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Marburg „Viele wissen nicht, wie ernst es um die Kinos steht“
Marburg „Viele wissen nicht, wie ernst es um die Kinos steht“
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09:58 23.11.2020
Einsam sitzt Marion Closmann im größten Saal ihres leeren Kinos. Das Cineplex Marburg würde am 23. November eigentlich mit vielen Aktionen das 20-jährige Jubiläum feiern. Quelle: Foto Tobias Hirsch
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Marburg

Wie feiert man ein Kino-Jubiläum im Corona-Lockdown? Und wie kann und soll es weitergehen mit den Kinos in Marburg, Deutschland und der Welt, wenn sie wegen der Pandemie geschlossen sind und wenn es keine Filme mehr gibt? Werden die Kinos Corona überleben? „Das weiß keiner. Aufgeben ist aber keine Option. Wir werden kämpfen“, sagt die Marburger Kinobetreiberin.

Die Jubiläumsfeiern mit zahlreichen Programmreihen sind wegen Corona natürlich abgesagt. „Aber wir sind fest entschlossen, das nachzuholen“, verspricht Marion Closmann.

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In den 20 Jahren hat das Cineplex die Marburger Innenstadt geprägt, tausende Filmfans in die Stadt gelockt. Es war der größte Publikumsmagnet und wird es – so die Hoffnung vieler Kinofans – wieder sein. „In den ersten Jahren nach der Eröffnung sahen rund 630 000 Menschen pro Jahr Filme im Cineplex“, sagt die Kinobetreiberin. Die Zahlen sind zuletzt zurückgegangen auf rund 400 000 Besucher pro Jahr. Gründe sind unter anderem die Streaming-Angebote von Netflix oder Amazon Prime und die Konkurrenz in Gießen, wo ebenfalls ein neues Multiplex-Kino eröffnet wurde.

Umsätze sind um

75 Prozent eingebrochen

Jetzt im Corona-Jahr 2020 mit inzwischen zwei Lockdowns und enormen Besucherbeschränkungen sind die Umsätze laut Marion Closmann um rund 75 Prozent eingebrochen. Diese Zahl ist existenzbedrohend, zumal die Kosten weiterlaufen – etwa für Kredite, mit denen die Familie Closmann das zuvor gemietete Kino vor rund fünf Jahren einem englischen Investmentfonds abgekauft hat. Oder für Kredite, mit denen das Cineplex kontinuierlich modernisiert wurde: Dolby-Atmos, Digitalisierung, neue Sessel, Laserprojektionen. Die Liste ist lang. „Wir haben das Cineplex als Familienbetrieb so geführt wie unsere Kinos in den Jahrzehnten zuvor und sie immer auf dem aktuellen Stand der Technik gehalten. Unsere Gäste honorieren das“, sagt die Kinobetreiberin.

Jetzt bedroht Corona die Existenz der Kinos – in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt. „Für Kinos ist es eine Katastrophe, dass sich mit dem Lockdown auch unsere Ware in Luft auflöst“, sagt die Kinochefin. Sie meint die großen Filme, deren Starts reihenweise von den Verleihern verschoben wurden. Wie etwa der neue James Bond oder „Wonder Woman“ oder „The Kings Man“. Solche Blockbuster brauchen die Kinos, um zu überleben, um auch Filmkunst zeigen zu können, die oft nur ein kleines Publikum erreicht.

„Viele Menschen wissen nicht, wie ernst es um die Kinos steht und damit um die ganze Filmbranche. Ohne die Kinos kann auch die gesamte Filmbranche in der heutigen Form nicht überleben“, sagt Marion Closmann. „Wenn die Branche zusammenbricht, gäbe es – wenn überhaupt – nur noch kommunale Kinos.“

„Nur die Verlängerung

eines Albtraums“

Normalerweise sind November und Dezember gute und sehr gute Kinomonate, vor allem die Zeit von Weihnachten bis Neujahr. Scharen von Filmfans würden die sieben Säle und die Foyers füllen, in Schlangen vor den Theken stehen, um sich für einen Film einzudecken. In diesem Jahr wird es nicht so sein. Gähnende Leere herrscht im Kino. Die Beleuchtung ist aus, Kaffee- und Popcornmaschinen sind abgestellt. Ob und wann die Kinos in Deutschland wieder öffnen dürfen, ist unklar. „Irgendwann wird sich das Orakel Politik entschließen. Dann ist die Frage, für wie lange der Entschluss gilt“, sagt Marion Closmann. Auf und zu, auf und zu – dies sei nicht durchzuhalten, weil man Filmstarts, Kinoprogramme und Waren-Einkäufe planen müsse. Wenn sie im Dezember öffnen dürfte um im Januar wieder schließen zu müssen sei das „nur die Verlängerung eines Albtraums“.

Corona hat weltweit Auswirkungen auf die Kinobranche: In den USA und Großbritannien schloss die große Kette Cineworld bereits im Oktober vorübergehend ihre Kinos und setzt auf einen Neustart im nächsten Jahr. Mittlerweile sinken die Hoffnungen weiter, dass Sparmaßnahmen und finanzielle Unterstützung der Politik allen Kinos das Überleben sichern werden. Wirtschaftlich sei das Ganze eine Katastrophe, sagte Christian Bräuer von der AG Kino zu den jüngsten Schließungen. Der Chef der britischen Kinovereinigung (UK Cinema Association), Phil Clapp, rechnet damit, dass mehr Kinos schließen müssen.

„Die Zukunft der Kinos wird sich 2021/22 entscheiden“

Die Vermutung liegt nahe, dass Streamingdienste die Gewinner dieser Krise sind. Aber der britische TV-Sender BBC macht Kinobetreibern und Cineasten ein wenig Hoffnung: „Nach einigen Wochen oder wahrscheinlicher Monaten, in denen wir uns Filme auf unseren Fernsehgeräten und am Computer angesehen haben, wird die Erfahrung, einen Film in Kinos so zu sehen, wie sie eigentlich gesehen werden sollten, umso magischer sein.“

Das hofft auch Marion Closmann: „Ich hoffe, dass unsere Gäste zurückkehren, die Magie des Kinos wiederentdecken.“ Sie ahnt: „Die Zukunft der Kinos wird sich in den Jahren 2021 und 2022 entscheiden.“

Aktuell öffnet das Cineplex freitags von 17 bis 19 Uhr und samstags von 12 bis 14 Uhr. Es gibt frisches Kino-Popcorn außer Haus. Zudem werden Film-Fanartikel. verkauft

Von Uwe Badouin