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Marburg Cook-Pleite sorgt für Turbulenzen
Marburg Cook-Pleite sorgt für Turbulenzen
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21:24 23.09.2019
Warten auf den Flug: Am Flughafen Palma de Mallorca wissen Reisende nicht, wie es weitergehen soll.  Quelle: Clara Margais
Marburg

Mit der deutschen Thomas Cook sind nach Unternehmensangaben derzeit 140.000 Gäste unterwegs. Am Montag und Dienstag sollten 21.000 Menschen in ihren Urlaub abreisen. Zwei von ihnen sind Manfred und Karin Wagner aus Unterrosphe. Eigentlich wollte das Ehepaar am Montag nach Mexiko fliegen. Am Sonntagabend erhielten sie die Absage per E-Mail, am nächsten Morgen rief das Reisebüro an. „Herr Wagner, wir müssen reden.“

Die deutsche Thomas Cook GmbH erklärte am Montag, man könne nicht gewährleisten, dass die Reisen stattfinden. Der Ferienflieger Condor darf Urlauber, die mit Thomas-Cook-Veranstaltern gebucht haben, nicht mehr an ihr Ziel bringen. Das ist auch das Problem der Wagners: Sie buchten über Neckermann Reisen, einer Tochter von Thomas Cook. 4.000 Euro kostete die Unterrospher ihre Reise. Das Geld bekommen sie zwar zurück, weil sie einen Reisesicherungsschein besitzen. Wann, ist aber noch offen. Manfred Wagner ist nur klar: „Ich will keine zwei Jahre darauf warten.“

„Die Koffer sind gepackt und stehen bereit“

In den Urlaub soll es jetzt dennoch gehen. Denn: „Die Koffer sind gepackt und stehen bereit.“ Statt Montag wollen die Wagners am Donnerstag reisen, haben ein anderes Hotel gebucht und fliegen mit Lufthansa statt Condor. Neuer Kostenpunkt: 4.500 Euro. Hinzu kommen weitere 2.000 Euro für ihre Tochter. Die wollte am Freitag nach Mallorca fliegen und musste sich ebenfalls nach neuen Flügen umschauen.

Während Urlauber in Deutschland in Unwissenheit verharren, will Condor Reisende, die planmäßig nach Hause fliegen wollten, weiterhin befördern. Die Fluggesellschaft beantragte von der Bundesregierung aber einen staatlich verbürgten Überbrückungskredit, um „Liquiditätsengpässe“ zu verhindern. Dabei soll es sich um rund 200 Millionen Euro handeln, wie die dpa aus Regierungskreisen erfuhr.

Die hessische Landesregierung stellte ergänzende Hilfe für die Gesellschaft mit Sitz in Frankfurt in Aussicht. „Grundsätzlich sind wir offen, Condor bei der Überbrückung der aktuellen Krise zusammen mit dem Bund behilflich zu sein, etwa durch eine ergänzende Landesbürgschaft“, teilte die Landesregierung mit.

Die Pleite von Thomas Cook beflügelt die Spekulationen über einen Verkauf von Condor. Ein Lufthansa-Sprecher wollte sich zu einem möglichen Interesse von Europas größter Airline an dem deutschen Ferienflieger am Montag nicht äußern.

Flughäfen und Gewerkschaften unterstützten die Bitte des Unternehmens um Staatshilfe. Die Fluggesellschaft hat 4.900 Beschäftigte und unterhält 58 Flugzeuge. „Ein gesundes und für sich genommen wirtschaftlich stabiles Unternehmen verdient eine faire Chance, zu überleben“, betonte auch die Flugbegleitergewerkschaft Ufo, ähnlich wie Verdi und die Vereinigung Cockpit.

Lesen Sie hier, was betroffene Reisende jetzt tun können.

Die deutsche Thomas Cook lotet nach eigenen Angaben derzeit letzte Optionen aus. „Sollten diese scheitern, sieht sich die Geschäftsführung gezwungen, für die Thomas Cook GmbH, Thomas Cook Touristik GmbH, die Bucher Reisen & Öger Tours GmbH und möglicherweise auch weitere Gesellschaften Insolvenzantrag zu stellen“, teilte das Unternehmen mit.

Neben den Wagners wollte auch Familie Schiller aus Stadtallendorf mit Neckermann Reisen in den Urlaub fliegen. Doch ob der Flug am Samstagt klappt, weiß die vierköpfige Familie noch nicht. „Wir sind wirklich verzweifelt“, sagt Sandra Schiller. „Wir brauchen den Urlaub dringend.“ Am Montag war noch unklar, wie es für sie weitergeht. Bei Neckermann Reisen erreichten die Schillers nur eine Bandansage. „Uns wurde gesagt, dass wir die Ruhe bewahren sollen und derzeit die Möglichkeiten ausgelotet werden“, sagt Sandra Schiller.

Die Restrate wurde noch nicht abgebucht

Dass es Probleme gibt, hatte die Stadtallendorferin erst vergangene Woche über Facebook erfahren. Deshalb rief sie am Freitag bei Neckermann an, wo sie zunächst in Sicherheit gewogen wurde. Den Mitarbeitern glaubte Schiller aber nicht. Seit Montag fühlt sie sich in ihrem Eindruck bestätigt. „Die waren gebrieft“, ist sich Sandra Schiller sicher.

Als Familie Schiller im November 2018 ihre Reise von Düsseldorf nach Rhodos buchte, wusste sie nicht, dass Neckermann Reisen zu Thomas Cook gehört. Auch dass der Touristikkonzern vor ihrem Urlaub noch in Schwierigkeiten geraten könnte, war Sandra Schiller und ihrem Mann Mario nicht bewusst. Zum ersten Mal stutzig wurden die beiden, als sie merkten, dass die Restzahlung ihrer Reise noch nicht eingezogen worden war.

Die letzte Rate war Ende August fällig. Auf Nachfrage teilte man ihnen mit, dass ein Bankwechsel Schuld sei, das Geld aber demnächst abgebucht werde. Bis jetzt ist das noch nicht geschehen. Somit hat Familie Schiller bislang erst 700 der 3.600 Euro überwiesen. Glück im Unglück? Nein, sagt Sandra Schiller, denn ihre Familie habe sich sehr auf die Reise gefreut. „Wir leben auf den Zeitpunkt hin, sind totale Reisemenschen“, sagt sie.

Derweil suchen die Schillers nach Alternativen für sich und die 14-jährige Emma sowie den 9-jährigen Erik. Das Management des Hotels auf Rhodos, dass die Familie zum vierten Mal besuchen will, habe ihnen zugesichert, dass sie auch ohne Neckermann bei ihnen unterkommen können. Allein der Weg dorthin ist das Problem. „Neue Flüge zu bekommen, ist schwierig“, sagt Sandra Schiller.

Die Familie hat die Hoffnung aber noch nicht gänzlich aufgegeben. Vielleicht klappt es am Samstag ja doch noch. In Zeiten der Klimadebatte jedenfalls sei es doch unsinnig, einen Flieger nur halb voll fliegen zu lassen, sagt Sandra Schiller.

von Tobias Kunz und unserer Agentur