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Marburg Heimische Firmen zeigen sich robust
Marburg Heimische Firmen zeigen sich robust
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15:58 12.11.2020
Jedes dritte Unternehmen in Mittelhessen hat auf Kurzarbeit gesetzt – die Corona-Krise hat auch Mittelhessen stark getroffen. Dennoch haben nur wenige Firmen Mitarbeiter entlassen. Quelle: Oliver Berg/dpa
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Marburg

Wie ist die Wirtschaft in Mittelhessen bisher durch die Corona-Krise gekommen? Dieser Frage ging die Commerzbank nach und hat dazu heimische Unternehmen befragt.

Mit dem Ergebnis: 34 Prozent der Unternehmer in Mittelhessen wurden von der Corona-Krise wirtschaftlich stark getroffen. 53 Prozent der Unternehmer, die stark betroffen sind, gaben gar an, die Corona-Krise sei sogar existenzbedrohend.

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Doch ganz so schwarz zeichnet Steffen Kalbfleisch, Leiter Unternehmerkunden der Commerzbank Gießen/Marburg, das Bild nicht: „Die Wirtschaft in Mittelhessen hat sich bisher als sehr robust erwiesen“, erläutert er im Gespräch mit der OP.

Und: Die Umfrage habe gezeigt, dass die Unternehmer in Mittelhessen die Krise bisher etwas besser gemeistert hätten als der Bundesdurchschnitt. Denn bundesweit gaben 44 Prozent der Befragten an, sie seien stark von der Krise betroffen – und 55 von ihnen sahen ihre Existenz bedroht.

Weniger Anträge als im Bundesschnitt

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die mittelhessischen Unternehmen es schaffen, flexibel auf die neuen Anforderungen durch die Pandemie zu reagieren“, konstatiert Kalbfleisch. Das gelinge natürlich je nach Branche unterschiedlich: So seien Zulieferbetriebe für die Auto-Industrie natürlich in ihren Möglichkeiten beschränkt, etwa ihr Produktportfolio umzustellen. Durch den breiten Branchenmix in Mittelhessen gelinge dies dafür anderen Unternehmen umso besser.

Dabei profitierten die heimischen Unternehmen auch von den staatlichen Corona-Hilfen: Jeder zehnte Unternehmer gab an, Zuschüsse einer Landesförderbank beantragt zu haben. Das sind deutlich weniger als im Bundesdurchschnitt – denn dort war es jeder Vierte.

13 Prozent der Unternehmer – und damit 44 Prozent weniger als im bundesweiten Vergleich – haben eine staatliche Unterstützung von weniger als 10.000 Euro erhalten, jeder Vierte erhielt indes Zuschüsse von mehr als 100.000 Euro. Das sind mehr als viermal so viele wie im Bundesdurchschnitt. Auch das Instrument der Kurzarbeit stand bei den heimischen Unternehmen hoch im Kurs: 29 Prozent der Befragten gab an, diese Hilfe in Anspruch genommen zu haben.

Entlassungen bei 12 Prozent der Firmen

Laut Marburger Agentur für Arbeit lag die Zahl der Kurzarbeit-Anzeigen seit Beginn der Krise bei 2.079 Betrieben im Oktober mit potenziell knapp 25.500 Mitarbeitern. Um die finanziellen Hilfen in Anspruch zu nehmen wandten sich die Betriebe häufig an ihre Hausbank – mit dem Ergebnis, dass 53 Prozent der Unternehmer in Mittelhessen sich gut durch ihre Hausbank über Finanzierungsmöglichkeiten informiert fühlen. Das sind deutlich mehr als im bundesweiten Vergleich, wo es 35 Prozent der Befragten sind.

Viele Unternehmen haben ihr Geschäftsmodell in der Krise angepasst. 29 Prozent reduzierten dabei die Kosten. Dies ging jedoch nur selten zulasten der Arbeitnehmer: 63 Prozent der Befragten gaben an, keine Personalmaßnahmen vorgenommen zu haben, 18 Prozent der Befragten reagierten jedoch mit einem Einstellungsstopp, und 12 Prozent der Unternehmen gab an, Kündigungen ausgesprochen zu haben.

Die Hälfte setzt auf mehr Digitalisierung

Flexibel zeigen sich immer mehr Unternehmer der Region beim Arbeitsort: 14 Prozent haben Home-Office in der Corona-Krise eingeführt. Bei gut der Hälfte der Betriebe arbeiten inzwischen Mitarbeiter im Home-Office. Gleichzeitig kommuniziert rund jedes fünfte Unternehmen zunehmend über neue Kommunikationskanäle und nutzt verstärkt digitale Vertriebswege. „Es kann durchaus von einem Digitalisierungsschub durch Corona gesprochen werden“, sagt Kalbfleisch. So will rund jede zweite Firma in Mittelhessen die Krise nutzen, um die Digitalisierung ihres Unternehmens voranzutreiben.

Trotz aller Herausforderungen können die Unternehmen in der Region Corona auch etwas Positives abgewinnen. So konnten 57 Prozent während der Krise ihre Kreativität steigern. Rund jeder zweite Unternehmer stellt eine Erhöhung der Solidarität und eine Stärkung des Teamgeistes fest. Doch dürfte der gerade laufende erneute Lockdown die Wirtschaft in Mittelhessen weiter belasten, schätzt Kalbfleisch. Die Commerzbank rechne für das vierte Quartal „nun bestenfalls mit einer schwarzen Null beim Bruttoinlandsprodukt, wobei das Risiko einer zweiten Rezession deutlich gestiegen ist“.

Die Studie

Für die 7. Unternehmerkunden-Studie im Auftrag der Commerzbank hat das Meinungsforschungsinstitut Ipsos bundesweit 3.500 Selbstständige, Freiberufler und Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis zu 15 Millionen Euro befragt, davon 50 in Mittelhessen. Basierend auf einer Zufallsstichprobe sei die Befragung repräsentativ für die Region, teilt die Commerzbank mit. Die Befragung fand zwischen dem 22. Juni und dem 15. August statt.

Von Andreas Schmidt