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Marburg Mit dem Herzen in Charkow und den Augen in der Manege
Marburg Mit dem Herzen in Charkow und den Augen in der Manege
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10:00 18.03.2022
Beim Zeltaufbau: Safarali Raulov (von links), Alina Ustynchenko und Timmy Barelli.
Beim Zeltaufbau: Safarali Raulov (von links), Alina Ustynchenko und Timmy Barelli. Quelle: Carsten Beckmann
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„Artisten unter der Zirkuskuppel: ratlos“ – Cineasten erinnern sich an Alexander Kluges Film aus den späten 1960er Jahren. Zeitsprung ins Jahr 2022 zu den ratlosen Artisten unter der Kuppel des Circus Barelli – zu Safarali Raulov und Alina Ustynchenko. Noch pfeift der Wind durch das halb aufgestellte Zelt am Marburger Messeplatz, wo das Unternehmen von Timmy und Franz Barelli am Freitag (18. März) zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren wieder Manegenzauber verbreiten will. Raulov und Ustynchenko – sie sind für die Musik verantwortlich, wenn Pferde und Kamele über die Sägespäne traben oder waghalsige Artisten durch die Luft fliegen.

Jeden Tag Bomben und Explosionen

Der Schlagzeuger und die Keyboarderin sind das „Orchester“ bei Barelli. Der 57-jährige Safarali Raulov stammt ebenfalls wie die 30 Jahre jüngere Alina Ustynchenko aus der Ukraine. „Meine Frau und meine Schwiegermutter sind noch in Charkow“, erzählt der Musiker, der bereits seit 14 Jahren zur Barelli-Familie zählt. Die Schwiegermutter sei zu alt, um zu fliehen, also bleiben sie in der umkämpften Stadt im Norden der Ukraine: „Jeden Tag Bomben und Explosionen, alle haben Angst und Panik“, erzählt Raulov, dessen Kinder und Enkel fern vom Ukraine-Krieg im vergleichsweise friedlichen Libanon leben. Aus dem äußersten Osten, der seit 2014 von prorussischen Separatisten beherrscht wird, kommt die 27-jährige Alina Ustynchenko – eine Zirkusmusikerin mit Leib und Seele, verheiratet mit „einem der schnellsten Jongleure der Welt“, wie Raulov für die junge Frau übersetzt. Beide erzählen, dass sie Kontakt zu zahlreichen ukrainischen Artisten und Musikern halten, doch der Krieg trennt sie voneinander, trennt Ehepaare, Eltern von Kindern. „Viele der Musiker, die ich kenne, müssen jetzt kämpfen“, sagt der Schlagzeuger, senkt den Blick und fügt mit leiser Stimme hinzu: „Das sind junge Männer, die noch nie in ihrem Leben eine Waffe in der Hand hatten, sondern immer nur ihre Instrumente. Jetzt müssen sie auf andere schießen.“

Mit dem Herz bei ihren Familien

Zirkusdirektor Timmy Barelli gesellt sich zu den beiden Ukrainern unter der Zeltplane und schaut kurz auf seine ölverschmierten Hände: „Sorry, wir mussten gerade eine Zugmaschine reparieren – was wir selbst machen können, machen wir auch selbst.“ 70 Wagen muss sein Unternehmen überall dahin schleppen, wo die Barellis spielen – logistisch und von der Fahrzeughaltung her ohnehin schon ein riesiger Aufwand, angesichts der aktuellen Dieselpreise ein finanzieller Albtraum. Doch Timmy Barelli ist einer, der anpackt, optimistisch seinen Job macht und sagt: „Ich freue mich, dass es jetzt endlich weitergeht und ich glaube, dass guter Zirkus eine Zukunft hat.“ Spätestens zur Premiere wird Timmy Barelli das Maschinenöl von den Händen gewaschen und den Blaumann gegen die Fantasie-Uniform eines Zirkus-Direktors eingetauscht haben. Dann werden er und seine Geschwister Franz und Ramona, dann wird das gesamte 40-köpfige Team des „Circus Gebrüder Barelli“ das Publikum auf den Sperrsitz- und Logenplätzen mitnehmen auf eine bunte Reise durch die Welt der Zirkuskunst. Safarali Raulov und Alina Ustynchenko werden auch dann mit dem Herz bei ihren Familien sein, aber sich mit Augen und Ohren auf das Geschehen in der Manege konzentrieren. „Das ist ein ganz anderes Timing, als normale Musik zu machen“, verrät der Schlagzeuger:

„Die Tiere und Artisten richten sich nicht nach dir“

„Die Tiere und Artisten richten sich nicht nach dir, sondern du musst dich auf sie einstellen.“ Zum Teil, so erzählt er, bringen die Jongleure, Seiltänzer und Dresseure für ihre Nummern die eigene Musik auf CDs mit – daraus und aus der Livemusik entsteht dann unter der ordnenden Hand der Keyboarderin das musikalische Gesamtbild. „Jazz, Märsche, Samba – ich spiele alles“, sagt der Berufsmusiker aus der Ukraine. Und mit jedem Takt hoffen sie, dass der Frieden in ihrem Land ein kleines Stückchen näher rückt. Artisten unter der Zirkuskuppel: ratlos. Aber nicht mutlos.

Programm

Premierentag des Barelli-Programms „Herzenssache“ im Zelt auf dem Marburger Messeplatz ist am Freitag (18. März) um 15 und 19.30 Uhr. Zu diesen Zeiten finden bis zum 3. April jeweils mittwochs bis samstags Vorstellungen statt. Sonntags wird um 11 und 15 Uhr gespielt, montags und dienstags ist Ruhetag.

Von Carsten Beckmann

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