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Marburg Bunter Protest gegen Hass
Marburg Bunter Protest gegen Hass
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12:05 20.07.2022
Wie hier im Jahr 2019 soll am Samstag wieder zum Christopher Street Day eine bunte Demonstration durch Marburg ziehen.
Wie hier im Jahr 2019 soll am Samstag wieder zum Christopher Street Day eine bunte Demonstration durch Marburg ziehen. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Marburg

Die Demonstration beginnt gewissermaßen an einem Tatort. Am Marburger Hauptbahnhof, wo an diesem Samstag um 12 Uhr der Christopher Street Day startet, hat es erst vor zwei Wochen einen polizeilich erfassten Angriff auf eine 23-jährige Frau gegeben. Die junge Frau und ihre Begleiterin wurden laut Polizei von mehreren Jugendlichen beleidigt, als sie sich küssten. Schließlich schlug ein Jugendlicher der 23-Jährigen gegen die Schläfe – offenbar aus Hass gegen Homosexuelle.

Solche Angriffe kommen auch im liberal geprägten Marburg immer wieder vor, berichten Mitglieder des Marburger CSD-Organisationsteams. „Queere Menschen sind Objekt von Auslachen und blöden Sprüchen – bis hin zu Gewalt“, sagt David Lewandowski. Norman Merkel-Herwig, besser bekannt als Schlagersänger René Weiß, bestätigt das: „Wenn ich abends mit meinem Mann Hand in Hand spazieren gehe, kommt mindestens ein dummer Kommentar.“ Und Tina Kuhn erzählt: „Ich habe es 2019 direkt nach dem CSD erlebt, dass ich angepöbelt und verfolgt wurde, weil ich mit einer Frau unterwegs war.“

„Die Angst ist immer dabei“

Für die Betroffenen sei stets die Frage präsent: Wie kann ich mich auf die Straße trauen? „Die Angst ist immer dabei“, sagt Moritz Gömann, der nach eigener Aussage schon bespuckt wurde, weil er einen Regenbogen-Anstecker trug. Dies könne dazu führen, dass homo- oder transsexuelle Menschen in der Gesellschaft weniger sichtbar seien. Deshalb, sagt David Lewandowski, sei der CSD so wichtig: „Das Schöne am CSD ist, dass man sich sicher fühlen kann, während man mit 2 000 Menschen durch die Stadt läuft.“

Für die Verantwortlichen von der Marburger Aids-Hilfe war deshalb klar, dass auch im Jahr des 800-jährigen Stadtjubiläums eine solche bunte Demonstration durch Marburg ziehen soll, erklärt Geschäftsführer Mario Ferranti. Da der von einem Verein organisierte „CSD Mittelhessen“ in diesem Jahr bereits in Gießen war, gibt es erstmals zwei solche Aktionen in der Region. In Marburg steht die Veranstaltung unter dem Motto „Selbstverständlich Anderssein – Leben ohne Hetze, Hass und Krieg“. Damit will das insgesamt 20-köpfige Organisationsteam ein Zeichen für die Akzeptanz von Vielfalt setzen – und zwar über die eigene Gemeinschaft hinaus. „Es geht uns nicht nur um uns“, sagt Merkel-Herwig. Deshalb mache der Demonstrationszug auch am Friedrichsplatz Station, wo das Denkmal für die Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau steht, erklärt Rebecca Richter. Schließlich gebe es auch queere Menschen mit Migrationshintergrund – die oftmals doppelt ausgegrenzt würden.

Beiträge von ukrainischen Gruppen

Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wird es am Erwin-Piscator-Haus wieder ein CSD-Bühnenprogramm geben. Und auch der Ukraine-Krieg ist in diesem Jahr Thema. „Bei der Abschlusskundgebung wird es Redebeiträge von Gruppen aus Marburg geben, aber auch von den ukrainischen Organisationen Nash Svit und Kiew Pride“, kündigt Rebecca Richter an. In der Ukraine habe sich die Situation für die queere Community in den vergangenen Jahren vielversprechend entwickelt – doch nun werde sie durch den Krieg an den Rand gedrängt.

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Von Stefan Dietrich

20.07.2022
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