbeitsschwerpunkte im Gesundheitsamt verändert, neue Umgangsformen eingeführt. Das fröhliche „Guten Morgen“ per Handschlag oder gar mit Umarmung wurde sofort verbannt. In rekordverdächtiger Zeit wurde eine Hotline für die Bürger eingerichtet, als die Entscheidung zur landesweiten Schulschließung kam. Das war nicht nur technisch eine Herausforderung. Man musste ja auch Leute an der Hotline sitzen haben, die selbst so weit informiert waren, dass sie anderen zufriedenstellend Rede und Antwort stehen konnten. Was Wollenberg in dieser Zeit sehr gefiel und bei ihr auch nie Angst aufkommen ließ war die Art der Zusammenarbeit mit allen Mitarbeitern in Hause, aber auch mit anderen Menschen in wichtigen Funktionen.

Daraus nahmen wohl auch alle die Kraft, außergewöhnlich viel Arbeit zu erledigen und dabei auch noch Aushilfspersonal so anzuleiten, dass sie innerhalb kürzester Zeit für Entlastung sorgen konnten. In der Anfangszeit konnte man sich nur darauf verlassen, dass der Tag vollgestopft mit Arbeit sein würde. Alle wurden gebraucht. Bis abends ging es voll durch. Essen und Trinken gab es natürlich auch, wurde im Haus bereitgestellt. Den März und April werden die Mitarbeiter sicher nicht so schnell vergessen. Insbesondere die Beschaffung von Schutzmaterial hatte sie gefordert. Masken und Kittel haben ja überall gefehlt.

Es gab keine Sackgassen, keine Frustration

Bei der Verteilung hat das Technische Hilfswerk mit Lager und Logistik ausgeholfen. Auch der Fachbereich Gefahrenabwehr habe gezeigt, dass dort Menschen arbeiten, auf die man sich verlassen könne. Dieses Wissen habe selbst die stressigste Situation immer irgendwie entschärft. Es gab keine Sackgassen, keine Frustration, immer nur neue Lösungen. Und so wurden Schwerpunkte gesetzt, die von Teams übernommen wurden. Eine spezielle „Task Force“ gab es für das Thema „Pflege und Corona“. Es galt zu verhindern, dass sich das Virus den Weg in die hiesigen Alten- und Pflegeheime bahnt. „Wir sind zu jeder Einrichtung gefahren“, sagt Wollenberg. So waren dort auch gleich die Ansprechpartner bekannt.

Bei den „Hilfskräften“ profitierte das Gesundheitsamt natürlich davon, dass es viele interessierte Medizinstudierende gab, die helfen wollten. Viele Mitarbeiter benötigten auch die Teams „Fallermittlung“, „Kontaktperson“ und „Dokumentation“. Bei allem Stress, so Wollenberg, müsse gewährleistet bleiben, dass mit den Daten vertrauensvoll umgegangen wird. So wurden alle Eintragungen auch noch mal auf Vollständigkeit und auch auf Plausibilität überprüft. Im Marburger Gesundheitsamt gingen eigentlich nie die Lichter aus, es wurde auch am Wochenende gearbeitet. „Wir haben immer unsere Zahlen an das Robert-Koch-Institut gemeldet, jeden Tag“, sagt Wollenberg. Und was die Kontakt-Ermittlung angeht, nennt sie nur einen Fall, bei dem 140 Kontakte genannt wurden, die es zu ermitteln galt. So etwas bindet Zeit. Umso wichtiger war es dann auch, Mitarbeitern Auszeiten zu geben, Erholungsphasen.

„Es kann noch einmal „kippen“

Der eine oder andere hatte sicher die Luft angehalten, als die Schulen nach den Sommerferien wieder im Vollbetrieb starteten. Bisher läuft es ja sehr gut. Wenn dann doch mal etwas passieren sollte, greifen abgesprochene Grundregeln. Die Strategie geht bei einem Fall von einer Klassen-Quarantäne aus. Bei den Lehrern müsse dann nachgefragt werden, wie die Person unterrichtet hat. Mit Mundschutz und stetigem Abstand zu den Schülern oder auch mitten im Raum stehend, mit engeren Kontakt zu Schülern.

Im Gesundheitsamt haben derzeit die Abteilungen mehr und mehr wieder ihre eigentlichen Aufgaben aufgenommen, wohl wissend, dass es noch einmal „kippen“ kann. Birgit Wollenberg ist aber zuversichtlich. Zum einen weiß sie jetzt um die Schlagkraft ihrer Mitarbeiter, zum anderen muss man keinen Material-Engpass mehr fürchten. Und wenn alle Menschen die „neue Welle der Achtsamkeit“ weiter vorbildlich leben, könnte es in der Tat besser laufen, als von vielen befürchtet. Wie auch immer, das Gesundheitsamt ist gerüstet, sagt die Leiterin.

Corona Halbjahresbilanz Quelle: OP

von Götz Schaub