Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Darum wurde Aralsee zur Salzwüste
Marburg Darum wurde Aralsee zur Salzwüste
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 23.12.2019
Ein Schiffswrack ist in der Salzwüste des Aralsees „gestrandet“. Quelle: Christian Opp
Marburg

Der Aralsee war noch zu Zeiten der Sowjetunion das viertgrößte Binnengewässer der Erde. Dass aus dem See innerhalb von vier Jahrzehnten zwischen 1960 und dem Jahr 2000 zu großen Teilen eine verödete Salzwüste wurde, ist aus Sicht des Marburger Geographie-Professors Christian Opp eine der größten Umwelt-Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts rund um das Thema Wasser gewesen.

Die Ursachen dafür sind überwiegend menschengemacht, betont Professor Opp. Denn insbesondere für die Baumwollproduktion, die Versorgung der ständig wachsenden Bevölkerung und die Industrieproduktion wurden aus den beiden von Gletschern gespeisten Hauptzuflüssen des Sees über Jahre hinweg zu viel Wasser entnommen. 90 Prozent aller Fließgewässer gelangen in Bewässerungskanäle.

Die Folgen sind dramatisch: „Die vormals riesigen Ströme Amu-Darya und Syr-Darya verkümmern zu Rinnsalen beziehungsweise sie erreichen den Aralsee seit den 90er-Jahren meist nicht mehr“, bilanziert Opp. Der Geograph war bereits 1978 als Austauschstudent sechs Wochen lang in Zentralasien unterwegs und besuchte in dieser Zeit auch den in der damaligen ­Sowjetunion gelegenen Aralsee, den er mehr als zwei Jahrzehnte später wieder als Forscher wiedersah.

Kontinuierliche Staubtransporte

„Die größten Veränderungen in diesem Zeitraum sieht man ‚von oben‘ auf Satellitenbildern. Da ist eindeutig zu erkennen, wie sehr die Wasserfläche abgenommen hat“, erläutert Opp im Gespräch mit der OP. Aber er kann auch ganz subjektive Beobachtungen schildern, die den Unterschied zwischen der Situation Ende der 70er-Jahre und Anfang des neuen Jahrtausends verdeutlichen.

„1978 war die Umweltkatastrophe zwar schon im vollen Gange, aber wir haben noch guten Fisch aus dem Aralsee gegessen. Mehr als 20 Jahre später wurde kein Fisch mehr angeboten“, berichtet Opp. Auch Wasser fürs Teekochen zu bekommen, sei schon im Jahr 2000 am Südufer des Aralsees viel schwieriger geworden. Die Wasserpumpe war nur anderthalb Stunden in Betrieb, und das abgekochte Wasser hatte immer noch einen relativ hohen Salzgeschmack.

Nach einigen Vorprojekten beteiligte sich Christian Opp zwischen 2003 und 2012 an einem von der Europäischen Union geförderten Forschungsprojekt, in der es um die Erforschung der Folgen des Aralsee-Syndroms für die weitere Umgebung des Aralsees ging.

Dabei untersuchte der Marburger Geograph vor allem die kontinuierlichen Staubtransporte sowie einzelne Staubstürme, die den aus der Aralsee-Region stammenden mit Salz und giftigen Chemikalien versetzten Feinstaub teilweise bis zu 100 Kilometer weit transportierten – mit teilweise gravierenden gesundheitlichen Folgen für die Bewohner der umliegenden Regionen sowie für die Tier- und Pflanzenwelt.

Mahnmale am Schiffsfriedhof

Besonders auffällige Symbole des Aralsee-Syndroms – der Schrumpfung des Binnensees zu einer Salzlache – sind die vielen Schiffswracks auf dem „Schiffsfriedhof“ in Muinjak am ehemaligen Seeufer und den Deltaarmen. „In diesem Ort befand sich zur Zeit der Sowjetunion ein Fischerei-Kombinat mit 25.000 Beschäftigte“, berichtet die OP. Die nicht mehr für den Fischfang benötigten Schiffe wurden überall in der Landschaft als Schrott zurückgelassen.

Man sieht sie jetzt als einsame Mahnmale der Austrocknung. Die Messungen in Usbekistan wurden noch zwei Jahre lang von einem usbekischen Doktoranden fortgeführt, es gab jedoch keine weitere Folgefinanzierung. Der Marburger Geograph will aber einige Ideen aus dem großen Forschungsprojekt weiterverfolgen und hat einen Drittmittelantrag gestellt, bei dem die Anfälligkeit beziehungsweise Verwundbarkeit einzelner Regionen Zentralasiens für Sand- und Staubstürme im Fokus stehen soll.

Außerdem sollen Messungen in einem Teilgebiet wieder aufgenommen werden. Zudem bereitet Opp eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema Staub in Zentralasien vor. Mittlerweile gibt es bereits Unterrichtseinheiten für den Erdkundeunterricht, in die Opps Bestandaufnahme mit eingeflossen ist und in denen die Vorgänge rund um den Aralsee als Negativbeispiel für den Umgang mit Wasser fungieren.

Eigentlich sei weltweit immer noch genügend Wasser vorhanden, meint Professor Opp. Aber menschengemachte Umweltkatastrophen am Aralsee müssten auch weltweit dazu führen, effektiver und nachhaltiger mit Wasser umzugehen. Der Geograph mahnt jedoch auch an, dass das mit dem Aralsee-Syndrom verbundene Krankheitsbild in der Landschaft aufgrund ähnlicher Ursachen wie gravierendem Missmanagement in der Bewässerung auch in anderen Staaten der Erde auftrete.

So würden im Iran ebenso fast die gleichen Fehler gemacht wie auch in China oder in den USA. Aus Sicht von Opp basieren beispielsweise die Wasserprobleme im Unterlauf der Flüsse Colorado oder Rio Grande sowie das Verschwinden kalifornischer Feuchtgebiete zu einem erheblichen Teil auf ähnlichen Ursache-Wirkungsbeziehungen wie beim Aralsee-Syndrom.

von Manfred Hitzeroth